Ein Freitag in Barcelona

Verunsicherte Männer in Echtzeit.

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Wenn in einem Film immer wieder Sätze fallen, die mit „Ihr Männer“ beginnen, dann klingt das doch sehr nach Gender-Klischee-Comedy und fordert erst einmal eine kritische Distanz heraus. Doch Regisseur Cesc Gay hat es nicht auf plumpe Gender Wars abgesehen, sondern auf analytische Abstraktion: Sein Film besteht aus fünf Episoden, in denen unterschiedliche Männerfiguren mit Situationen konfrontiert werden, in denen sie ihre männliche Souveränität verlieren. Diese verunsicherten Männer tauchen selbst in den Credits nicht mit vollständigem Namen auf, sondern als bloße Abkürzungen –nicht um bestimmte Figuren soll es gehen, sondern um den „Mann an sich.“ Freilich handelt es sich bei diesem wieder einmal um den westlichen Mittelklasse-Heteromann, der sich das Privileg psychischer Verunsicherung leisten kann. Doch andererseits ist eine filmische Annäherung an diese Gruppe alles andere als uninteressant, handelt es sich doch um jenes in der Regel nicht markierte Subjekt, das auch im Kino noch allzu häufig als unhinterfragte Norm funktioniert.

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Dass diese Leerstelle hier nicht nur explizit gefüllt, sondern auch genüsslich seziert wird, das wirkt tatsächlich erst mal erfrischend ungewohnt und macht Ein Freitag in Barcelona zu einem durchaus speziellen Stück Kino. Die männlichen Macken nimmt Gay dabei niemals sitcomhaft für schnelle Lacher in den Dienst – wir sind halt so, und das ist doch auch ganz gut und lustig so. Die fünf Episoden, aus denen der Film besteht, sind vielmehr Fremdschäm-Exzesse mit einem durchaus ernsthaften Kern. Die Geschichten erzählen von zufälligen Begegnungen alter Freunde, versuchten Wiederanfängen mit der geschiedenen Frau oder Anmachversuchen im Büro. Fast immer sind die Protagonisten eigentlich auf dem Sprung, müssen (oder wollen vielmehr) weiter, doch Gay lässt sie nicht entfliehen, hindert sie am Aufbruch, konfrontiert sie mit ein wenig Leben und versucht ihnen auf diese Weise, etwas Ehrlichkeit und Emotion abzuringen.

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So wird Ein Freitag in Barcelona zu einem sehenswerten Schauspielerfilm. Die einzigen Schnitte finden zwischen den Episoden statt, die Fragmente selbst laufen praktisch in Echtzeit ab, bestehen fast alle aus nur einem Dialog. Gay beobachtet diese Gespräche auf konventionelle Weise, lenkt nicht ab von den kleinen Geschichten, die sich in den winzigen Regungen und Gesichtsausdrücken abspielen. Die kurzen Musikstücke, die in Verbindung mit dem gerade Erlebten wie endlose Variationen auf einen Game-Over-Jingle klingen, sind fast die einzige filmische Rahmung. Der Rest ist Sache einer großartig aufgelegten Riege namhafter spanischsprachiger Darsteller, denen die von Gay angestrebte Mischung aus gespielt sicherem Auftreten und tatsächlicher Schwäche auf mal amüsante, mal schmerzliche Weise glückt. Ob als geschiedener Mann, der immer penetranter nach der zweiten Chance schielt, als Stalker der untreuen Ehefrau oder als ausgebrannter Familienvater: Diese Männer versuchen verzweifelt, Handelnde zu bleiben, irgendwie die Situation zu kontrollieren – eine Pistole in jeder Hand, wie es der spanische Originaltitel ausdrückt –, nur ist ihnen das Objekt ihres Handelns abhanden gekommen, die Welt außer Kontrolle geraten, und alle Frauen um sie herum sind so viel souveräner als sie selbst. Was bleibt, ist ein einziges Scheitern mit Pokerface.

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Nun ist das mit der männlichen Verunsicherung so eine Sache. Seit der Hegemonialisierung einer modernen Form von Maskulinität sind deren Krisen in regelmäßigen Abständen behauptet worden. Doch Krisengerede ist in der Regel unkritisch, verweist es doch auf die „eigentliche“ Stabilität des als krisenhaft Behaupteten und reproduziert dieses eher, als es in seiner stetigen (Re-)Konstruktion erkennbar zu machen. Männlichkeiten zu untersuchen, das hieße über die Diagnosen von Krise und Verunsicherung hinauszugehen, sie als multipel, einem stetigen Wandel unterworfen und in ihrer Interdependenz mit anderen Subjektivierungsformen in den Blick zu nehmen. Diesen Interdependenzen jedoch verschließt sich Gay schon mit seiner homogenen Auswahl der Figuren und seinen im Kern sehr ähnlichen Situationsbeschreibungen, die eine ganz bestimmte Lebenswelt voraussetzen. Indem er außerdem Männlichkeit vor allem als emotionale Unfähigkeit und damit psychologische Schwäche problematisiert, schreibt er sie zugleich als eine autonom wirkende Geschlechterrolle fest, die das Ich unterdrückt und verunsichert und von der Mann sich zu befreien hat. Analytisch ist Ein Freitag in Barcelona damit weniger kritisch, als er es gern wäre, fügt sich vielmehr nahtlos ein in eine Kultur der therapeutischen Selbstoptimierung.

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Und trotzdem ist Gays Film nicht nur äußerst sehenswert, sondern im Gestus progressiv, gerade weil er keine Ursachenforschung betreibt. Die Schuld, wenn man diesen Begriff hier überhaupt verwenden kann, sucht Gay nur bei seinen unsicheren Protagonisten selbst, bei ihrem verzweifelten Versuch der Immunisierung gegen jegliche Schwäche, gegen jeden drohenden Verlust von Autonomie. Das verhindert zwar einen präziseren Blick aufs Gesellschaftliche, macht Ein Freitag in Barcelona aber auch resistent gegen reaktionär-nostalgische Interpretationen. Gays Episoden wollen kein Bedauern oder Mitleid evozieren, sondern sind selbst eher Anstoß zum Bewegen, sein Film damit weniger reine Krisenbehauptung als eine Intervention, die auf Veränderung schielt. „Es sind manchmal nur winzige Details, die dich vom Weg abkommen lassen“, versucht einer der Männer seine Reue über den folgenschweren Seitensprung zu vermitteln. Doch seine Ex lässt sich auch von solcher Pseudo-Philosophie nicht beeindrucken. „Es gibt tausend Wege“, antwortet sie cool.

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