A Prayer Before Dawn

Das einzige, was bleibt, ist der Körper: Jean-Stéphane Sauvaires minimalistisches Biopic über den Boxer Billy Moore taumelt wie im Drogenrausch durch den gewalttätigen Alltag eines thailändischen Gefängnisses.

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Bevor wir Billy Moore (Joe Cole) für den Rest des Films hinter den Gittern eines thailändischen Gefängnisses sehen, flackern noch einige wenige Bilder aus seiner Zeit vor dem Knast an uns vorüber. Der junge britische Amateurboxer hat als Drogendealer in Bangkok gearbeitet, sich dabei selbst überschätzt und ist nun an einem Ort gelandet, der so verdreckt und moralisch verwahrlost ist, dass man selbst seinen schlimmsten Feind nicht hierher wünscht. In einer großen Gemeinschaftszelle, die gleichermaßen Schlafplatz und Toilette ist, liegen nachts halbnackte Körper mehr auf- als nebeneinander. Stirbt einer von ihnen, bleibt das schon mal unbemerkt. Wird ein junger Neuankömmling Opfer einer Gruppenvergewaltigung, tun die anderen Gefangenen gut daran, wegzuschauen. Man fühlt sich hier wie auf dem Viehmarkt. Schon bei der Einweisung beginnen die erniedrigenden Rituale: Immer wieder müssen sich die lediglich mit Shorts bekleideten Gefangenen den Wärtern präsentieren, strammstehen, sich abtasten lassen, den Mund öffnen und die Zunge rausstrecken. Ihre Würde und Privatsphäre haben sie an der Pforte abgegeben.

Selbstfindung in einer Welt voller Gewalt

In der Zelle gehen die Schikanen direkt weiter, nur noch eine Spur härter. Billy ist der einzige Weiße, der einzige, dessen Körper nicht vollständig tätowiert ist und der Einzige, der kein Wort Thailändisch versteht. Jene, die das Sagen zu haben scheinen, machen sich über ihn lustig, befummeln ihn, grunzen dabei obszön und schlagen auf ihn ein. Und Billy bleibt darauf nichts anderes übrig, als sich in seine kleine Ecke zu pferchen, den Rücken an die Wand zu drücken und irgendwie zu versuchen, so gut es geht mit dem unfreiwilligen Drogenentzug klarzukommen.

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Als Zuschauer bekommen wir diesen Überlebenskampf aus nächster Nähe mit. Wie Billy müssen auch wir uns immer wieder neu zurechtfinden, beziehungsweise die meiste Zeit damit leben, dass wir hier weder die genauen Hierarchien noch die Sprache verstehen (Untertitel gibt es kaum). Die Reduktion auf sich selbst, vor allem aber auf den eigenen Leib, interessiert Stéphane Sauvaire in A Prayer Before Dawn besonders. Der Film basiert auf der Autobiografie des Kickboxers Billy Moore und hätte deshalb auch ohne weiteres eine Art Midnight Express werden können. Doch der Protagonist ist hier weder ein Opfer der thailändischen Justiz noch von barbarischen Einheimischen. Billy versucht vielmehr in einer Welt, die sich fast nur über Gewalt definiert, zu sich selbst zu finden. Abgesehen von der Liebesbeziehung zur transsexuellen Mitgefangenen Fame (Pornchanok Mabklang) – was man in einem vor Testosteron triefenden Actionfilm wie diesem auch nicht unbedingt erwartet hätte – dreht sich alles um das permanente Spannungsverhältnis zwischen Selbstzerstörung und -behauptung.

Ein im Moment verhafteter Überlebenskampf

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Sauvaire (Johnny Mad Dog) abstrahiert Moores Erlebnisse zwar, in dem er uns Hintergrundinformationen und auch überwiegend Dialoge vorenthält, setzt zugleich aber auf die sehr konkrete Körperlichkeit seines Protagonisten, die er stets aus nächster Nähe einfängt. David Ungaros Handkamera verengt den Blick ganz auf die Hauptfigur, vor allem auf ihren schwitzenden, muskulösen und immer irgendwie versehrten Körper. In einem durch und durch materialistischen Mikrokosmos, in dem jeder Gegenstand auf seinen Tauschwert oder seine Eignung als Waffe untersucht wird, umkreist sie jemanden, der nichts hat außer sich selbst. Und wenn die Kamera Billy gerade nicht abtastet, nimmt sie seine Wahrnehmung ein, zeigt seine Desorientierung im Drogenrausch, seine Erschöpfung auf Turkey oder seinen ängstlich umherwandernden Blick, während es auf Tonspur dazu bedrohlich fiepst und dröhnt. A Prayer Before Dawn interessiert nicht das Davor oder Danach, sondern nur der im Moment verhaftete Überlebenskampf. Statt auf eine ausgeklügelten Geschichte setzt er auf die reine Erfahrung.

Auch wenn Billy irgendwann der Boxgruppe des Gefängnis beitritt und ein Ventil für seine Wut gefunden hat, ist der Film nur bedingt an Spannungskurven interessiert. Vielmehr interessiert ihn die ständige Bewegung, aber eben nicht als Fortschreiten der Handlung, sondern als physisches Nach-vorne-Preschen seines Protagonisten. Und so wie der Gefängnisalltag keine Entwicklung kennt, sondern in den immergleichen Wiederholungen gefangen ist, dreht sich auch Sauvaires Film ständig im Kreis, versetzt sich dabei selbst in ein konstantes Taumeln und kommt erst am Schluss gemeinsam mit seinem Helden zur Ruhe.

Trailer zu „A Prayer Before Dawn“


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