Abgedreht – Kritik

Wenn zwei Freunde Blockbuster in ihren eigenen Versionen nachdrehen: Michel Gondrys neuer Film feiert Phantasie und Begeisterung fürs Kino als hinreißend komisches Fest.

Abgedreht

Passaic, New Jersey, hat schon einmal bessere Zeiten gesehen, zumindest diese Ecke der kleinen Stadt: Schräg gegenüber von Jerrys (Jack Black) heruntergekommenen Autowerkstatt arbeitet dessen Freund Mike (Mos Def) in der Videothek „Be Kind Rewind“, die immer noch ausschließlich VHS-Bänder anbietet.

Als sein Chef Elroy Fletcher (Danny Glover) für ein paar Tage verreisen will, soll Mike sich allein hinter der Verleihtheke bewähren. Ungeschickterweise sucht sich Jerry ausgerechnet diese Zeit aus, um einen Sabotageakt gegen das benachbarte Elektrizitätswerk zu verüben, von dem er annimmt, dass es ihm mit elektromagnetischer Strahlung das Gehirn zerstöre.

Die nächtliche Aktion scheitert in einer großartigen Slapstickeinlage; dummerweise wird Jerry dabei elektrisch aufgeladen und magnetisiert – und löscht sozusagen im Vorbeigehen unabsichtlich alle Videobänder des „Be Kind Rewind“. Um die wenigen, aber aufmerksamen Kunden nicht zu enttäuschen, entschließen sich Jerry und Mike, nachgefragte Filme in Kurzfassungen selbst nachzudrehen.

Abgedreht

Es ist diese aus der Not geborene Schnapsidee, die Abgedreht (Be Kind Rewind) über einen Großteil seiner Laufzeit trägt und für die komischsten Momente des Films sorgt. Der Trick ist dabei, dass die Szenen und Spezialeffekte aus Blockbustern wie Ghostbusters (Ghost Busters, 1984) oder RoboCop (1987) mit ganz einfachen Mitteln nachgestellt werden – wobei wir Zuschauer nur jene Stellen aus Jerrys und Mikes Fassungen zu Gesicht bekommen, die als sofort wiedererkennbar im kulturellen Gedächtnis gespeichert sind. Sicher nicht zufällig zeichnen sie sich genau durch jenen Anstrich des Handgemachten aus, den auch viele Effekte in Michel Gondrys vorherigem Film The Science of Sleep (La science des rêves, 2006) hatten: Dort stand die Hauptfigur Stéphane in einem aus Karton gebastelten Fernsehstudio und kochte seine Träume aus Alltagsgegenständen zusammen.

Wenn Jerry und Mike eine Puschelboa an einer Angel aufhängen, um damit einen Geist zu simulieren, oder sich mit Motorradhelm und silbernem Klebeband als RoboCop ausstaffieren, dann spiegelt das – obwohl auch hinter diesen Einfällen und ihrer Umsetzung natürlich ein professioneller Produktionsapparat steht – das Streben nach einer Do-It-Yourself-Ästhetik wider, in der Leidenschaft und Begeisterung wichtiger und wirksamer sind als der perfekte Spezialeffekt.

Abgedreht

Abgedreht feiert Film als spätestens durch die Videokamera demokratisiertes Medium, das grundsätzlich allen zur Verfügung steht. Zugleich bringt Gondry damit natürlich auch sein eigenes Verständnis von Kino gegen stromlinienförmige Blockbuster in Position.

Seltsam ist hier aber, wie einerseits das Videoband für eine sehr unscharf definierte gute, alte Zeit steht, auf die Abgedreht einen durchaus nostalgischen Blick wirft. Wenn Elroy Fletcher sich nämlich aufmacht, um das Geschäftsmodell anderer Videotheken auszukundschaften und zu bewerten – und daraufhin beschließt, seinen Laden endlich auf DVD umzustellen –, dann wird die Sympathie der Zuschauer zwar deutlich auf den nachdenklichen, sich Veränderungen öffnenden alten Mann gelenkt. Zugleich wird aber sehr deutlich, dass er der Gegenwart ebenso sehr hinterher stolpert, wie Jerry unter einem sehr kreativen Verhältnis zur Realität leidet. Das Videoband bekommt so den Beigeschmack einer bereits obsoleten Technologie, fast so, als hantiere jemand in Zeiten der CD mit Grammophon und Schellackplatten.

In der zweiten Filmhälfte rückt der Fokus von den selbstgedrehten Filmen hin zu einer etwas desinteressiert hingeworfenen Rahmenhandlung. Dem Gebäude, in dem sich das „Be Kind Rewind“ und Fletchers Wohnung befinden, droht nämlich der Abriss, damit dort ein schicker Neubau errichtet werden kann. Auch in diesem Erzählungsstrang werden, allerdings erheblich plumper, eine positiv besetzte Tradition und eine als zerstörerisch konnotierte Moderne gegeneinander ausgespielt.

Abgedreht

In seiner letzten halben Stunde wandelt sich Abgedreht mehr und mehr zu einer fast rückhaltlosen Lobpreisung des Films als kultur-, gar geschichtsschaffendes Instrument der Gemeinschaftsbildung – und liefert mit den in den nachgestellten Versionen immer noch wiedererkennbaren Filmszenen gleich den Beweis dafür mit. Leider kommt dieser Blick auf das Kino in der dargebotenen Art und Weise samt friedlicher Kleinstadtromantik doch mit deutlich zuviel Glückseligkeit und Pathos daher.

Wo Gondry hingegen bei seinen Leisten bleibt und die Möglichkeiten des Kinos feiert, Emotionen zu evozieren, zu begeistern und zu verzaubern, da ist Abgedreht nicht nur oft zum Brüllen komisch, sondern eben auch stets von einem Hauch Moder und Vergänglichkeit umgeben, die aus Gondrys nostalgischer Grundkonstellation zwingend hervordünstet. Genau diese Gegenmelodie braucht die jeder Modernität kritisch gegenüberstehende Story von Abgedreht jedoch, denn so einfach darf es sich das Kino nicht machen: Film ist schließlich ein Medium unserer Zeit.

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Kommentare


marco b

ok, ganz tolle kritik - wenn man den film von der künstlerischen seite betrachtet. von der seite, auf der ich als kinogänger stehe (ich will in einem jack black-film unterhalten werden und mich bemühen, nicht ins sitzkissen pinkeln zu müssen vor lachen!) muss ich mir Mos DEf anschauen, der weder lustig ist noch lustig spielt - oder überhaupt mal "spielt"... naja egal.

wie gesagt, von der künstlerischen seite her bestimmt ganz doll, juhu, aber unterhaltungswert (bis auf die film-nachdreh-szenen) gleich null.

für mich der schlechteste film mit Jack Black






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