Die Königin und der Leibarzt

Mads Mikkelsen mindert als Johann Friedrich Struensee den Reformdruck im Dänemark des 18. Jahrhunderts.

A Royal Affair 1

Es ist was faul im Staate Dänemark. Das Zitat aus Hamlet mag der schauspielerisch dilettierende König Christian VII. (Mikkel Boe Følsgaard) gar nicht, aber es stimmt. Sein Land ist finster, der Geist der Aufklärung hat es noch nicht geschafft bis an den dänischen Hof, wo der schwache, kindlich-wahnsinnige Christian von einem Kabinett aus Klerus und Adel dominiert wird. Die Schriften Rousseaus sind verboten, Bauern werden von ihren Lehnsherren wegen kleinster Verfehlungen zu Tode gefoltert.

Der Leibarzt des Königs, der deutsche Freigeist Struensee (Mads Mikkelsen), lässt einen Ruck durch Dänemark gehen, indem er gemeinsam mit Königin Caroline Mathilde (Alicia Vikander) seinen Einfluss auf den König ausspielt und für einige Zeit de facto die Regierungsgeschäfte führt – und zahlreiche Gesetze zum Wohle des Volkes erlässt. Die Folter und die Zensur werden abgeschafft, die Privilegien des Adels beschnitten, das Schulwesen reformiert. Ein geradezu ansteckender Reformeifer durchdringt Nikolaj Arcels Film Die Königin und der Leibarzt (En kongelig affaere).

Die Koenigin und der Leibarzt 2

Die historische Episode um Johann Friedrich Struensee ist bereits häufig in Film und Literatur verarbeitet worden. Arcel inszeniert den Stoff als Dreiecksgeschichte zwischen dem Mediziner, König und Königin. Die Konventionen des Kostümdramas nehmen dabei in Die Königin und der Leibarzt erfreulicherweise nicht überhand. Die Inszenierung ist zwar nicht so ungewöhnlich wie im Berlinale-Eröffnungsfilm Leb wohl, meine Königin! (Les Adieux à la reine, 2011), wo die Angst vor der Revolution im Schloss von Versailles mit der Handkamera eingefangen wurde. Aber ganz konventionell geht es auch nicht zu. Besonders gelungen sind die Szenen, in denen sich die Affäre zwischen Caroline und Struensee anbahnt. Arcel lässt inmitten einer steifen Tanzgesellschaft Sinnlichkeit entstehen, wenn die Kamera sich begehrend der Schulter der Königin nähert und ihr Haar zu streicheln scheint. Die Virilität des Leibarztes steht dabei in klarem Kontrast zu der hilflosen Sexualität des Königs. Rousseaus Naturmensch versus degenerierende Inzucht.

So viel Sinnlichkeit, vor allem aber so viel Freiheit, hat in Dänemark anno 1772 keinen Platz von Dauer. Adel und Klerus holen mit einer Intrige zum Gegenschlag aus, um ihre Pfründe zu sichern. Als Struensee zum Schafott geführt wird, sieht das Volk als große Masse leinwandfüllend und sensationslüstern zu. „Ich bin einer von euch“, ruft er. Doch die Menschen, für deren Freiheit er gekämpft hat, jubeln, als der Kopf fällt.

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Kommentare


Aleacim

Nichts in diesem Film bleibt offen: Die guten Aufklärer verlieren gegen die bösen alten Machthaber, das Licht der Aufklärung dringt am Ende in des Königs Schlafgemach.
Der Held kämpft, verführt, bleibt standhaft, blutet. Da bleibt für die Königin nur: Klappe halten, vor allem, wenn es darauf ankäme, etwas zu sagen.
Sie darf nur aktiv werden, wenn es um ihre Kinder geht. Machtbewusstsein und politisches Geschick des historischen Vorbildes werden völlig ignoriert. Mit dem 18.Jahrhundert nimmt man es nicht so genau: Da werden Brief-Siegel vom Brief gestreift, die beschworenen Emotionen werden auf billigste Weise mit einer ahistorischen Musik-Soße beschworen, die Personen suchen nach individuellem Glück wie im 21.Jahrhundert und sagen ihren Säuglingen, dass sie sie lieben.
Pseudo-Bildung, Pseudo-Historie, Pseudo-Aufklärung.


Martin Zopick

Ein Historienfilm über das vorrevolutionäre Dänemark. Der Leibarzt Struensee (Mads Mikkelsen) lenkt König Christian VII. (Mikkel Boe Folsgaard), der ein infantiler Schwächling ist, und setzt aufklärerische Gedanken per Gesetz durch. Hinzu kommt das im Titel verheißene Verhältnis zur Königin Caroline Mathilde (Alicia Vikander).Wie Struensee die Königin beglückt und dann den Bastard dem König unterschiebt, wird recht spannend erzählt. In From von Hofintrigen bekämpfen sich die Reformer um Struensee und der um seine Pfründe fürchtende Adel. Christian VII. mimt auf Struensees Rat den Narren. Man ist sich nie sicher, wann er spielt und wann er echt nur Panne ist und regiert. Aber auch der Gegensatz zwischen dem abartigen, kranken König, der nur mit Nutten verkehren kann und Struensee, einem ‘normalen‘ Mann wird deutlich. Es entwickelt sich ein Freund-Feind Verhältnis, in dem der König eigentlich der abhängig, hilflose ist.
So scheint der Fortschritt auch vor dem Bett und den darin stattfinden Aktivitäten letztendlich nicht Halt zu machen. Dieser Antagonismus zwischen Sex und Staatsräson lässt gegen Ende sogar etwas Spannung aufkommen. Die wächst noch, weil man lange Zeit nicht glaubt, dass nach Verhaftung und Verurteilung Struensee dem Henker überantwortet wird.
Regisseur Arcel erzählt nordisch unterkühlt mit gelegentlichem Aufglimmen der Glut. Das ist in diesem historisch steifen Rahmen mitunter ganz erfrischend. Als Sittenbild der untergehenden Aristokratie nicht schlecht.






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