A Horrible Way to Die – Kritik

Der Blick durch die Augen des Killers: Adam Wingard inszeniert seinen Mumblecore-Serienmörderfilm A Horrible Way to Die als impressionistischen extreme close-up.

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Der Blick durch die Augen des Serienkillers wurde in den 1980er Jahren zu einer Art dominanten Perspektive auf die amerikanische Gegenwart, der Killer selbst wurde vom dämonischen Antagonisten zum dämonischen Protagonisten des Gegenwartskinos. William Lustigs Maniac (1980) oder John McNaughtons Henry: Portrait of a Serial Killer (1986) schoben diese Neuperspektivierung aus dem Undergroundkino der 80er heraus an, bis der Killer schließlich in der Folgedekade als Popikone in Gestalt von Hannibal Lecter oder den Natural Born Killers (1994) ins Mainstreamkino vordrang und in Patrick Bateman aus Bret Easton Ellis’ Jahrhundertroman American Psycho (1991) – als Ikone des dehumanisierten Kapitalismus – seine endgültige Apotheose erfuhr. Seither hat sich einerseits ein überaus redundanter Mainstream des Serienmörderfilms eingeschliffen, der sich ästhetisch meist an David Finchers Sieben (Se7en, 1995) orientiert und zahllose verwechselbare Whodunnit-Plots mehr oder weniger uninspiriert heruntererzählt. Andererseits griffen seitdem auch immer wieder experimenteller erzählte, zunehmend postmoderne Filme die oft verzerrten, in Wahnsinn und Halluzination abschweifenden subjektiven Perspektiven ihrer psychopathischen Protagonisten selbst auf, spielten mit den Identifikationspotenzialen ihrer Zuschauer, den medialen Spiegelungen und Brechungen und thematisierten die immer leicht perverse Faszination des projizierten Publikums am motivlosen Töten, an der unbedingten, amoralischen Souveränität, die sich der Serienmörder anmaßt.

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Adam Wingards A Horrible Way to Die trägt zum einigermaßen ausgeschöpft anmutenden Genre des Serienmörderfilms wenig Neues bei, dennoch wirkt er nicht redundant und ästhetisch durchweg kontemporär. Das mag vor allem an der Richtung liegen, aus der heraus Wingard auf die generische Form zugreift: Die Erzählweise von A Horrible Way to Die hat nämlich wenig mit den selbstreflexiven Positionen von McNaughtons Henry oder auch Julian Richards’ The Last Horror Movie (2003) zu tun, und noch weniger mit den schlichten Kriminalerzählungen im Fahrwasser von Sieben. Stattdessen sucht sie spürbar den Anschluss an das neue, unter dem Schlagwort Mumblecore subsumierte amerikanische Independent-Kino, das wie auch die jüngeren deutschen Auteurs der Berliner Schule zunehmend eine Erweiterung seines narrativen wie formalen Spektrums in der Integration von Genre-Formaten in die eigene Ästhetik anstrebt. Die meist auf alltägliche Situationen und unspektakuläre Erzählungen ausgerichteten Mumblecore-Filme wenden die daraus entwickelte Ästhetik auf klassische Genres des (amerikanischen) Kinos an: den Western (Kelly Reichardts Meek’s Cutoff (2011) und auch Debra Graniks Winter’s Bone (2010)), die Familienkomödie (Jay und Mark Duplass’ Cyrus, 2010), den Horrorfilm (im Film-im-Film-Subplot von Joe Swanbergs Silver Bullets (2011), in gewisser Hinsicht Ti Wests The Innkeepers (2011) und vor allem Wingards eigener Pop Skull (2007)), sowie hier eben den Serienmörderfilm.

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Den spezifisch kontemporären Reiz von A Horrible Way to Die macht dabei vor allem die durchweg kunstvolle visuelle Gestaltung des Filmes aus. In Unschärfen, Lichtspielen und impressionistischen Abstraktionen schwelgend, verleiht Wingards Regie dem Stoff etwas Träumerisches, Jenseitiges, das in überaus wirkungsvollen Kontrast zur zwar zunächst strikt in zwei Handlungsstränge aufgespaltenen, achronologischen, aber dennoch recht klar konturierten und durchaus klassisch anmutenden Erzählung tritt. Diese folgt zunächst einmal dem aus dem Gefängnis entkommenen, äußerst grausam vorgehenden Serienmörder Garrick Turrell (AJ Bowen) auf seiner Flucht, während der Parallelstrang die vorsichtige Annäherung der beiden Anonymen Alkoholiker Sarah (Amy Seimetz) und Kevin (Joe Swanberg) zeigt. Nur nach und nach enthüllt A Horrible Way to Die die Vorgeschichte der schwer traumatisierten Sarah: Sie führte einst eine Beziehung mit Garrick, der sich immer wieder nachts heimlich davonschlich, um seinem Mordhandwerk nachzugehen, und verriet ihn nach der Entdeckung seines dunklen Geheimnisses an die Polizei. Nun könnte es sich Adam Wingard im Showdown freilich allzu leicht machen und in Gestalt von Garrick und Kevin das verdrängte alte Leben mit dem Neuanfang konfrontieren – was in gewisser Weise auch geschieht, aber dank eines bitterbösen Plottwists dann doch auf überraschende, dunkle Art und Weise gebrochen wird. Die Abgründigkeit, die er spätestens in seinen letzten Minuten erreicht, in Verbindung mit der oftmals schmerzhaft intensiven Ästhetik der Nähe, in der er gestaltet ist, machen A Horrible Way to Die, weit abseits von einer vielleicht ohnehin überflüssigen weiteren narrativen Erweiterung des Serienmörderfilms, zum überaus eindrucksvollen audiovisuellen Trip in ein finsteres Herz (oder viele finstere Herzen) im zeitgenössischen Amerika.

Trailer zu „A Horrible Way to Die“


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