Absurdistan
„Lysistrata“ in Aserbaidschan: In Veit Helmers burlesker Komödie treten sämtliche Frauen in den Sexstreik, damit die faulen Männer ihr Dorf wieder mit Wasser versorgen.
In den Filmen von Veit Helmer muss ein Mann noch richtig ackern, um die Frau seines Herzens zu erobern. Kreativität und vor allem handwerkliches Geschick sind gefragt. Das gilt auch für den jungen Temelko (Maximilian Mauff, Die Welle, 2008). Ungeduldig fiebert er der ersten gemeinsamen Nacht mit Aya (Kristýna Malé?ová) entgegen, mit der er seit seiner Kindheit befreundet ist und sich schon als Vierjähriger verlobt hat. Zuvor soll er aber die morschen Wasserrohre in ihrem abgeschiedenen Heimatdorf reparieren. Bis zu einem lang ersehnten Bad verweigert sich die Angebetete wie alle übrigen Frauen von „Absurdistan“.
Nach einer bulgarischen Schwimmhalle im Kinodebüt Tuvalu (1999) und dem Frankfurter Flughafen in Tor zum Himmel (2003) wählte Helmer für seinen dritten Langfilm mit einem entlegenen Ort im Nordwesten Aserbaidschans den bisher ungewöhnlichsten Drehort. Zwischen Kaukasus und Kaspischem Meer hat der Autor und Regisseur erneut eines seiner versponnenen Slapstick-Märchen inszeniert, in denen die Gesetze von Jetzt und Hier aufgehoben sind, und die Realität der Phantasie den Vortritt lässt. Da sich das ferne Helmer-Universum vorrangig über das Visuelle mitteilen möchte, und Dialoge darin eine Nebenrolle spielen, besteht es wieder aus einer multinationalen Besetzung. Die Darsteller wurden aus 18 Ländern zusammengesucht, wie für die beiden früheren Werke mit speziellem Augenmerk auf markante, einprägsame Gesichter.
Helmers männliche Protagonisten demonstrieren ihre romantische Ader gerne mittels hoch komplizierter Basteleien: im Kurzfilm Surprise! (1995) ist es eine akribisch ausgetüftelte und dennoch lebensbedrohliche Aufweckapparatur für den Morgen danach, inklusive kalter Dusche aus dem Zinkeimer an der Schlafzimmerdecke und das von einem Pfeil geköpfte Frühstücksei für die konsternierte Liebste. In der Eröffnungssequenz von Absurdistan schießt Temelko seine Aya in einer mittelalterlich wirkenden Flugmaschine in den Himmel, um ihr mit dem Gefühl der Schwerelosigkeit einen Vorgeschmack auf das erste Mal zu geben. Später gondelt er sie in der eigens konstruierten Seilbahn über Vollmond beschienene Dorfdächer und lässt sie schließlich in eine Art Planschbecken für Verliebte plumpsen.
Verschrobene Erfindungen und verträumte Szenarien zeichneten schon Helmers Erstling Tuvalu aus. Auch für seinen neuen Film wurde viel Zeit in die Gestaltung der spleenigen und kuriosen Requisiten investiert. Besonders die nächtlichen Schauplätze sind sorgsam ausgestattet und anmutig ausgeleuchtet, ihre pittoreske Lieblichkeit bewegt sich allerdings manchmal nah an der Grenze zum Kitsch. Sie sollen eine magische Atmosphäre heraufbeschwören, und ab und zu gelingt es ihnen auch, insgesamt will die Liebesgeschichte aber nicht so recht funken und verzaubern. Die zwei jungen Protagonisten geben mit ihrer konträren Erscheinung zwar ein hübsches Paar ab, es mangelt ihnen aber an spezifischen Eigenarten, und somit sind sie wie viele Helmer-Figuren mehr Typen als Charaktere. Die Voice-Over-Kommentare von Temelko und Aya ändern daran nichts. Im Gegenteil stören sie eher und überbetonen lediglich das, was durch die Bilder bereits bekannt ist.
Deren eigenständiger Ausdruckskraft scheint der Regisseur anders als in seinem ästhetisch ausgefallenen Debüt selbst nicht ganz zu vertrauen. Tuvalu funktionierte bis auf ein paar vereinzelte Ausrufe und Wortfetzen als Stummfilm, für den Helmer in Schwarzweiß gedrehte Aufnahmen anschließend unterschiedlich monochrom einfärbte: das Außen in einem kühlen Blau, das Innen in einem warmen Braun… Die verschiedenen Sequenztönungen erzeugen beim Zuschauen diverse Stimmungen, und ihre häufige Variation schafft eine Dynamik, die der konventionelleren Bildsprache von Absurdistan weitgehend fehlt.
Dass Veit Helmers Kampf der Geschlechter den Zunder vermissen lässt, liegt außerdem an seiner stark episodenhaften Erzählweise und den überwiegend braven, ungepfefferten Einfällen. Die Handlung springt von einer mal mehr, mal weniger putzigen oder skurrilen Idee zur nächsten. Der teils klamottige Slapstick-Humor ist natürlich Geschmacksache. Komik bedeutet hier, dass ein Mann sich einen BH umschnallt, und eine Frau mit einem Netz eingefangen wird. Rufen die notgeilen Herren eine Sex-Hotline an, kappen die patenten Damen die Telefonleitung. Solch burleske Situationen wechseln sich mit poetisch angelegten Momenten ab, gehen jedoch keine harmonische Liaison ein.
Am Ende werden Temelko und Aya von einer Wasserfontäne getragen und schweben einige Meter über der Erde. Auch Absurdistan zieht es in entrückte Sphären und hebt sich vom Mainstream romantischer Komödien ab – den Zuschauer verliert er dabei streckenweise aus den Augen.
Filmkritik von Birte Lüdeking
Veröffentlicht am 21.02.2008
Kommentare zu Absurdistan
Martin Z. 05.08.2010 19:03
Ein recht amüsanter Spaß vom Kampf ums Wasser, der sich zum Geschlechterkampf entwickelt. Im Mittelpunkt steht das Liebespaar Temelko und Aya, deren Hochzeitswunsch der Motor des Ganzen ist. Leider wird mit den üblichen Clichées gearbeitet. Die Männer sind etwas einfältig, faul aber geil, wohingegen die Frauen zielstrebig vorgehen und mittels ihres Geschlechtes herrschen. Sie agieren, während die Männer nur jeweils reagieren können. Da ist dann kein Platz für die Liebe, sondern nur für Liebeskummer, derbe Späße und Schabernack. Den Schauspielern sieht man oft an, dass es Laien sind und freut sich aber mit ihnen dann doch über das vorhersehbare Happy End in seiner ganzen Eindimensionalität. Hier kommt dann noch eine gewisse Symbolik zum Tragen, wenn Aya ihrem Liebsten das ’Fliegen’ beibringen muss. Harmlos, aber ganz nett.
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Film-Angaben
Titel: Absurdistan
Deutschland 2007
Laufzeit: 87 Minuten
Regie: Veit Helmer
Drehbuch: Veit Helmer, Gordan Mihic, Zaza Buadze, Ahmet Golbol
Produktion: Veit Helmer, Linda Kornemann
Darsteller: Max Mauff, Kristýna Maléřová, Nino Chkheidze, Ivane Ivantbelidze, Ani Amiridze, Ilko Stefanovski, Assun Planas, Otto Kuhnle
Kinostart: 20.03.2008
DVD-Angaben
Titel: Absurdistan
Vertrieb: Universal Pictures
Bild: 1,78:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Russisch (DD 2.0/Stereo), Tschechisch (DD 2.0/DS)
Untertitel: Englisch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 87 Minuten
Extras: Dokumentation „Der lange Weg nach Absurdistan“, Entfallene Szenen, Interview mit dem Regisseur Veit Helmer, Trailer
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 26.03.2009
Copyright Absurdistan
Fotos: © Farbfilm Verleih
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