Abgebrannt

In ihrem Sozialdrama erzählt Regisseurin Verena S. Freytag vom Leben mit Hartz IV und entwirft ein zwiespältiges Bild vom Staat als Unterstützer.

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14 Prozent der Bevölkerung oder 11,5 Millionen Menschen in Deutschland sind arm. So steht es im letzten Armutsbericht der Bundesregierung von 2010. Das bedeutet einen leichten Anstieg gegenüber 2008 und belegt einen deutlichen Trend der letzten 15 Jahre: Immer mehr Menschen werden arm, wenige verdienen immer mehr, während die Mittelschicht schrumpft. Und: Der Aufstieg aus der Armut gelingt immer seltener. Besonders betroffen davon sind Alleinerziehende, Familien mit vielen Kindern und junge Erwachsene. Auf Pelin (Maryam Zaree), die Hauptfigur in Verena S. Freytags Abgebrannt, treffen alle drei Kategorien zu.

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Die junge Frau lebt mit ihren drei Kindern in den gesichtslosen Plattenbauten von Berlin-Wedding. Der Nachwuchs stammt von verschiedenen Vätern, die sich alle nicht kümmern. Pelin bezieht Hartz IV und verdient sich schwarz als Tattoo-Artist in einem Studio etwas dazu. Das Geld reicht trotzdem vorn und hinten nicht, und im Alltag ist sie komplett überfordert. Pelins derzeitiger Lover Edin (Lukas Steltner), ein Drogendealer, hofft derweil auf das große Geschäft, das alle finanzielle Sorgen mit einem Schlag beseitigt. Aber es kommt anders. Der kleine Elvis findet eines Morgens eine Tüte mit bunten Pillen in Edins Jacke und nascht davon. Die Folge: Krankenhaus, Anzeige, Familiengericht. Man will Pelin das Sorgerecht entziehen. Die sie betreuende Sozialarbeiterin kann das nur verhindern, indem sie Pelin und die Kinder zu einer Mutter-Kind-Kur schickt.

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Verena S. Freytag schwebte nach eigenen Worten eine Hommage vor „an den Vater Staat, der nicht nur Schulen und Autobahnen finanziert, sondern auch Mutter-Kind-Kuren, Arbeitslosengelder und Sozialarbeiterinnen, die nach dem Rechten sehen“. Das hört sich weitaus affirmativer an, als der Film geworden ist, nicht nur angesichts der rüden oder schulterzuckenden Art, mit der Polizisten und Beamte im Film mit Pelin umspringen. Die Regisseurin will die Ambivalenz des deutschen Sozialsystems zeigen, und das gelingt ihr auch eindrücklich. So gibt es in diesem starken ersten Teil des Films neben den brutalen Polizisten auch die Sozialarbeiterin, die sich zwar zu keinem Lächeln durchringen kann, sich aber doch ernsthaft um die junge Mutter kümmert.

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Pelin erfüllt nicht die Klischees der typischen Hartz-IV-Empfängerin, die zu Hause auf dem Sofa hockt und sich von RTL II berieseln lässt, während sich die Kinder unbeaufsichtigt auf der Straße prügeln. Nein, sie kümmert sich um ihren Nachwuchs und hat mit dem Tätowieren gleichzeitig eine Leidenschaft, die sie unbedingt beruflich ausleben will. Nur, und das zeigt Abgebrannt sehr deutlich, das zu schaffen ist für eine Alleinerziehende unmöglich. Pelins Überforderung und Übermüdung sind so groß, dass für die Erziehung der Kinder einfach kaum noch Energie bleibt. Und als sie wegen ihres Sohnes, der sich wieder einmal geprügelt hat, ihre Arbeit unterbrechen und in die Schule muss, reagiert ihr so cool tätowierter Chef extrem unentspannt und setzt sie vor die Tür.

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Freytag ist mutig genug, ihrer Hauptfigur ihr Geheimnis zu belassen. Sie verzichtet auf Psychologisierungen oder Dialoge, die ihre Seelenlage erklären sollen. So bleibt die Figur dem Zuschauer letztlich fremd; sie biedert sich nicht an und heischt nicht um Verständnis. Überhaupt hält Freytag den Zuschauer mit ihrer Inszenierung auf Abstand, sie verzichtet auf emotionale Zuspitzungen und drückt nicht auf die Tränendrüse. Ihr Sozialrealismus entsteht durch genaue Beobachtung; die Kamera kommt den Figuren zwar manchmal recht nahe, zieht sich aber meist auf eine beobachtende Halbtotale zurück.

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Mit Beginn der Kur am Meer greift der Film allerdings zu gröberem Werkzeug. Jetzt schrammt die Inszenierung zuweilen an der Satire vorbei, wenn sie Pelin die mollige Zimmernachbarin Christa auf den Hals hetzt, einen Albtraum im rosa Jogginganzug. Der überzogen arrogant gezeichnete Klinikchef bevormundet und schikaniert Pelin, wo er nur kann, und überhaupt sieht Norden an der Nordsee mit seinen hässlichen Hochhäusern aus wie Berlin-Wedding plus Strand. Jetzt wirkt auch die Geschichte etwas forciert, etwa wenn Pelin ausgerechnet mit dem Sohn des Direktors anbandelt und sich am Ende gar auf einen Drogendeal einlässt, den Edin an der dänischen Grenze abwickeln will. Dennoch bleibt der Film bei sich und lässt zwischen Pelin und Christa glaubhaft eine sanfte Freundschaft entstehen. Die aber hat am Ende keinen Bestand. Pelins Situation kann auch eine Kur am Meer nicht grundlegend ändern. Als sie nach einem etwas überdramatischen Ende nach Berlin zurückkehrt, steht sie vor dem Nichts. Was bleibt, ist Ratlosigkeit. Bei der Protagonistin. Und beim Zuschauer.

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Kommentare


Jürgen

Ist ja eigentlich klar,dass Ratlosigkeit bleibt.In der Wirklichkeit herrscht ja schon immer und sicher auch in der Zukunft Ratlosigkeit über unsere sozialen Probleme.


Mechthild

ich finde den Film schon sehr nahe zur realität,gut gemacht,,






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