Absolute Wilson
Mit ihrem Dokumentarfilm Absolute Wilson versucht Katharina Otto-Bernstein sich einem der großen Theaterregisseure des 20. Jahrhunderts zu nähern. Entstanden ist das Portrait eines extravaganten Künstlers, das als poppige Kollage dessen Leben und Werk rekapituliert.

Robert Wilson, ein Mann der Superlative. Berühmt wurde er durch sein Theater der Bilder, berüchtigt war er wegen seiner Mammutprojekte, die Millionen schluckten: wie zum Beispiel das multinationale Epos The CIVIL warS (1981-1984), das 1984 bei den Cultural Olympics in Los Angeles aufgeführt werden sollte, aus Kostengründen jedoch nie vollendet wurde. Absolute Wilson ist als Titel eines Dokumentarfilms über den Regisseur daher konsequent gewählt. Fünf Jahre lang hat die Hamburger Filmemacherin Katharina Otto-Bernstein Robert Wilson begleitet und versucht, dessen Welt zu verstehen – einen Kosmos geprägt vom Reichtum der Bilder und Formen, deren surrealer Inhalt oft nur schwer zugänglich ist und dennoch beeindruckt.
Robert Wilson wurde 1941 in Waco, Texas geboren. Als Sohn des Bürgermeisters blieb ihm nicht viel Raum für ein Leben abseits der Norm. Durchschnitt ist Wilson jedoch nie gewesen. Schon früh stellte sich heraus, dass er anders war als gleichaltrige Kinder. Eine Lernschwäche erschwerte ihm die Verarbeitung äußerer Einflüsse, die viel zu schnell auf ihn einprasselten. Erst durch seine Ballett-Lehrerin gelang es ihm, diese Eindrücke zu verlangsamen und „richtig“ wahrzunehmen – eine Erfahrung, die sich in den zeitlupenartigen Bewegungen seiner Stücke äußert.

Robert Wilsons Ruhm gründet sich vor allem auf seine Inszenierungen der 70er Jahre. Während er in dieser Zeit das Theater revolutionierte, folgte in den 80ern und 90ern wenig Neues. Die Bühnenarbeiten knüpften an die ersten Erfolge an, ohne jedoch neue Impulse aufzugreifen. Ein Aspekt, den Katharina Otto-Bernstein nicht in ihren Film einbezieht, sie beleuchtet hauptsächlich Wilsons fruchtbare Phase.
Informativ ist Absolute Wilson, das ist keine Frage. In Interviews mit dem Regisseur selbst, aber auch mit Wegbegleitern wie der Kritikerin Susan Sontag, fließen viele Informationen aus Wilsons Leben in den Film ein, die durch Fotos, Zeitungsartikel und Videoaufzeichnungen greifbar werden. Die entstandene Collage ist eine Hommage, die Lust macht auf mehr.
In Form von Videosequenzen flicht Otto-Bernstein einige der großen Werke in ihren Dokumentarfilm ein, wie zum Beispiel KA MOUNTain and GUARDenia Terrace (1972) oder Deafman Glance. In diesem 1970 uraufgeführten Stück steht der taubstumme Raymond Andrews im Mittelpunkt einer siebenstündigen Folge von Szenen, die aus dessen Erfahrungen und Träumen resultiert. Wie in den meisten von Wilsons Frühwerken beschränkt sich der Regisseur auch hier fast ausschließlich auf die visuellen Mittel des Theaters. Katharina Otto-Bernstein versucht, durch die Videosequenzen einen Einblick in Wilsons Schaffen zu gewähren. Die bildgewaltigen Inszenierungen sind allerdings so komplex, dass das Originalmaterial über mehrere Minuten hinweg eingespielt werden müsste. Das lässt das rasante Tempo des Films jedoch kaum zu. Ein wirklicher Eindruck von Wilsons Bühnenarbeiten entsteht insofern nicht.

Absolute Wilson besticht vor allem durch eine vom Zuschauer kaum zu bewältigende Informationsflut. Es ist fast unmöglich, die hervorgehobenen Zeilen der Zeitungsartikel zu lesen, dabei die einzelnen Fotos und Aufzeichnungen der Inszenierungen zu verfolgen, die gleichzeitig über die Leinwand flimmern, und zusätzlich auf die Stimmen aus dem Off zu hören. Die Regisseurin hat über die Jahre hinweg viel Material gesammelt, das sie im Film präsentiert. Ein wenig fühlt man sich an ein Museum erinnert, in dem durch einzelne Schnipsel ein Gesamtbild erzeugt werden soll. Nur hat der Betrachter hier nicht genug Zeit das Gesehene einzuordnen.
Um die Fragmente zusammenzufügen, setzt Otto-Bernstein Musik ein. Oft ist nicht klar, ob die musikalische Untermalung von ihr selbst ausgewählt wurde, oder ob sie ein Teil von Wilsons gerade im Bild erscheinenden Inszenierung ist. Diese ständige Präsenz des zumeist hektischen Klangteppichs erinnert in Kombination mit den Bildcollagen und den Lobeshymnen der Wegbegleiter Wilsons an so manches Portrait auf MTV. Die Musik ist wegen ihrer Dauerpräsenz und ihres Tempos nicht nur äußerst anstrengend, sondern trägt zusätzlich dazu bei, der Dokumentation das Prädikat Werbefilm überzustülpen.
Eine Hommage an Robert Wilson? – Warum nicht. Katharina Otto-Bernstein scheint den Zuschauern jedoch nur wenig zuzutrauen, zu sehr lenkt sie deren Blick und Urteil. Mehr Distanz hätte der Produktion nicht geschadet; die für Absolute Wilson ausgewählten Inszenierungen sind so großartig, dass sie für sich hätten stehen können.
Filmkritik von Sarah Hergenroether
Veröffentlicht am 29.08.2006
Kommentare zu Absolute Wilson
Es gibt bisher noch keine Kommentare.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Absolute Wilson. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Absolute Wilson
Deutschland 2006
Laufzeit: 105 Minuten
Regie: Katharina Otto-Bernstein
Drehbuch: Katharina Otto-Bernstein
Produktion: Katharina Otto-Bernstein
Kinostart: 12.10.2006
DVD-Angaben
Titel: Absolute Wilson - Special Edition
Vertrieb: Kinowelt Home Entertainment
Bild: 1,33:1, 4:3
Sprache(n): Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Spieldauer: 101 Minuten
Extras: Dokumentation über Robert Wilson und seine Arbeiten; Opern-Inszenierungen; ausführliche Interviews mit Zeitzeugen; Deutschland-Premiere; Die Feier zum 65. Geburtstag Wilsons; Kinoplakat; Texte; Trailer
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 14.12.2007
Copyright Absolute Wilson
Fotos: © Kinowelt
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - mit Kritiken, Empfehlungen und Trailern. www.critic.de/berlinale/
Berlinale 2012: Empfehlungen
Filmempfehlungen für Forum, Forum Expanded und Panorama der 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin. weiter
Berlinale: Kritiken
Captive
R: Brillante Mendoza
Die Wand
R: Julian Pölsler
Barbara
R: Christian Petzold
Revision
R: Philip Scheffner
Caesar Must Die
R: Paolo Taviani, Vittorio Taviani
Death for Sale
R: Faouzi Bensaïdi
Aujourd'hui
R: Alain Gomis
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Neu im Kino
09.02.2012
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
In Darkness - Eine wahre Geschichte
R: Agnieszka Holland
Black Gold
R: Jean-Jacques Annaud
02.02.2012
Moneyball
R: Bennett Miller
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Underworld Awakening
R: Måns Mårlind, Björn Stein
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Demnächst im Kino
Gefährten
R: Steven Spielberg
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Don 2
R: Farhan Akhtar
Take Shelter - Ein Sturm zieht auf
R: Jeff Nichols
Shame
R: Steve McQueen
Barbara
R: Christian Petzold
Beauty
R: Oliver Hermanus
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Kaddisch für einen Freund
R: Leo Khasin
Der Preis
R: Elke Hauck
Young Adult
R: Jason Reitman
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Der König von Bastøy
R: Marius Holst
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
UFO in Her Eyes
R: Xiaolu Guo
Beloved
R: Christophe Honoré
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Die Wand
R: Julian Pölsler
Neu auf DVD
Crazy, Stupid, Love.
R: Glenn Ficarra, John Requa
Sieben Tage Sonntag
R: Niels Laupert
Boardwalk Empire Season 1
R: Timothy Van Patten, Allen Coulter ...
Aktuell im TV
Neandertal
Mo 13.02, 09:25 Uhr, kultur (ZDF digital)
L.A. Confidential
Nacht von Mo auf Di, 13.02-14.02., 02:00 Uhr, arte
Im Schatten
Di 14.02, 20:25 Uhr, 3Sat
Hotel Ruanda
Nacht von Di auf Mi, 14.02-15.02., 00:15 Uhr, BR
Schläfer
Mi 15.02, 20:15 Uhr, kultur (ZDF digital)
Yella
Mi 15.02, 22:25 Uhr, 3sat






