Ein freudiges Ereignis

Für alle Mütter, die noch mal wissen wollen, wie es war, und für alle werdenden Mütter, die noch mal sehen wollen, was sie ohnehin schon wissen.

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Rémi Bezançons letzter Film C’est la vie – So sind wir, so ist das Leben (Le premier jour du reste de ta vie; 2008) endete mit einem Schwangerschaftstest, selbstverständlich einem positiven. Sein neuer Film fängt damit an. In vielerlei Hinsicht ist Ein freudiges Ereignis (Un heureux événement; 2011) auch tatsächlich eine Fortsetzung von C’est la vie, sind es doch wieder ähnlich stinknormale mittelständische Figuren, die sich durch die kleinen und größeren Konflikte des Alltags boxen, ist es abermals die Familie mit all ihren Dynamiken und Energien, die Bezançon auf der Leinwand modelliert. Aber in ebenso vielerlei Hinsicht knüpft diese Fortsetzung ganz und gar nicht an ihren Vorgänger an – und das ist schade. Die Figuren in C’est la vie waren nicht unbedingt bis ins letzte psychologische Detail durchkomponiert, aber sie strahlten eine Ehrlichkeit aus, die in dieser Form im Kino recht selten gelingen mag: Man hatte einfach gerne Zeit mit ihnen verbracht, mit ihren skurrilen Hobbys und ihren gewöhnlichen Krisen. Die werdenden Eltern in Ein freudiges Ereignis sind hingegen eher herkömmliche Schablonen, Charaktertypen von der Stange.

Ein freudiges Ereignis 13

Die Beziehung von Nico (Pio Marmaï) und Babs (Louise Bourgoin, zuletzt zu sehen als miese Mutter Oberin in Die Nonne (La religieuse; 2013)) ist bilderbuchartig perfekt. Er arbeitet in einer Videothek, sie schreibt ihre Dissertation über Wittgensteins Tractatus, sie lernen sich kennen und lieben und durchlaufen sämtliche Standardstationen vom romantischen Kuss in der verträumten Hintergasse bis zur neckischen Blödelei beim Streichen der ersten gemeinsamen Wohnung. Viel mehr als die Chance auf einen gewöhnlich charmanten Liebesfilm versprechen diese ersten Minuten nicht. Als Babs jedoch schwanger wird und die kleine Lea auf die Welt kommt, schlittert das ganze Projekt in die abgedroschensten Vorstellungen und Phantasien vom Kinderkriegen, in eine Sammlung aller obligatorischen Klischees: von der tyrannischen Schwiegermutter über besserwisserische Mama-Kolleginnen aus dem Kreißsaal und raubeinige Hebammen bis hin zu existenziellen Entscheidungsschwierigkeiten beim Kauf eines Kinderwagenmodells.

Ein freudiges Ereignis 04

Ein Kind zu bekommen ist wohl eine der intensivsten Erfahrungen im Leben, und wie kriegt man diese emotionale Wucht erzählerisch zu fassen? Wie lässt sich dieses Glück begreifen, wenn man auf einmal mit all den Opfern konfrontiert wird, die man zwangsläufig erbringen muss, wenn das Baby da ist? Wie verändert sich die Beziehung einer Schwangeren zum eigenen Körper? In der gleichnamigen Romanvorlage versucht die französische Schriftstellerin Éliette Abécassis diesen Fragen nachzugehen und dabei ganz präzise aus der Sicht einer Schwangeren zu beschreiben, was in dieser Zeit körperlich und geistig vor sich geht. Aber vermutlich laufen all diese Fragen dann doch sehr schnell auf die Wittgenstein’sche Devise hinaus, eben letztlich nichts darüber sagen zu können, weil sich durch die Sprache allein die Erkenntnisse nicht formulieren lassen. Durch den Film könnte sicherlich, zumindest in einigen Punkten, Abhilfe geschaffen werden, weil das Bild offener, schillernder ist als das Wort, und trotzdem bleibt Ein freudiges Ereignis in den fossilen Allerweltsbeobachtungen kleben, ohne dass diese einmal tatsächlich erheiternd aufgeweicht werden.

Ein freudiges Ereignis 01

Im Vorgängerfilm C’est la vie funktioniert noch das Ironische wie das Tragische, weil in all seinen Problemsituationen und Glücksmomenten immer schon die eigene Flüchtigkeit nachhallt, weil die Kurve zwischen Freude und Trauer konstant ist und niemals ins Pathetische ausschlägt. Das Glück definiert sich als Zeit, in der man nicht traurig ist, und andersherum. Das mag sehr einfach gedacht sein, aber es macht den Film seinen Figuren gegenüber ausgeglichen und aufrichtig. Ein freudiges Ereignis suhlt sich hingegen in einem Schaumbad epistemologischen Kitsches, und was zwischen Vater, Mutter und Kind recht witzig daherkommen will, kann nur albern wirken, wenn es eigentlich darum geht, anhand der Geburt eines Babys Populärphilosophie zu betreiben.

Das Neugeborene ist für die Erkenntnistheorie einer der wesentlichen Dreh- und Angelpunkte. Ist dem Kind mit der Geburt der Verstand gegeben oder nicht? Eine Frage, mit der sich Babs unweigerlich beschäftigt, wenn sie abends auf dem Sofa sitzt und John Locke liest. Und so wenig man von ihr verlangen muss, ihr gesamtes Wissen mit dem Zuschauer zu teilen, so sehr darf man enttäuscht darüber sein, wie sie immer wieder feierlich die einfallsärmsten Antworten auf den Sinn des Lebens aus dem Off predigt.

Ein freudiges Ereignis 02

Oft hört man von sich über ihre Babys unterhaltenden Müttern, sie gerieten reflexartig ins Wetteifern, welcher Säugling am wohlgeratensten sei. Zumindest gibt es hierfür eine Tradition in Filmkomödien. In Ein freudiges Ereignis werden solche verbalen Mütterkriege augenzwinkernd als Sketche eingestreut und als fratzenhaft überspitzte Gruselszenen inszeniert. Aber schließlich ist der Film mit all seinen dürftig gesäuselten metaphysischen Dimensionen mindestens ebenso nervenaufreibend wie das, was er so fadenscheinig persifliert. Und wenn Babs im Schleudergang der Gefühle zuletzt auf die große, allumfassende These kommt, auf die sich alle Philosophie zurückführen lasse, einen ehrlichen Grundsatz, der da lautet: Das Leben geht immer irgendwie weiter; dann bleibt nur leise zu hoffen, dass das nicht die letzte Weisheit vom Leben ist, wenn man ein Kind bekommt.

Trailer zu „Ein freudiges Ereignis“


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