A Long and Happy Life – Kritik

Der linke Boss: Kein Traum ist ausgeträumt, bis er gelebt wird.

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Wäre er nicht Chef, wir sähen in ihm nur einen jungen Burschen. Die strahlend blauen Augen, die weichen Gesichtszüge, seine kleine Statur. Und beim kleinsten Widerspruch knickt er ein. Sascha (Alexander Yatsenko) hat eine ehemalige Kolchose übernommen, die ihm ein paar zwielichtige Provinzbeamten jetzt aber wieder streitig machen. Dann zieht er eben wieder in die Stadt. Doch seine Helfer wollen keine Abfindung, sie wollen weiter Kartoffeln ernten. Er lässt sich darauf ein, er ist ein Mensch voll Empathie. A Long and Happy Life (Dolgaya schastlivaya zhizn) hat mit Sascha einen beeindruckenden Helden gewählt für ein Widerstandsdrama. Weil er zuerst keine Haltung hat und das anfängliche Bröckeln der Entscheidungen keiner sauberen Gewissensfindung dient. Nie wird Sascha zum rechtschaffenen Protagonisten, der gegen eine Übermacht aufbegehrt. Er ist unsicher und umsichtig, sein Gegenüber alles andere als ein Goliath. Die ihn bedrängenden Beamten, trotz der Wampe als Kennzeichen wohlgenährter Widersacher, sind keine Vertreter einer Obrigkeit oder ehrfurchterregenden Macht, sie sind schlicht egoistisch motivierte Kontrahenten.

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Ein paar Momente gibt es in A Long and Happy Life, in denen das Leben wie ein Traum wirkt. Einmal stehen einige Dorfbewohner vor Sascha und erklären ihm, er solle aufgeben, sie seien Dummköpfe, er habe nie auf sie hören dürfen. „Du verstehst alles und bleibst dennoch“, redet einer von ihnen auf Sascha ein, als entspringe er den Hirngespinsten eines Mannes, der seine inneren Konflikte erst nächtens verarbeitet. Auch der Schluss mit seiner unaufgeregten Eskalation und dem verstummten Sascha birgt die Faszination des Abstrakten in sich. Boris Khlebnikov hat sein stilles Drama im Nordwesten Russlands als Miniatur angelegt. Es wäre ein Leichtes, hier Symbole zu destillieren, Metaphern zu analysieren. Herausragend am erzählerischen Aufbau ist aber gerade, dass die Ansätze von Stereotypisierungen – üblicherweise ein hilfreiches Mittel zur Repräsentation von größeren gesellschaftlichen Konflikten – genauso wie Saschas Standpunkte ständig bröckeln. Eine der wichtigsten Figuren, Impulsgeber für den Aufstand, macht auf halbem Weg eine Kehrtwende. Auf sehr treffende Weise fokussiert A Long and Happy Life die Bemühungen unterschiedlicher Protagonisten, sich im Strom widersprüchlicher Interessen, Ablenkungen und Sehnsüchten mit Körper und Geist zu positionieren.

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Der Kampf, der hier ausgetragen wird, ist insofern keiner, der auf einen bestimmten soziopolitischen Kontext beschränkt ist. Khlebnikov legt ihn trotz aller Abstraktionsangebote sehr bodenständig an, sucht seinen Widerhall in den Gesichtern und vor allem der manuellen Arbeit der Leute auf der Kola-Halbinsel, ein paar hundert Kilometer lediglich von der Grenze zu Finnland und Norwegen entfernt. Sie wollen endlich einen großen Hühnerstall bauen, wie Sascha es von Anfang an geplant hatte. Manisch mit sich selbst redend, hämmert dieser Nägel in eine Brettkonstruktion, im Hintergrund repariert ein anderer den Traktor. Während auf der Bildebene der konzentrierte Handkamera-Stil dicht den Bewegungen der Figuren folgt, intensiviert sich der Ton: Die Selbstgespräche Saschas werden vom Gebimmel eines Handys flankiert, ein junger Mitarbeiter scheint ununterbrochen und in rasender Geschwindigkeit Textnachrichten mit einem Mädchen auszutauschen. Alle kämpfen sie gegen die Ablenkung, gegen die Außenwelt, gegen die Gegenwart, die nichts wissen will von ihrer Gemeinschaft und ihrer Hoffnung auf ein besseres Leben durch den Widerstand.

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Die Stellschrauben sind gesetzt, Khlebnikov zieht an: Im letzten Drittel des Films rückt er sein Drama immer mehr in die Nähe eines Albtraums, und es trennt A Long and Happy Life nicht mehr viel von der Tragödie. Jetzt kann das verdichtete Szenario seine ganzen Stärken entfalten. Mit dem inneren Wirbelwind, dem sich Sascha hingibt, ist er nun kein Außenseiter mehr in der von Armut, vor allem aber von der rauen Natur gefurchten Gemeinschaft. Der Kampf hat die Landschaft zu seiner gemacht. Und er nimmt sich in einer für einen kurzen Augenblick befreienden Verzweiflungstat, was ihm zuzustehen scheint. Und doch ist damit nichts gelöst. Vor den Fenstern von Saschas kleiner Holzhütte fließt nach wie vor ein bewegter Fluss. Er führt zum Dorf oder auch daran vorbei. Wohin der Blick wandert und was er dabei sieht? Der Traum vom sozialistischen Chef ist noch nicht ausgeträumt.

Trailer zu „A Long and Happy Life“


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