Acht Stunden sind kein Tag

Probleme und ihre Lösungen. Fassbinder träumt in seiner Fernsehserie eine proletarische Utopie.

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Eigentlich war Rainer Werner Fassbinder nicht gerade für seine künstlerische Kompromissfähigkeit bekannt. Obwohl er bis heute der bekannteste Regisseur Deutschlands ist und während seiner Laufbahn überwiegend dem klassischen amerikanischen Erzählkino nahestand, lassen sich doch die wenigsten seiner Filme als massenkompatibel bezeichnen. Selbst die zahlreichen Arbeiten für das öffentlich-rechtliche Fernsehen biederten sich keinem populären Geschmack an. Allerdings gab es da eine Ausnahme: eine Familienserie, mit der sich Fassbinder als Wolf im Schafspelz versuchte und ungewohnte Zugeständnisse an das Fernsehpublikum machte.

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Obwohl die vom Westdeutschen Rundfunk produzierte Serie Acht Stunden sind kein Tag (1972-73) ursprünglich für einen längeren Zeitraum geplant war, drehte Fassbinder letztlich nur fünf Folgen. Die Handlung spielt in Köln, einer Hochburg der Industrialisierung, und erzählt vom Werkzeugmacher Jochen (Gottfried John) sowie verschiedenen Kollegen und Verwandten. Es ist zunächst ein bisschen verwirrend, dass die einzelnen Episoden jeweils nach einem Paar benannt sind, weil der Fokus doch relativ konstant auf Jochen, seiner neuen Freundin Marion (Hanna Schygulla) und seiner vorlauten Oma (Luise Ulbrich) liegt. Dabei widmen sich die Geschichten gleichermaßen Arbeits- und Privatleben, den Freuden und Leiden der kleinen Leute, und zeigen nicht zuletzt, wie sich sozialistische Ideen in die heile Welt einer bundesdeutschen Familienserie schleusen lassen.

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Die leichte Zugänglichkeit, die ihm oft abgesprochen wurde, sucht der Regisseur in Acht Stunden sind kein Tag ganz offensiv. Fassbinder stellte die für seine Inszenierungen charakteristische Künstlichkeit ausnahmsweise hintenan und orientierte sich am dramaturgischen Gerüst von zeitgenössischen Familienserien mit ihren stereotypen zwischenmenschlichen Konflikten. Das Neue an der Serie war jedoch, dass sie mit aktuellen Problemen modernisiert wurde, die in ähnlichen Formaten unberücksichtigt blieben. So geht es unter anderem um den schwierigen Weg, den eine Frau damals gehen musste, wenn sie sich von ihrem Mann trennen wollte, um den alltäglichen Rassismus gegenüber Gastarbeitern oder um überhöhte Mietpreise in einer Zeit, in der noch niemand etwas von dem Wort „Gentrifizierung“ gehört hat.

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Gerade Leute, wo überall vom „Wutbürger“ die Rede ist, scheint eine Serie, die den Aktivismus einfacher Bürger propagiert, wieder ungemein aktuell. John und Schygulla sind als Vorzeigepärchen dieser Bewegung ebenso pfiffig wie sexy und bieten den dämonischen Ausgeburten des Kapitalismus die Stirn. Hier hat man es mit einer Serie zu tun, die ernsthaft den Zuschauer mobilisieren möchte und ihre Figuren dafür mit einem ungebrochenen Enthusiasmus ausstattet. Tatsächlich war Fassbinder nie wieder so optimistisch. Den stets auf Sympathie gebürsteten Figuren – lediglich Stammschauspieler wie Irm Hermann und Kurt Raab dürfen noch bitterböse Spießerparodien geben – wird nicht nur ungewöhnlich viel Glück zugestanden, sondern auch der ein oder andere Sieg über die Ungerechtigkeiten des Alltags.

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Dass die Serie dabei auch einen Lernprozess beim Publikum auslösen, ein Bewusstsein für die Funktionsweisen der Gesellschaft und eine Anleitung für die Lösung von Problemen schaffen möchte, rückt sie in die Nähe von Agitationsfilmen. Dabei geht es Fassbinder immer darum, leicht verständlich zu bleiben. Statt intellektuelle Phrasen von sich zu geben, legt der Film jeden Gedanken ausführlich und nachvollziehbar dar. Entweder zerbrechen sich die Arbeiter im Wirtshaus darüber den Kopf, wie sie sich gegen die Ausbeutung in der Fabrik wehren können, oder Jochen erklärt Marions kleinem Bruder, wie die eigentlich begrüßenswerte Beschleunigung des Arbeitsprozesses für ihn und seine Kollegen schließlich zum Nachteil wurde.

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Natürlich zahlt Fassbinder für sein ambitioniertes Anliegen auch einen entsprechenden Preis. Schon damals wendeten sich einige seiner Gefährten kurzzeitig von ihm ab, weil ihnen Acht Stunden sind kein Tag, wie Harry Baer es ausdrückte, „zu lasch“ war. Denn um seine Botschaften zu platzieren, machte es sich Fassbinder auch teilweise in den Niederungen der volkstümlichen Nachkriegskomödie gemütlich. Die verniedlichte Familienwelt, die harmlos netten Witzchen und auch einige Figuren scheinen direkt Papas Kino entlehnt zu sein. Eine besondere Herausforderung für den Zuschauer stellt der einstige UFA-Star Luise Ullrich als agile Großmutter dar. Immer wieder springt sie in die Bresche für die, die sich nicht wehren können, legt sich mit der Obrigkeit an oder eröffnet einen improvisierten Kindergarten, um die Kleinen von der Straße zu holen. Egal welches Problem auftaucht, die kesse Omi wird’s schon richten.

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Die soziale Utopie gerät hier teilweise zum naiven Weltverbesserer-Kitsch. Und auch die Leichtigkeit, mit der die Widerstände in Berufs- und Privatleben überwunden werden, ist nicht immer leicht zu ertragen und wird lediglich im Kontext von Fassbinders Gesamtwerk zur radikalen Geste. Denn wo sonst schien es ihm wichtig, die Hoffnung am Leben zu halten, um die potenziellen Revolutionäre im Publikum nicht zu entmutigen. Acht Stunden sind kein Tag zählt sicher nicht zu jenen verborgenen Perlen in Fassbinders Filmografie, die unbedingt ihren Weg nach draußen finden müssen. Die Serie ist eher als Experiment interessant, bei dem politische Zusammenhänge für ein größeres Fernsehpublikum in leicht konsumierbare Häppchen gepackt wurden.

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