Aber das Leben geht weiter

Flucht und Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg: Karin Kaper und Dirk Szuszies setzten sich in Aber das Leben geht weiter mit dem kontroversen Thema innerhalb des neuen deutschen Opferdiskurses auseinander.

Aber das Leben geht weiter 01

Im Jahr 1946 wird die Familie Queißer, die Familie der Regisseurin Karin Kaper, endgültig aus ihrem niederschlesischen Heimatdorf Niederlinde, etwa 25 Kilometer östlich von Görlitz, vertrieben. Der Ort gehört heute zu Polen und trägt den Namen Platerówka. Auf dem ehemaligen Hof der Queißers wohnt nun Edwarda Zukowska, die mit ihrer Familie bereits 1940 aus Ostpolen vertrieben wurde und erst 1945 nach einer Odyssee über Sibirien und Kirgistan sowie ihrer Einberufung in die Rote Armee den Hof als Entschädigung für ihre eigene Vertreibung erhielt. Beide Seiten lebten nach Kriegsende noch ein Jahr lang gemeinsam auf dem Hof.

In Aber das Leben geht weiter kommen die Frauen der beiden deutschen und polnischen Familien, deren männliche Familienmitglieder zu einem Großteil schon verstorben sind, noch einmal zusammen. Ilse Kaper und ihre Schwester Hertha Christ wagen in Begleitung von Ilses Tochter Karin Kaper eine Reise in ihre alte Heimat, wo sie auf Edwarda Zukowska, deren Tochter Maria Wojewoda und die Enkeltochter Gabriela Matniszewska treffen. Drei Generationen, die alle verschiedene Erinnerungen mit diesem einen Ort verbinden. Getrennt durch den Überfall des nationalsozialistischen Deutschland auf Polen und den Zweiten Weltkrieg, teilen sie doch die individuelle Erfahrung der Vertreibung, den Verlust der Heimat und den Blick in die Zukunft.

Aber das Leben geht weiter 02

Im Rahmen des neuen deutschen Opferdiskurses erfuhr das Thema „Flucht und Vertreibung“ auch eine mediale Renaissance in zahlreichen Fernsehdokumentationen von ARD (Die Vertriebenen. Hitlers letzte Opfer, 2001) und ZDF (Die große Flucht, 2001) oder in Spielfilmen (Die Flucht, 2007), in denen Deutsche nicht nur als Täter, sondern vor allem als Opfer des Zweiten Weltkrieges dargestellt werden. Die Gefahr, bei der Darstellung von beiderseitigem Kriegsleid auch in einen Revisionismus abzudriften, ist immer gegeben. Aber das Leben geht weiter widersteht nun gerade durch die intensive Auseinandersetzung mit den Persönlichkeiten von Edwarda, Ilse und Hertha sowie deren individuellen Schicksalen dem Reiz, seine Protagonistinnen einem kollektiven Opferstatus unterzuordnen oder gar dem Denken von den Deutschen als einem „Volk von Opfern“ Raum zu geben.

Kaper und Szuszies weisen zuerst auf die menschlichen Gemeinsamkeiten der drei Frauen hin, indem sie deren Erzählungen aus dem Off von ihrem Aufwachsen und ihrem Alltag auf einem Bauernhof vor dem Zweiten Weltkrieg mit heutigen Aufnahmen gewöhnlicher Aktivitäten wie Fahrradfahren oder Gartenarbeit verbinden. Erst dann sinkt der Film vorsichtig in die Kriegsvergangenheit ein, um die damals erlittene Not der drei Frauen zu verarbeiten. Diese Erinnerungen werden wiederum gerade nicht generalisiert, um NS-Verbrechen mit den Verbrechen des Stalinismus aufzuwiegen, sondern um auf differenzierte Art und Weise Opfererfahrungen auf beiden Seiten abseits einer politischen Ebene anzuerkennen.

Aber das Leben geht weiter 03

Edwarda erzählt von den erlittenen Grausamkeiten während der drei Wochen andauernden Deportation ihrer Familie nach Sibirien, dem Hunger, der Kälte, den vielen Toten. Die visuelle Leerstelle dazu füllt ein assoziatives Bild mit Blick auf das offene Meer aus einem fahrenden Zug. Dann begleiten wir die drei deutschen Frauen auf ihrer Reise nach Platerówka. Die einzelnen Stationen bis zu ihrer Vertreibung erzählen Ilse und Hertha von da an im Angesicht ihres Heimatdorfes, vor dem Gebäude, wo sie zur Schule gingen, vor der Scheune, in der sie sich vor der Roten Armee versteckten. In einer Doppelfunktion sind diese Orte für beide zugleich Kriegsschauplatz und Heimat, die in der nostalgischen Ästhetik von Super-8-Aufnahmen  erscheint.

Aber das Leben geht weiter 04

Die Frage nach der Schuld wird eher beiläufig gestreift. Vielmehr wird die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung als Unrecht hervorgehoben. Die Regisseure stellen den einzelnen Menschen nicht nur im Bezug auf die Vergangenheit, sondern auch immer mit Blick auf die Gegenwart und die Zukunft in den Vordergrund. Deshalb geht es im Film auch um die generationsübergreifende Begegnung der deutschen und polnischen Frauen. Er unternimmt den Versuch, scheinbar unüberbrückbare Differenzen durch Zusammentreffen und Verständigung abzubauen.

Mit Aber das Leben geht weiter bringen Karin Kaper und Dirk Szuszies ein wichtiges sowie politisch und historisch sehr belastendes Kapitel deutsch-polnischer Beziehungen auf die Leinwand. Die Gegenwart von Geschichte wird durch Darstellungen von persönlichen Lebensgeschichten erfahrbar gemacht: Ein Plädoyer für Verständigung und Annäherung, für ein Leben im Bewusstsein von Geschichte ohne Verbitterung.

Trailer zu „Aber das Leben geht weiter“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Wolle

Danke dafür an Karin und Dirk!
Und an Nina für ihre schöne Beschreibung dieses schönen, leisen Films.
Wolle






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.