A Most Violent Year

Die Legalität ist ein Grenzgang durch die Kriminalität. J.C. Chandor sucht in seinem Film über das gewalttätigste Jahr der New Yorker Stadtgeschichte nach dem Richtigen im Falschen.

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Auf die Frage „Wozu das alles?“ weiß Abel Morales (Oscar Isaac) nichts zu antworten. Mehr noch: Die Frage verwirrt ihn, sie kommt aus einer anderen Welt auf ihn zu, aus einer anderen Lebensordnung, einer anderen Logik. Morales ist gerade dabei, ein altes Industriegelände zu kaufen, es liegt direkt am Fluss, das Heizöl, das er aus aller Welt einkauft, fließt über den Wasserweg direkt in seine Tanks. Mit diesem Grundstück könnte er seine Ölfirma mit einem Schlag zu einem gigantischen Konzern vergrößern – aber wozu das alles? Anders gefragt: Worauf läuft alles Wachstum zu, worin soll es sich erschöpft haben? Ja, von Wachstum ist viel die Rede in A Most Violent Year, aber eigentlich geht es um Wucherung – es gibt kein Ausgewuchertsein in dem Sinne, in dem es ein Ausgewachsensein gibt, es gibt keine finale Größe, zu der man wachsen will, nur ein andauerndes Anschwellen und Ansteigen nach allen Seiten ohne ein „Wozu“: ein Wachstum, das in und für sich selbst wächst nach überall, aber nirgendwohin. Das kapitalistische Urparadox – man erinnert sich an dieser Stelle natürlich an J.C. Chandors ersten Spielfilm Der große Crash – Margin Call (2011) –, ummantelt von einem seiner Lieblingsnarrative, dem American Dream, hat seine Warum-Frage kurzerhand geschluckt – nicht einmal mehr das Glück scheint als Antwort zu genügen. Die Frage wird schlicht und einfach aus der Welt gestrichen, sobald einmal jeder amerikanisch träumt.

Stadt aus Stadtrand

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Zu zeigen, dass es sich dabei – und der Titel verrät es ja bereits – um ein brutales Phänomen handelt, ist das grundsätzliche Anliegen von A Most Violent Year. Dass der amerikanische Traum näher am Naturzustand, näher am Ursprungskrieg eines jeden gegen jeden lagert, als dass er an der besten aller Zivilisationen doktert, ist die Kernthese, die aus dem dystopischen Szenario Chandors hervorgeht. Die glorreiche Skyline Manhattans ragt kulissenhaft flächig auf der anderen Seite des Flusses in die Höhe. Die Monumente der Zivilisation sind der Welt des Films unendlich weit entrückt; man sieht sie immer aus der Außenperspektive: vom schmutzigen Rand aus, sei es ausgehend vom Industrieareal, von der Bronx oder von der Autobahnbrücke, auf der es sich bis tief in die Stadt hinein staut. Es ist, als hätte der amerikanische Traum New York spiralförmig aus diesem Rand gebaut; nicht umsonst wirkt selbst die schicke Vorstadt-Villa der Morales mit ihrer trostlosen, bulligen Betonfassade und ihrer massiven Doppeltüre eher wie ein Schutzbunker, eine Verteidigungsanlage, als wie ein intimer, familiärer Ort; die Tennisanlage eines steinreichen Freundes wie die Turnhalle eines Hochsicherheitsgefängnisses. Auch die Stadt, sie ist nicht einfach gewachsen in den Jahren, sie hat gewuchert, ist ins Kraut geschossen.

Superlative

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Dass sich die Stadt selbst die Schlinge um sich gezogen hat, ist das eigentlich Gewaltsame in Chandors düsterer Poetik. Selten nur fällt ein Schuss, aber wenn er fällt, ist er ohrenbetäubend, etwa wenn Anna (Jessica Chastain), Abels Frau, einen angefahrenen Hirsch niederschießt. Das gesamte Spektrum der Brutalität ruht letztlich zwischen Drohung und Bedrohung. Von Morden und Vergewaltigungen hört man immer nur im Autoradio; eine latente Hörkulisse, die sich zu den Baracken und Industriegebieten fügt, durch die gefahren wird. Das ist das Eigensinnige, das Interessante an A Most Violent Year, dass der Superlativ aus dem Titel im Grunde nur wenig damit zu tun hat, dass in jenem berühmten, weil einzigartig grausamen Jahr 1981 die Menschen einander abknallen. Systematisch werden Abels Tanklaster überfallen. Das gestohlene Öl wird an die Konkurrenz verkauft, der Fahrer wird auf dem Highway zurückgelassen. Der Gewerkschafter fordert, die Fahrer mit Waffen auszustatten, mehr jedoch aus Sorge um die eigene Amtssicherheit als um das Leben der Angestellten. Abel aber ist überzeugt davon, sein Geschäft legal führen zu wollen, und wehrt sich gegen diese Maßnahme. Gesetzestreue heißt Verluste, Gewinn heißt Korruption: Die ewige Suche nach dem Richtigen im Falschen macht aus dem Richtigen das immer schon Falsche. Auch deshalb gesellt sich zu dem Superlativ der Gewalt ein zweiter und im Grunde unzulässiger: das Ehrlichste. Die Legalität ist nur mehr ein labiler Grenzgang durch die Kriminalität.

Äußerste Gewalt

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Das aber ist nicht nur eine banale Verdrehung der Kriterien. Denn wenn sich der vielleicht stärkste Moment des Films in einer entfesselten Verfolgungsjagd entlädt – Abel rast einem seiner gestohlenen Tanklaster hinterher, über Schotterstraßen und stillgelegte Schienentrassen, durch einen alten Bahntunnel hindurch, Abstellgleise entlang, später zu Fuß durch heruntergekommene Treppenhäuser und verschmierte U-Bahnwaggons –, wird klar, dass es sich dabei um eine Art allerletzte Handlungsoption handelt. Die Entgrenztheit dieser Szene selbst, ihre Singularität im Film ist es, die thematisch wird. Die Verfolgungsjagd, auch die Pistole, mit der man eher droht als schießt, auf deren Gebrauch mit aller Macht verzichtet werden will, und die Schüsse, die damit umso definitiver, umso gravierender fallen, stehen – und darin steckt möglicherweise auch ein emanzipatorisches Potenzial in A Most Violent Year – in einem buchstäblich existenziellen Licht. Chandor hat damit sicherlich nicht die Gewaltästhetik neu erfunden, aber wenn Abel am Ende ein Einschussloch in einem seiner Öltanks mit seinem Taschentuch stopft, ist das – wenngleich nicht die auf den ersten Blick brutalste aller Handlungen – tatsächlich ein Akt äußerster Kaltblütigkeit.

Trailer zu „A Most Violent Year“


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Kommentare


Arnea

schöne Kritik... bin gespannt auf mehr! :D






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