Abfallprodukte der Liebe – Kritik

In einer essayistischen Montage von Arieninterpretationen, Interviewfragmenten und Hinter-den-Kulissen-Aufnahmen erklärt Werner Schroeter seine Liebe zur Oper.

Abfallprodukte der Liebe

„Mit einem französischen Wortspiel könnte man sagen, die Stimme sei plus-de-corps: sowohl Überschuss des Körpers, körperlicher Exzess, als auch Nicht-mehr-Körper, das Ende des Körperlichen, die Geistigkeit des Körperlichen, womit sie die Identität der vollkommenen Körperlichkeit und der Seele darstellt. Die Stimme ist das Fleisch der Seele.“ Diese Worte schrieb Madlen Dolar in seinem Buch über das eigenartige Phänomen der Stimme His Master’s Voice. So zeigt sich die Seele des Sprechenden im Medium der Stimme. Körper und Seele, dieser uralte Riss durch den Menschen, an dessen Nahtstelle die Stimme erscheint. Sie ist Klang und Schwingung, Physik, ist somit einerseits ganz auf Seiten des Körpers. Doch ebenso transportiert sie Sprache und Ausdruck, ist Geistigkeit und Emotion. In diesem Zwischenraum wandert die Stimme im Redeakt in Richtung des reinen Gedankens, im Schrei ist sie direkte Körperlichkeit  und wirkt im Gesang als Offenbarung der Seele.

Abfallprodukte der Liebe

Diesem Konflikt spürt Schroeter in seinem Dokumentarfilm Abfallprodukte der Liebe nach, indem er Aufnahmen von Arieninterpretationen und Interviewfragmente seiner beliebtesten Sängerinnen und Sänger mischt. Zugleich erhalten wir Einblicke in die Arbeitsweise des Regisseurs, Unterhaltungen mit den Künstlern über die Gefühle und Motivationen ihrer Rollen. Schroeter, der viele Opern inszenierte, zeigt sein tiefes Verständnis der Welt des Gesangs durch die wundervolle Auswahl der Protagonisten und seinen intimen Umgang mit ihnen. Ob er die alternde Sopranistin Anita Cerquetti trotz ihrer brüchigen Stimme zum Singen bringt oder mit dem Tenor Laurance Dale beim Kochen scherzt, stets sind seine Begegnungen mit den Künstlern von Vertrautheit und Herzlichkeit geprägt. Sie sind Freunde in ihrer Leidenschaft für Musik.

Abfallprodukte der Liebe

Häufig spräche man von seiner Stimme in der dritten Person, wird einmal gesagt. Der Singstimme, verständlicherweise. Was sie ausdrückt, kann so anders sein als die Erklärungsversuche der reflektierten Rede. Die Bekenntnisse der Interpreten auf Schroeters Fragen zu Liebe, Tod und Musik stimmen dabei immer wieder ratlos, was umso stärker wiegt in direkter Nachbarschaft zu Aufnahmen virtuoser Sangeskunst. „Es ist würdelos, wegen einer schrecklichen Krankheit zu sterben.“ „Wir alle wollen einen natürlichen Tod.“ „Liebe kann man nicht ausdrücken, Liebe kann man nur fühlen.“ Warum gewährt Schroeter den Aussagen solch banaler Allgemeinplätze Raum in seinem sonst sehr dicht gewobenen Film? Man mag darin eben jene Kluft erkennen zwischen der Einfachheit, Gefühle im Gesang auszudrücken und der mühevollen Schwierigkeit, dieselben gedanklich zu begreifen. Doch ist es ein konstruierter Konflikt, der eher Schroeters vagem Fragen geschuldet ist als grundsätzliche Rückschlüsse auf die Grenzen der Sprache gewährt. Ebenso unbestimmt, wie der Regisseur nach „Liebe“ und „Tod“, ganz allgemein, fragt, bleiben die Aussagen wenig aufschlussreich. Es mag sein, wie die Gräfin in Tschaikowskys Pique Dame erkennen muss: „Je sens mon coeur, qui bat, qui bat, je ne sais pas pourquoi“ („Ich spür mein Herz, es schlägt, es schlägt, und ich weiß nicht, weshalb“). Meine Stimme, meine Seele, eine andere?

Abfallprodukte der Liebe

Doch ist die Oper wirklich ein Ort, der einem Erblühen der Stimme, und durch sie der Seele der Sängerin, Möglichkeit bietet? Schließlich lernt der Sänger in langer Ausbildung, die Individualität seiner persönlichen Stimme der Komposition, der Partitur unterzuordnen. In der Oper begegnen wir der Suche nach einem reinen Gefühl, man mag sagen eines gesellschaftlichen, kollektiven Zugangs, der im Singen zur Erscheinung kommt. Ein doppelter Riss durchzieht die Protagonisten von Schroeters Film, die Sängerin wird doppeltes Medium durch die zweifache Macht der Stimme. Denn einerseits hören wir hier Künstler, die ihre Fähigkeiten in Vollendung zu formen wussten, um im Gesang für unsere Ohren das größere Spektakel der Kunst zu entfachen. Doch die Stimme, des Fleisches Seele, ist nie allein die Noten einer Partitur. Ihr hängt auch immer noch, gleichsam unscheinbar in der Individualität der Interpretation, der Körper der Sängerin an, jener geistige Körper, von dem zuvor die Rede war.

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