A perdre la raison

Wie das Grinsen vergeht.

A perdre la raison 1

Vielleicht waren einfach zu viele Elemente versammelt: Das großartige Schauspielpaar Tahar Rahim und Niels Arestrup aus Ein Prophet (Un prophète, 2009), ein talentierter Regisseur, der Belgier Joachim Lafosse (Privatunterricht, Élève libre, 2008), der gerade durch eine Begabung für die Schauspielführung aufgefallen war, dessen großer Wurf aber noch aussteht. Und dann läuft À perdre la raison auch noch in der wichtigen Nebenreihe von Cannes Un Certain Regard. Um es kurz zu machen: Lafosse ist die Form abhanden gekommen.

Thematisch bleibt sich der Regisseur treu, wieder beleuchtet er menschliche Abgründe und perverse Abhängigkeitsverhältnisse. Nur spielt er das ganze dieses Mal über Bande: Mounir (Rahim) lebt seit seiner Kindheit bei dem reichen Arzt André (Arestrup), der ihn aus Marokko nach Belgien „mitgenommen“ hat und seither aushält. Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht lernen wir Mounir kennen, er hat sich in ein Mädchen verliebt, und das wirkt beinahe schon ansteckend. In bewegten Großaufnahmen von Kameramann Jean-François Hensgens präsentiert uns Lafosse das Paar, als wollte der Regisseur dem Leben Bilder entrauben, pirscht sich ganz nah an sie heran, fokussiert hektisch, seitlich, von hinten, durch Türrahmen hindurch. Fast den gesamten Film über wird das Cinemascope-Bild in der Breite eingeschränkt. Wer wird sich schon einrichten wollen in solch einem Rahmen? Die Katastrophe ist vorbestimmt, wie immer bei Lafosse. Das Leid wird allerdings Murielle ereilen, gespielt von einer von Anfang an etwas blassen Emilie Dequenne, der inzwischen erwachsen gewordenen Rosetta (1999).

A perdre la raison 2

À perdre la raison ist ein im leicht affektierten Stil gehaltener Reigen geworden, der nur eine Richtung – nämlich abwärts – kennt, und glaubt, ohne Zuspitzungen auszukommen. Hernieder geht es, in die Depression, langsam, allmählich. Subtil ist das durchaus, aber auf eine bizarre Art. Denn zunächst ist Mounir und seine Zerrissenheit zwischen zwei Partnern, dem Ziehvater sowie der zukünftigen Ehefrau und Mutter seiner Kinder, im Fokus. Dass da etwas nicht stimmt, die Beziehungen auf Manipulationen, emotionaler Erpressung und vielleicht mehr basieren, das breitet Lafosse aus, macht es zum expliziten Thema in Dialogen. Gleichzeitig soll aber alles im Ungefähren bleiben, der Konflikt darf kaum eskalieren, denn im Kern geht es um das Abdriften von Murielle in die Depression.

A perdre la raison - Joachim Lafosse

Neben der auch hier exzellenten Schauspielführung zeichnete sich Lafosses Arbeit in seinen bisherigen Filmen stets durch die Spannung aus, die er gerade im Unausgesprochenen aushielt, die er räumlich und bildlich schuf, in der Dauer. Seinen sezierenden, offenlegenden Blick, den hat er in À perdre la raison verloren. Als wollte er für die kleine Leinwand, für den Bildschirm drehen, oder als könne er den Blick nicht von seinen Darstellern nehmen – erstmals arbeitet Lafosse ausschließlich mit erfahrenen Schauspielern in den Hauptrollen. Wo bisher seine Filme eine Unmittelbarkeit atmeten, etwa im Spiel der beiden Brüder Yannick und Jérémie Renier in Nue Propriété (2006), wirkt nun alles etwas zu stark konstruiert. Murielle vergeht das Grinsen, sie wird immer unscheinbarer, fast unsichtbar, den titelgebenden Verstand verliert sie. Da entschließt sich das Drehbuch, sie immer mehr ins Bild zu rücken. Ein interessantes Konzept, gerade weil Dequenne erst im Blick von Rahim erstrahlte. Wenn er am Schluss gar nicht mehr zu sehen ist, kulminiert die Tragödie wie selbstverständlich. Nur ist der Film da schon lange entglitten, in eine drogeninduzierte Schwebe, die alles gleichgültig werden lässt.

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