Adèle und das Geheimnis des Pharaos
Wie konnte sich so eine toughe, kantige Heldin nur in so eine glatte Inszenierung verirren? Luc Bessons Adèle und das Geheimnis des Pharaos wirkt sehr beliebig, hat aber durchaus Charme.
Die fabelhafte Welt der Adèle: So könnte man Luc Bessons Adaption der Comicreihe Jaques Tardis wohl recht treffend untertiteln. Wie der Off-Märchenonkel gleich zu Beginn das drollige Personal mitsamt allen Marotten vorstellt, während die Kamera auf Kranfahrten durch ein spielzeuggleiches Paris gleitet, da rühren sich im frankophilen Zuschauer wieder jene zärtlich-kitschigen Regungen, die im Kino niemand so zu kitzeln wusste wie Jean-Pierre Jeunet mit seiner Amélie.
Seine Comics sind Frankreich ja ebenso wichtiges Kulturgut wie die Filme, haben sie doch diesen ganz eigenen, überall auf der Welt wieder zu erkennenden Esprit, eine Leichtigkeit und Eleganz, die sie so angenehm unschrill wirken lässt neben den steroidgepushten angelsächsischen Graphic Novels. Nun waren die frankobelgischen bandes dessinées eines Hergé, Uderzo/Goscinny oder eben Tardi schon immer Werke, die sich, ganz anders als das französische Kino, nicht um Begriffe wie High und Low scherten. Da kamen erzählerischer Konservatismus, realistischer Zeichenstil und massenkompatible Charaktere zusammen, aber eben auch scharfer Zynismus, eine vollendete Form und die ein oder andere Aufarbeitung unangenehmer Episoden der Vergangenheit.
Somit ist eine Comicadaption erst einmal ein geschickter Ausgangspunkt, um in Frankreich Kino für die Schnittfläche aus Family-Entertainment, Fabulierlust und ästhetischem Popanz zu kreieren. Und Luc Besson ist dafür natürlich der passende Regisseur, hatten seine Filme doch nicht selten einen durchaus comichaften Zug ins Schrille, Bunte, Überzeichnete. Wobei man sich bei Adèle und das Geheimnis des Pharaos (Les aventures extraordinaires d'Adèle Blanc-Sec) mit zunehmender Dauer fast wehmütig fragt, was wohl ein Jeunet aus dem Stoff der burschikosen Journalistin (halb Indiana Jones, halb Simone de Beauvoir, so in etwa) gemacht hätte. Ob er die so leicht erscheinende, aber doch so ungemein schwierige Übertragung des Comics auf die Leinwand mit ein wenig mehr Fingerspitzengefühl sowohl für die Eigenheiten des Kinos als auch des bande dessinée hinbekommen hätte.
Denn dass zwischen beiden Gattungen Welten liegen, dass im Film oft bemüht oder albern wirkt, was im Comic stilvoll ist, das zeigt Bessons Film ein weiteres Mal. Das fängt bei den Bildern an: die augenzwinkernden Kadrierungen voll schiefer Winkel und seltsamer Proportionen, die herrlich anachronistische Ausstattung, der schiere visuelle Bombast: an Schauwert hat Adèle einiges zu bieten. Aber irgendwie wollte man zu viel: Der Schnitt holpert, als haben zu viele schöne Bilder zur Auswahl gestanden, die CGI-Effekte dagegen hinken noch weit hinter amerikanischen Standards her. Kostüme und Make-up decken alles ab zwischen einfallsreich und maßlos peinlich. Wenn Adèle, deren Kleiderwechselfrequenz einer Lady Gaga zur Ehre gereichte, am Anfang durch die ägyptische Wüste grabräubert, ist sie von derartigen Klischeearabern umringt (Krummsäbel, dreckige Haut, noch dreckigere Zähne, quietschbunte Gewänder), dass so etwas ernsthaft im Kino des Jahres 2010 vorgesetzt zu bekommen keinen echten Spaß bereitet. Oder die Gesichter: Mal wurden perfekte Charakterköpfe gecastet, die glaubhaft einem verqueren Paralleluniversum entsprungen zu sein scheinen (Jacky Nercession als spindeldürrer, verrückter, haarloser Wissenschaftler ist ein Beispiel), dann wieder zwingt die Schminke ihnen gewaltvoll lächerliche Comiczüge auf, die das Gesicht quasi egal machen (der arme Mathieu Amalric, so ein großartiger Schauspieler, hier wirkungslos verfeuert).
Am klarsten treten die Unzulänglichkeiten aber, mal wieder, bei der Story zutage. Im gezeichneten Universum kann man sich so manche Absurdität, Verkürzung, Übertreibung erlauben, man braucht sie beizeiten sogar, um die Andersartigkeit der Comicwelt herauszustreichen und attraktiv zu halten. Im Film hingegen kommt dabei schnell miese Indiana Jones-Kopiererei heraus, wenn ein Wissenschaftler, im Zimmer schwebend, einen Pterodaktylus aus dem prähistorischen Ei im nahe liegenden Museum befreit oder irgendwelche ägyptischen Grabbeilagen zu tödlichem Leben erwachen. Dann wiederum ist die Reanimierung einiger Mumien (denn es geht um Unsterblichkeit, um Leben nach dem Tod, alles sehr ägyptisch) wirklich wunderbar gelöst, ihr trockener Humor, der ein paar Jahrtausende Zeit zum Reifen hatte, der komödiantische Höhepunkt des Filmes.
Es ist ein Stückwerk, das uns Besson anbietet, ohne klare narrative Bogen und mit viel Ausschuss. So kommt der Erzbösewicht mal ganz am Anfang und ganz am Ende vor, im eigentlichen Hauptplot spielt er überhaupt keine Rolle. Warum genau Adèle ganz unbedingt ihre Schwester aus dem Koma erwecken will, kommt viel zu spät ans Licht, und viele Passagen funktionieren eher nach einem modularen denn nach einem dramatischen Prinzip. Macht ja nichts, könnte man sagen, solange man Spaß hat an den einzelnen Szenen und die Kinder staunen. Aber hier schlägt dann der Comic (die Vorlage richtet sich auch wirklich an ein eher älteres Publikum) noch einmal zurück: Zwei Szenen sind doch etwas zu grausam, um Adèle und das Geheimnis des Pharaos als lupenreines Family-Entertainment durchgehen zu lassen.
Filmkritik von Nino Klingler
Veröffentlicht am 24.07.2010
Kommentare zu Adèle und das Geheimnis des Pharaos
sebastian 02.08.2010 23:22
der schlechteste film den ich je gesehen habe!!!
2-3 stellen an denen man lachen kann, aber das wars.
ansonsten lohnt es sich überhaupt nicht dafür ins kino zu gehen bzw. sich die dvd zu kaufen/auszuleihen!
flo 06.08.2010 18:08
vor 2 tagen in der sneak preview gesehen und ich muss sagen, nach den ersten minuten hab ich mit dem gedanken gespielt, das kino zu verlassen!
und im nachhinein hab ich mich geärgert, dass ich es nicht gemacht hab!
selten so einen schlechten film gesehen, der es meiner meinung nach nicht wert ist, im kino gezeigt zu werden!
sicher finden sich bestimmt auch ein paar befürworter des films, aber das ist wohl eher die ausnahme!!
einfach nur geldverschwendung!!!
Sascha 10.08.2010 10:55
Kann die Kritiker nicht verstehen. Es ist wahrlich nicht der schlechteste Film den ich je gesehen habe... da gibt es weitaus schlimmere.
Der Film hat seinen eigenen Charme und ist für die Sneak durchaus in Ordnung. Es mag wohl eher an einen netten Fernsehabend erinnern, als ein spannendes Action-Abenteuer - das man von Luc Besson mehr gewohnt ist. Dennoch versprüht der Film einiges an Witz und Humor und zum Lachen gibt es viele Stellen. Wenn man nicht explizit über die Story nachdenkt, ist der Film durchaus sehenswert - wo bleibt jedem selbst überlassen.
Sheytan 01.09.2010 22:20
Ich habe ihn gerade im Sneak Preview gesehen und bin nach etwa 15 Minuten gegangen.
Ein Wissenschaftler hat einen Dinosaurier wiederbelebt, der Leute attackiert hat und Grabräuber wurden von Goldschmuck erwürgt. Eine Frau hat eine Mumie umarmt und ist mit ihr durch das Grab in einen Oase geschlittert. Nein danke.
Jule 16.09.2010 16:31
Also ich habe den film ebenfalls im sneak preview gesehen und fande ihn ehrlich gesagt nicht schlecht. Ja klar, er ist etwas verrückt und durchgeknallt, aber wer davor nicht zurückschreckt macht mit dem Film nichts falsch. Am Anfang ähnelt er wirklich stark der fabelhaften Welt der Amelie, vorallem die Weise, wie der Erzähler die Geschichte erklärt. Ich finde diese französische Art sehr charmant und hatte viel zu lachen in dem Film. ISt bestimmt nichts für jeden, aber mir hats gefallen :).
Pauline 17.09.2010 18:15
Auch uns brachte die Sneak Preview in diesen Film. Als sich der Film als französiche Produktion outete üerlegte ich fieberhaft, wie man den Abend noch retten konnte mittels eines ALternativprogramms. Wenige Minuten später hatte mich der französich verspielte Charme des Films in seinen Bann gezogen. Charaktervolle Gesichter und Gestalten, zauberhafte Bilder eines Paris im Jahre 1911, ein wildes Gemisch aus verschiedenem bekannten Elementen mit einer herrlichen Tüte Humor gemischt: Ein verrückter aber schöner Film weit ab von Main-Stream-Movies und Popcorn-Kino. Wie schade, daß wir nurnoch Splattermovies mit perfekten Zahnreihen und operierten Brüsten gefallene finden können aus USamerikanischer Produktion....wir hatten einen herrlichen Abend für wenig Geld
Anna 22.09.2010 00:19
Ebenfalls eben in der Sneak gesehen. Mir gefiel der Film und auch ausnahmslos allen mit denen ich danach gesprochen haben. Auch hat niemand den Saal verlassen was wirklich selten ist.
Er mag vielleicht etwas abgedreht sein und alles andere als realistisch aber wir haben viel gelacht und uns köstlich über adéles sarkasmus amüsiert
Marc 28.09.2010 23:01
Die negativen Stimmen hier kann ich nur schwer nachvollziehen. Der Film ist mit das lustigste und charmanteste, was ich in letzter Zeit gesehen habe. So einen rundum gelungenen Kinoabend hatte ich lange nicht - und ich hatte denn Eindruck, der großen Mehrheit des Publikums ging es genauso.
Claudia 12.10.2010 10:37
Ein herrlich abgedrehter Film, mit witzigen Dialogen, der uns gut gefiel, aber sicher nicht für die große Masse geeignet ist, weil er sich zu sehr von den üblichen US-Filmen abhebt. Ich kann ihn nur empfehlen und hatte den Eindruck, dass auch die anderen Zuschauer angetan waren.
lars 15.10.2010 19:57
klasse Film, er nimmt alles auf´s Korn was es an Stereotypen im Punkto Mumien, Abenteuer und dem ganzen Ägypten-trallala so gibt. Mir hat der Film Spass gemacht, er ist abgedreht und schräg und wohl nichts für Jedermann, wie ein kurzer Blick über die Kritiken zeigt.Die Art und Weise wie der Film Realität und Logik einfach lässig beiseite räumt ist für mich sehr ansprechend. Ansprechender als dieser ganze Actionquatsch, der sich selber auch noch ernst nimmt. Hat mich sehr an Tim und Struppi erinnert. Wer natürlich einfachen gut erkennbaren Humor mag und klare schön Gewaltszenen liebt tja, gibt ja genug in der Richtung. So einen Film wie diesen kann es ruhig öfter mal geben.
Moric 18.10.2010 09:26
Tja... leider, leider kann ich den Film auch nur als äußerst schlecht bezeichnen... ich mag wirklich überdrehte und skurrile Filme, wie "Fear and Loathing in Las Vegas", "Brazil", "5th. Element", "The Big Lebowski" usw. usf.
Aber DAS hier??? Was war das? Abenteuer-Film, Comic-Abklatsch? Die superdünne Handlung hätte auf einem Streifen Klohpapier Platz. Und dafür würde ich dieses Machwerk auch benutzen.
Ich bin auch nicht rausgegangen, weil ich das erst zwei Mal gemacht habe und nur dann unternehme, wenn ich brechen muss...
Ich gebe zu, die Hauptdarstellerin gefiel mir in der Rolle gut, auch die Animationen der Mumien und deren Einbringung waren wirklich schön gelöst... aber ansonsten?
Ganz ehrlich... wie kann man ernsthaft im Jahre 2010 einen solch grottenschlecht fürchertlich vermurksten CGI-Effekt wie den des Mini-Pterodaktylus abliefern?
Das allein macht den Film schon schlecht, da dieser Flugsaurier ständig im Bild (in Großaufnahme) ist... von der Qualität des Effekts erinnert der Angesprochene an die ersten Slow-Motion Effekte (wie bei Sinbad)... und die waren noch besser und irgendwie hatte sie ihren Reiz.
Also ich kann von diesem Müll-Film nur dringenst abraten... es ist schlechter Trash !
Michael 20.10.2010 19:19
Das den meisten Hollywood glotzenden Stereotypen der Film nicht zusagt ist mehr als logisch. Ehrlich gesagt freue ich mich sogar darüber. Er ist durchgeknallt, mutig, da er keiner Standardlinie folgt, und überaus sympathisch. Die Hauptdarstellerin ist emanzipiert, frech und darüber hinaus herrlich natürlich. (Eine der wenigen Frauen die man auch gerne privat kennen lernen wollen würde.) Kein aufgedunsener Star der einem schon ins Gesicht schreit: "Ich bin die Hauptfigur!"
Der französiche Esprit ist dabei sehr offensichtlich, was einen sofort in dieses wundervolle Land entfliehen lässt. Es ist einfach leicht. Eine Leichtigkeit die jeglicher Struktur und Banalität entbehrt. Sich selber neue Horizonte schafft. Französiche Filme sind absolute Liebhaberstücke und stehen direkt neben einfallsreichen irischen und skandinavischen Stücken ebenso wie vereinzelten deutschen Werken. Losgelöst vom Hollywood Einerlei, wo ein Film mehr verspricht als es der andere halten kann. Dieser Film hinterlässt eine Variation von Gefühlen, die mich auch gerade zu diesen Worten inspirieren. Dahinter steckt keine knallharte Filmindustrie die Millionen begeistern muss um zu überleben.
Ein gutes Werk für alle Kunstfilmliebhaber und verquere Phantasten da draussen. Denn letztlich sind es diese Menschen, die die Welt verändern.
Ein Glas Wein zum Abschied und ein Lächeln an alle Menschen da draussen.
In diesem Sinne...
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Film-Angaben
Titel: Adèle und das Geheimnis des Pharaos
Originaltitel: Les aventures extraordinaires d’Adèle Blanc-Sec
Frankreich 2010
Laufzeit: 111 Minuten
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Regie: Luc Besson
Drehbuch: Luc Besson
Produktion: Virginie Besson-Silla
Bildgestaltung: Thierry Arbogast
Montage: Julien Rey
Musik: Eric Serra
Darsteller: Louise Bourgoin, Nicolas Giraud, Philippe Nahon, Gilles Lellouche, Mathieu Amalric, Frédérique Bel, Jean-Paul Rouve, Swann Arlaud, Grégory Ragot, Christophe Dimitri Réveille, Laure de Clermont-Tonnerre, Jacky Nercessian
Kinostart: 30.09.2010
DVD-Angaben
Titel: Adèle und das Geheimnis des Pharaos
Vertrieb: Universum Film
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Französisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Spieldauer: 103 Minuten
Extras: Making Of; Die Magie der Drehorte; Vom Comic zum Film; Music-Clip; B-Roll (Set, Tonstudio); Deleted Scenes; Interview mit Cast & Crew
Verleih ab: 09.03.2011
Verkauf ab: 01.04.2011
Copyright Adèle und das Geheimnis des Pharaos
Fotos: © EuropaCorp Distribution / Walt Disney
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - mit Kritiken, Empfehlungen und Trailern. www.critic.de/berlinale/
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