A Quiet Passion – Kritik

„This is my letter to the world that never wrote me”: Terence Davies hat ein im besten Sinne ernstes Biopic über Emily Dickinson gedreht – in dem sogar Platz ist für feurig-komische Screwballdialoge.

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Widmet sich ein Spielfilm einem Künstler aus nicht-filmischen Gefilden, dann setzt sich in der Rezeption schon mal ein gemütlicher Vergleich an die Stelle einer intensiven Auseinandersetzung, für Einleitung wie Fazit gleichermaßen dankbar: Der Film über den Maler mal so gar nicht malerisch, der über das Punk-Idol völlig unpunkig, der über den Philosophen ziemlich banal. Die Übersetzung des einen ins andere wird triumphierend für gescheitert erklärt, völlig unabhängig davon, ob sie überhaupt versucht wurde, ob man sie für möglich oder wünschenswert hält, ob man weiß, wie sie aussehen könnte. Man könnte dann vielleicht sagen, in seinem Film über die Dichterin Emily Dickinson überführt Terence Davies große Poesie in ein Biopic. Die Gedichte, die sich von Zeit zu Zeit per Voice-over über die Bilder legen, wären dann entweder bloß Momente, an denen die Kluft zwischen beidem endgültig zu Tage träte, oder die schamlose Vereinnahmung des eigentlichen Werks durch das eigene.

Emily Dickinsons Gedichte verbinden sich mit den Bildern dieses Films jedoch auf mannigfaltige, manchmal geheimnisvolle Weise. Sie sind bittere Kommentare narrativer Entwicklungen, sie sind auditive Materie (das schwere Atmen beim Sprechen, die seufzenden Pausen), und sie sind ein Gegenschuss durch die Zeit: Emily Dickinson blickt aus ihnen zu uns zurück, wie die Filmfigur Emily (Cynthia Nixon) das niemals könnte, weshalb diese dann zumeist am Fenster steht, wie Menschen das häufig tun in Filmen von Terence Davies: ein Blick hinaus in die Welt, zu der sie erst nicht gehören will und irgendwann nicht mehr gehören kann. Die Poesie Emily Dickinsons ist für dieses Biopic also kein funktionales, sondern eher ein widerständiges Element. Sie setzt sich gegen die Zugriffe des Kinos auf ein Leben zur Wehr und wird dabei doch unweigerlich zu einem Teil dieses Kinos.

„We are minor lives. We know how to starve.“

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Die dem Film eigene Poesie finden wir in den für Davies typischen gleitenden Kamerabewegungen. Nach einer Sequenz, in der eine gutmütige, aber spießige Tante sich herrlich aufregt über die frivolen, unmoralischen, blasphemischen, spöttischen Kommentare ihrer Verwandtschaft – einer Sequenz, die fast ausschließlich aus aneinandergereihten Close-ups besteht –, folgt eine weitere mit den gleichen Figuren, im gleichen Raum, nur dass es draußen jetzt dunkel ist, drinnen die Kerzen leuchten. Florian Hoffmeisters Kamera gleitet in einem langen 360-Grad-Schwenk über Gesichter und Dekors; wo Rhetorik und Austausch war, ist nun jeder mit sich allein und ganz still und gehört doch derselben Situation an. Ausgangs- und Endpunkt der Einstellung ist Emilys noch junges Gesicht (auch wenn man keine Sekunde mit Cynthia Nixon missen will, verschwindet Emma Bell viel zu schnell aus diesem Film). Sie sei ein „revolutionary of the heart“, heißt es schon in diesem ersten Teil von A Quiet Passion, und Davies nimmt diese Beschreibung sehr ernst: Revolutionen enden oft tragisch, vor allem dann, wenn sich die Revolutionäre an ihren Prinzipien festhalten, und seien es Prinzipien des Herzens, die weit weniger dem eigenen Veränderungswunsch gehorchen können.

„You’ve got a life. I’ve got a routine.“

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Schon diese frühe Sequenz etabliert die entscheidenden Gegensätze, von denen A Quiet Passion zehrt: zwischen den urkomischen, Screwball-artigen Dialogen und der Bitterkeit, die sich in sie einschleicht; zwischen dem Wunsch, ja der Sucht nach persönlicher Integrität und Wahrhaftigkeit und der Notwendigkeit sozialer Bindungen, zwischen den Freuden des Tages und der Schwermut der Nacht. Tagsüber vergnügt sich Emily vor allem mit einer Nachbarin mit dem tollen Namen Vryling Wilder Buffum (Catherine Bailey), und Davies ist ganz verschossen in diese zwei Frauen, erklärt Humor, Ironie und Sarkasmus zu scharfen weiblichen Waffen gegen die männliche Ordnung, wie überhaupt das Glück für Emily – bis auf eine angedeutete Schwärmerei zu Reverend Wadsworth (Eric Loren) – vor allem als zwischenweibliches existiert. A Quiet Passion eignet sich ohne Rücksicht auf Verluste den vergangenen Sprachhabitus an, um seinen historischen Figuren nicht nur Anzügliches und Respektloses in den Mund zu legen, sondern zugleich, um den Feminismus seiner Heldin explizit zu machen.

Schauspiel als Rückzugsgefecht

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Nachts dann aber sitzt Emily bei Kerzenschein an einem Tisch und schreibt. Nur wenige ihrer Gedichte werden zu Lebzeiten veröffentlicht. „I would like some approval before my death“, wird sie später zugeben. Kurz bevor sie das sagt, fährt die Kamera auf Dickinsons Gesicht, während Wadsworth ihr Gedicht liest. Sein Umblättern durchschneidet die Tonspur. A Quiet Passion ist voll solch kleiner Nebenaffekte, die freilich nur in Davies’ malerischen Rahmungen, im Zusammenspiel mit seinen strengen und doch stets überraschenden Kamerabewegungen und seinem Gespür für Dauer zum Tragen kommen. Wie sich zudem in Cynthia Nixons Gesicht immer wieder die grundlegende Bewegung des gesamten Films einschreibt, von Leichtigkeit und Herzlichkeit zu Melancholie und Verzweiflung, und wie sie diese Bewegung nicht offensiv methodactet, sondern als Rückzugsgefecht spielt, auch das ist grandios. Und trotz der insistierenden Präsenz der Protagonistin ist doch Zeit und Raum für all das, was Davies interessiert an den anderen Figuren, an dieser Zeit, an dieser Gesellschaft (und natürlich ebenso wichtig: an diesen Kostümen, diesen Farben, diesen Räumen, dem Sonnenlicht Neuenglands). Für eine Ellipse illustriert er den US-amerikanischen Bürgerkrieg durch Fotografien und Gemälde, mitsamt den Einblendungen der Opferzahlen jener Schlachten, die in unmittelbarer Nähe zu den Dickinsons stattgefunden haben.

Der Ernst des Biopics

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Als einer der wenigen mächtigen Männer, die Dickinsons Gedichte zu Lebzeiten zu einer Veröffentlichung verholfen haben, ihr einen Besuch abstattet, wirft ihm eine kaum noch ihr Zimmer verlassende Emily, trotz aller Dankbarkeit, seine editorischen Eingriffe vor: „The alteration of my punctuation marks is hard to endure for me“, ein ungemein komischer Satz, der geerdet wird durch die doppelte Ernsthaftigkeit von A Quiet Passion: Emily meint diesen Satz sehr ernst, und der Film nimmt Emily sehr ernst.

Dieser Ernst beschreibt hier keine eingeforderte Rezeptionshaltung, sondern ist vielleicht gerade das Poetische dieses Biopics, eine Poesie, die weniger in einzelnen Stilmitteln und Momenten zu suchen ist als in seiner Dringlichkeit. A Quiet Passion verteidigt seine Hauptfigur noch, wenn sich ihre Familie und auch wir uns von ihr abwenden wollen, hört ihr auch dann noch mit derselben Geduld zu, wenn ihr Leiden unerträglich zu werden droht. Und ebenso bedingungslos verteidigt der Film die eigene Suche nach Wesen und Werden der Dinge, seinen Drang, etwas filmisch zu sagen, nicht über den Mensch, die Frau oder die Gesellschaft, aber über die Einsamkeit und die Nacht, über das Gefühl, das Leben zu verstehen, ohne an ihm teilhaben zu können. Dieser Gestus ist radikal verschieden von jenem unzähliger anderer Filme, die sich emotional an uns binden wollen: A Quiet Passion ist nicht einfach berührend und bewegend, sondern selbst tief berührt und bewegt. Von einer Frau, die das Leben begehrt und zugleich fürchtet, die es sich auf existenzielle Weise „zu Herzen nimmt“. Und das auch nicht ändern kann. Selbst als sie längst weiß, wohin das führen wird.

Der Text ist ursprünglich am 17.02.2016 erschienen. 

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Kommentare


scholer

Vryling wird gespielt von Catherine Bailey, nicht von Joanna Bacon


Michael

Danke für den Hinweis. Ist korrigiert.






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