A Touch of Sin – Kritik

Der Griff zur Waffe als letzter Ausweg. Jia Zhang-ke erzählt eine chinesische Kulturgeschichte der Gewalt.

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Es ist ein einziges Sich-treiben-lassen in den Filmen des chinesischen Regisseurs Jia Zhang-ke. Gemeinsam mit seinem Kameramann Yu Lik-wai hat er über die Jahre eine Ästhetik entwickelt, die sich vor allem in einem langsam fortschreitenden Fluss niederschlägt. Es ist ein permanentes Schwenken und Schweben, einer Figur nach, dann hin zu einer anderen, die mit der ersten auch nicht unbedingt in Verbindung stehen muss, und dazwischen immer wieder vorbei an vermeintlich Unwichtigem. Tatsächlich scheint diese Bewegung manchmal ohne ein konkretes Ziel zu verlaufen, und doch entstehen dann plötzlich fesselnde Bilder, die das zuvor Gesehene auf poetisch überhöhte Weise auf den Punkt bringen.

Wahre Geschichten aus verschiedenen chinesischen Provinzen

Sein neuer Film etwa, der episodisch angelegte A Touch of Sin (Tian zhu ding), erzählt zu Beginn von einem wütenden Minenarbeiter (Jiang Wu), der sich gegen die Korruption der Mächtigen in seinem Dorf auflehnt. Seine Argumente stoßen auf taube Ohren, und schließlich wählt er den Weg der Waffe. Als einen Amoklauf später alle Widersacher ausgeschaltet sind und es zumindest für den Moment niemanden mehr gibt, gegen den es sich anzukämpfen lohnt, schwenkt die Kamera auf ein geschundenes Pferd, das eine Kutsche hinter sich herzieht. Der Reiter, der ihm den Weg weisen könnte, liegt jedoch bereits bei den anderen Toten.

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Das Erzählen verschiedener Geschichten, die sich oft mehr ergänzen als direkt aufeinander beziehen, gab es schon in den letzten Filmen Jias wie etwa Still Life (Sanxia Haoren, 2006). A Touch of Sin wirkt mit seiner Verknüpfung von vier Erzählsträngen noch zerstreuter, bewahrt seine Einheitlichkeit aber, indem er wieder auf unaufdringliche Weise Verbindungslinien schafft. Jede Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit aus einer anderen chinesischen Provinz. So erzählt Jia neben dem Minenarbeiter auch noch von einem nicht minder schießwütigen Gastarbeiter, einer Rezeptionistin, die in ihrem Leben vor allem, aber nicht nur von Männern herumgeschubst wird, und einem jungen Fabrikarbeiter, der gleich mehrere Neuanfänge wagt, ohne dass einer von ihnen erfolgreich wäre. Wie die Kamera befinden sich dabei auch die Figuren in ständiger Bewegung durch eines der immerhin größten Länder der Welt. Sie sind Nomaden, die zum Arbeiten in die Ferne schweifen. Aber wo sie auch hinziehen, das Glück liegt immer woanders.

Wer von Gewalt erzählt, darf Gewalt auch zeigen

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Jeder der Protagonisten versucht mit gewalttätigen Methoden einen Ausweg aus seinem persönlichen Dilemma zu finden. Auffällig dabei ist, wie sehr der Film dabei auf drastische Darstellungen setzt. Wer hier jedoch den nächsten Arthouse-Schocker erwartet, wird enttäuscht. Denn selbst wenn A Touch of Sin mitunter in den Bereich des Splatterfilms vordringt, preist er das nie marktschreierisch als Provokation an. Dafür bleiben die zerschossenen Körper dann doch zu sehr dem allumfassenden Thema verpflichtet. Man kann es einem Film, der in erster Linie von Gewalt erzählt, schließlich nicht vorwerfen, dass er Gewalt auch zeigt, und für Jia ist sie in seiner Heimat nicht weniger als ein weit verbreitetes Kommunikationsmittel. Jede der Protagonisten muss zunächst selbst Gewalt erfahren, bis er sie – als letzten Ausweg, um gegen die Mächtigen aufzubegehren – letztlich erwidert.

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A Touch of Sin entwirft ein deprimierendes Kaleidoskop Chinas. Er zeigt ein Land, das von Korruption und Ausbeutung zerfressen ist, in dem nicht nur die Reichen die Armen zermalmen, sondern die Armen durch ihre prekären Lebensbedingungen schon derart in die Enge getrieben sind, dass sie auch aufeinander losgehen. Das Beeindruckende an Jias Herangehensweise ist, dass er seine Betrachtungen weder auf die Gegenwart noch auf die filmische Wirklichkeit beschränkt. Es herrscht eine Kultur der Gewalt, die sich in Johnnie Tos Actionfilm Exiled (Fong juk, 2006), der über einen Fernsehbildschirm flackert, ebenso manifestiert wie in der Aufführung einer Peking-Oper, bei der sich die Suche des Mörders nach Erlösung spiegelt. Und dann sind da auch noch die Spuren der Geschichte, genauer gesagt eines folternden und mordenden kommunistischen Regimes, die sich überall im Film finden. Da wird auf dem Weg zum Massaker eine Maostatue flankiert, oder eine Gruppe Prostituierter marschiert in knapp geschnittenen Uniformen der Volksbefreiungsarmee vor ihren neureichen Kunden auf.

Eine Verbeugung vor King Hu

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Bei so einem düsteren Szenario könnte man denken, es sei ein bitterer Abgesang auf ein Land, in dem zwischen Rückständigkeit und rapider Modernisierung kein Raum mehr für Menschlichkeit bleibt. Jias Landsmann Shangjun Cai hat etwa mit seinem finsteren Rachedrama People Mountain People Sea (Ren shan ren hai, 2011) vor zwei Jahren einen solchen Film gedreht. Hier gibt es nur den Abstieg ins Barbarische, ohne einen Funken Hoffnung. Doch A Touch of Sin versinkt eben nicht in der Hoffnungslosigkeit. So brutal und deprimierend er teilweise ist, bleibt gerade durch Jias facettenreiche Erzählweise immer wieder Raum für komische, zärtliche und auch fantastische Momente, die den Film zu sehr viel mehr machen als sozialrealistischer Schwarzmalerei. Dafür benötigt es manchmal nur kurze Augenblicke wie die surreale Begegnung mit einer Schlangenfrau.

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Nicht zuletzt ist der Film auch eine Hommage an den großen Wuxia-Regisseur King Hu. Es ist kein Zufall, dass der Titel an dessen bekanntesten Film Ein Hauch von Zen (Hsia Nu, 1969) – im Englischen A Touch of Zen – erinnert. Auf den ersten Blick scheinen die Parallelen weit hergeholt, immerhin handelt es sich bei Hus Figuren um Schwertkämpfer mit strengem Ehrenkodex und der Fähigkeit, die Schwerkraft zu überwinden. Doch auch sie, die sich manchmal mit einer ganzen Armee anlegen, führen wie Jias Arbeiter letztlich einen Kampf gegen die Unterdrückung durch die Herrschenden. In einer Szene inszeniert Jia seine Darstellerin Zhao Tao sogar explizit als Messer schwingenden Racheengel, der einem Wuxia-Film entsprungen zu sein scheint. Und egal ob in der Ming-Dynastie oder im China der Gegenwart, den Figuren bleibt nur ein Ausweg, um sich gegen die soziale Ungerechtigkeit zu wehren: der Griff zur Waffe.

Trailer zu „A Touch of Sin“


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