A Serious Man

In A Serious Man widmen sich die Coen-Brüder einer für sie typischen Loser-Figur und inszenieren eine bittersüße Hommage an die eigene jüdische Kindheit.

A Serious Man

Mit A Serious Man haben Joel und Ethan Coen nach größeren Produktionen wie Ein (un)möglicher Härtefall (Intolerable Cruelty, 2003), Ladykillers (2004) und No Country for Old Men (2007) wieder einen kleinen, sehr persönlichen Film gedreht. Versammelten sie zuletzt in Burn After Reading (2008) noch prominente Darsteller wie Brad Pitt, George Clooney und John Malkovich vor der Kamera, verzichten sie diesmal konsequent auf bekannte Gesichter. Darüber hinaus beeinträchtigt auch sein spezielles Sujet die Breitenwirksamkeit von A Serious Man: Inspiriert von ihrer eigenen Jugend widmen sich die Coens einer jüdischen Kleinstadtgemeinde in den späten 60er Jahren.

Im Mittelpunkt des Films steht die Familie Gopnik, allen voran ihr Familienoberhaupt. Vater Larry (Michael Stuhlbarg) ist ein Akademiker mit Panzerglas-Brille und Hochwasserhosen, der mit mangelndem Durchsetzungsvermögen gestraft ist. Alle tanzen ihm auf der Nase herum. Seine Kinder beklauen ihn, ein koreanischer Austauschstudent erpresst ihn um bessere Noten zu bekommen, und sein psychisch labiler Bruder, der sich bei ihm zu Hause eingenistet hat, geht der ganzen Familie auf die Nerven. Als ihn auch noch seine Frau Judith (Sari Lennick) verlassen will, um mit dem blasierten Witwer Sy Ableman (Fred Melamed) zusammen zu leben, verliert Larry endgültig den Boden unter den Füßen.

A Serious Man

In einem auf jiddisch gedrehten, im Schtetl einer vergangenen Zeit angesiedelten Prolog erzählen die Coens die makabre Geschichte einer schicksalhaften Begegnung. Der inhaltliche Bezug scheint dabei eher nebensächlich zu sein, vielmehr dient diese Episode als Einstieg in eine spezifisch jüdische Welt. Jüdische Elemente gab es schon immer in den Coen-Filmen, diesmal sind aber nicht nur beinah alle Figuren Juden –einige Ausnahmen wie Larrys psychotischen Redneck-Nachbar gibt es noch – der gesamte Film ist von der jüdischen Kultur, insbesondere von sprachlichen Eigenheiten und Ritualen geprägt. So beharrt Judith vor der Trennung auf einer Gett, einer Scheidungszeremonie, als roter Faden der Geschichte dient Larrys Besuch bei verschiedenen Rabbis, die ihm aus seiner Misere helfen sollen und doch jedes Mal nur Nonsens von sich geben, und mit der drogenvernebelten Bar Mitzwa von Sohn Danny (Aaron Wolff) endet der Film.

A Serious Man gibt sich zwar explizit jüdisch, letztlich widmen sich die Coens darin aber einer universellen Geschichte, die sie schon oft erzählt haben: Ein klassischer Loser wird mit dem Zusammenbruch seiner kleinbürgerlichen Welt konfrontiert. Teilweise wirkt der Handlungsablauf des zunehmend verzweifelnden Larrys ein wenig schematisch und vorhersehbar. Dabei liegt das Augenmerk ohnehin nicht auf einer linearen, klar strukturierten Geschichte. Immer wieder verlässt der Film die eigentliche Handlung um sich in Träumen und drogengeschwängerten Visionen zu verlieren. Einmal widmet er sich gar einer für die Handlung völlig unfunktionalen Geschichte über einen Zahnarzt, der im Gipsabdruck eines Patienten ein göttliches Zeichen zu erkennen glaubt. Der verquere Charme des Films basiert zu einem wesentlichen Teil auf der Freiheit, die sich die Regisseure nehmen, von der ursprünglichen Erzählung mehrmals abzuschweifen.

A Serious Man

Der Höhepunkt des Films sind aber wieder einmal die Figurenzeichnungen. Viele Regisseure setzen in ihren Filmen auf betont skurrile Charaktere, aber kaum jemand hat deren Darstellung so perfektioniert wie die Coens. Das Sonderbare, das von der Norm Abweichende, und vor allem die menschliche Schwäche werden bei ihnen zum akzentuierten Qualitätsmerkmal. Eine Figur wie Sy Ableman mit seiner aggressiv verständnisvollen Art und der am besten als modischer Rentner-Stil beschriebenen Kleidung findet man wohl in keinem anderen Film. Dabei wird die Figur mit einer ausgesprochenen Liebe zum Detail gezeichnet, die ihr etwas unverkennbar Individuelles verleiht und sie stets davor bewahrt, eine eindimensionale Witzfigur zu werden. Auch der seltsame Arthur (Richard Kind) mit seiner eitrigen Zyste mag auf den ersten Blick etwas Lächerliches haben, aber gleichzeitig besitzt er als verhindertes Mathematik-Genie eine tragische Dimension.

A Serious Man

Im Oeuvre der Coens wirkt A Serious Man vielleicht ein wenig unscheinbar. Dafür demonstriert er unter Einbeziehung zahlreicher Leitmotive auf anschauliche Weise, dass die Brüder für das  Kino etwas stilistisch Einzigartiges beizutragen haben. Dazu gehört vor allem die Vorliebe für eine gewisse Ambivalenz, die auch über die Figurenzeichnung hinausgeht. Immer wieder entzieht sich der Film einer Kategorisierung als reine Komödie und pflegt stattdessen ein sich ständig neu definierendes Spannungsverhältnis aus tragischen und komischen Elementen, das den Zuschauer selbst in der letzten Szene noch vor den Kopf stößt.

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Kommentare


andreas

"Dabei liegt das Augenmerk ohnehin nicht auf einer linearen, klar strukturierten Geschichte. Immer wieder verlässt der Film die eigentliche Handlung um sich in Träumen und drogengeschwängerten Visionen zu verlieren. Einmal widmet er sich gar einer für die Handlung völlig unfunktionalen Geschichte über einen Zahnarzt, der im Gipsabdruck eines Patienten ein göttliches Zeichen zu erkennen glaubt."....
wie bitte..."für die handlung völlig unfuntionale geschichte"...
bin das erste mal auf der seite critic.de und finde es eher enttäuschend...der artikel versucht krampfhaft intellektuell rüberzukommen, aber es wird sehr schnell klar, dass der film wohl kaum verstanden wurde...schade :(






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