A History of Violence – Kritik

Thematisch bleibt Kultregisseur David Cronenberg seinem Kassenflop Spider (2002) nah: Wieder muss sich ein Mann seiner Identität und der Gewalt in seiner Vergangenheit stellen. Diesmal bewegt sich der Kanadier allerdings auf ein weitaus größeres Publikum zu, dem er jedoch exzessive und explizite Gewalt inmitten vielfach bekannter Muster zumutet.

A History of Violence

Ein Ehepaar liebt sich, wild, hemmungslos, auf den Treppenstufen des eigenen Hauses. Ihre Annäherung hat über einen handgreiflichen Konflikt stattgefunden. Aus der Gewalt entstand ein Vorspiel, Hinüberleitung in einen leidenschaftlichen Akt, den beide gleichzeitig fordernd und hingebungsvoll erleben.

Diese Szene, in der Regisseur David Cronenberg wie in seinem gesamten Oeuvre die Grenzen von Gewalt und Sexualität auflöst, um beide Elemente effektvoll ineinander zu verschränken, ist Abschluss der bemerkenswertesten Sequenz seines neuesten Werkes A History of Violence.

Zuvor hat Edi Stall (Maria Bello) das getan, was aus vielen amerikanischen Genrefilmen bekannt ist – sie musste für ihren Mann Partei ergreifen, wider besseren Wissens, doch um der Familie willen. Nach dem Liebesakt folgt Distanz. Was Edi scheinbar für einen kurzen, affektiven erotischen Moment angezogen hat, verstört sie gleichzeitig: die ihr neue, aggressive Seite ihres Mannes Tom (Viggo Mortensen). Der liebende, pazifistisch erziehende Familienvater, hat sich vor ihren Augen als perfekte, sich am Blut berauschende Tötungsmaschine gezeigt. Aus Jekyll wurde Hyde und Edi wirkt abwechselnd von beiden Seiten angezogen, verstört und verunsichert.

Toms Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit ist der aktionsgeladene Haupthandlungsfaden dieser Geschichte, doch es sind die aus Edis Perspektive erzählten Sequenzen, die den Film nicht nur von anderen abheben, sondern ihn auch sehenswert machen. Obwohl Cronenberg sich auf das Terrain plakativster Actionreißer genauso begibt, wie er ganze Epochen von Filmklassikern zitiert, schafft er ein sehr individuelles Werk, dass sich dem Zuschauer zeitweise anzubiedern scheint, ehe es ihn durch seine Brüchigkeit wieder zurückwirft.

A History of Violence

Der kanadische Regisseur webt Motive seiner früheren Werke, zumeist im Horrorgenre beheimatet, mit Versatzstücken des reißerischen Konventionskinos zusammen, was den Zuschauer beinahe schizophren werden lässt: ein ständiges Wechselspiel zwischen Bekanntheit und Andersartigkeit, ja Fremdheit entsteht. Willkommen in Edi Stalls Welt!

Die erfolgreich arbeitende Frau ist zufrieden mit ihrem Familienleben in Millbrook, Indiana. Ihr Ehemann und Vater der beiden gemeinsamen Kinder betreibt ein Diner und ist fest im Kleinstadtleben verankert. Ihr Eheleben gestaltet sich als ein Arrangement aus Gewohnheit und Verlässlichkeit. Die beiden durchleben eingespielte Routine, so dass im sexuellen Alltag ein Rollenspiel als seltener Kitzel fungiert. Doch kurz darauf beginnt mitten im Diner ein Zersetzungsprozess, der Edis gesamtes Weltbild in Frage stellt.

A History of Violence

Cronenberg bearbeitet die verschiedensten Wirkungsstrategien von innerer und äußerer Gewalt. Wie kaum ein anderer demonstriert er in seinen Filmen die Transformationen eines von Gewalt befallenen Körpers. Parallel dazu untersucht er, wie sich Macht- und Gewaltverhältnisse innerhalb sozialer und emotionaler Strukturen wandeln.

In gängigen Erzählformaten würde inmitten dieses skizzierten Idylls das Böse einbrechen, die Vergangenheit. Aber ganz so einfach ist es bei A History of Violence nicht. Das Böse steht am Anfang der Handlung. Der Zuschauer sieht in einer quälend langsamen Plansequenz zunächst zwei Mörder, schließlich ihre Verbrechen aus deren Perspektive. Innerhalb der kurzen Titelsequenz inszeniert Cronenberg bereits einen selbst für gegenwärtige Sehgewohnheiten seltenen und grausamen Tötungsakt, gleichzeitig Reflexion cineastischer Tabus.

Das Böse ist nicht im Moloch der Großstadt beheimatet, wie eine Dichotomie der Handlung zwischenzeitig scheinbar anbietet. Es ist per se in dieser amerikanischen Gesellschaft und deren Geschichte verankert und es befindet sich in Form dieser beiden Mörder auf der Durchfahrt. Erst als sie Millbrook erreichen, wirkt die Kleinstadt wie der obligatorische Kontrast. Doch auch dort existiert latente Gewalt, die sich selbst beim Baseball andeutet. Diese Männer bringen nicht das Böse, sie wecken es nur. Ist die Brutalität erstmal evoziert, beginnt eine Kettenreaktion, die Tom nach Philadelphia führt, wo er sich den Wurzeln der Gewalt stellt.

A History of Violence

Es ist diese Bewegung aus Millbrook heraus nach Philadelphia, die dem Film so etwas wie Geschlossenheit raubt, den Gesamtton variiert. Cronenbergs Obsession mit den Auswirkungen von Gewalt findet hier eine Entladung im Slapstickhaften, in der Ironie und Parodie. Nur, um wenig später eine seltsam affirmative Familienzusammenführung mit parabelhaften Gesten folgen zu lassen.

A History of Violence verharrt, trotz oder wegen aller metaphorischen Anspielungen, in einer Ambivalenz. Gewalt existiert, Gewalt hat eine Geschichte. Aber wie bringt sich der Einzelne damit in Einklang, wie wirkt sie innerhalb der Gemeinschaft und in dessen Kern, der Familie? Letztlich dominiert auch in dieser neusten Versuchsanordnung des Künstlers Cronenberg die Frage nach der Identität des Individuums. Wie sieht sich Sam, wie sieht ihn die Umwelt, wer will und kann er sein und vor allem, wie beeinflusst ihn die eigene Vergangenheit? Kann der Kreislauf durchbrochen werden?

Geklärt wird dabei nichts, aber die Familie und das Publikum müssen sich der Fragilität des eigenen Identitätskonstrukts und der lauernden Gewalt stellen.

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Kommentare


Coal

Meine Nummer 3 im Jahr 2005... Die krass dargestellte Brutalität kommt so plötzlich, dass es einen jedesmal wieder umhaut. Von der Story her gibts natürlich kaum unglaubwürdigere Sachen als dies hier. Aber davon mal abgesehen einfach nur zu geil, zu hart, zu "krasse Scheisse, sein Kopf ist explodiert".
Nichts für schwache Gemüter.


Max Payne

Ein gelungener Film.
Die brutalität ( wie der Name "Violance" schon sagt ) kommt gestochen scharf.
Man denkt immer in der nächsten Sekunde wird der Hauptdarsteller sterben oder seine Familie.
Der Film ist Lohnenswert 10 mal besser als Miami Vice !
Ein guter und durchdachter Film!


Donky Kong

Kein schlechter Film nur für mich zu wenig Action wie schon beim versauten Miami Vice.
Die Story war nicht grade packend aber auf alle fälle besser als bei anderen Filmen.
Die Kameraführung war auch gut obwohl ein paar Effekte notwendig gewesen wären.
Was allerdings gelungen ist war die Brutalitätsumsetzung kaum zuviel oder zu "wenig" Blut. Top! Aber der Film bekommt leider nur 4/5 Sternen !






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