A Girl Walks Home Alone at Night – Kritik

Ein feministischer Vampir-Western auf Iranisch? Ana Lily Amirpours Film jongliert mit den Genres und erschafft eine griffige Blaupause der Düsterkeit.

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„I prefer not to.“ Das ist der berühmte Satz von Bartleby, einer Romanfigur Herman Melvilles. Dieses zaghafte, aber bestimmte „Lieber nicht“, es steht seither für eine bestimmte Kunst der Verweigerung ohne Rechtfertigung – ein Luxus, weit entfernt von den Wortgefechten des Alltags, vom Zwang der Machbarkeit. Nicht so hingegen im Film, denn dieser spricht eine andere Sprache: Viele seiner denkwürdigsten Gestalten sind stumm oder zumindest wortkarg, mitteilsam allein über das Netz ihrer Affekte, Gesten, Blicke, eingefangen mit der Kraft der Bilder. Vielleicht hat Ana Lily Amirpour mit ihrem Debütfilm A Girl Walks Home Alone At Night eine Art zeitgemäßen Bartleby ins Werk gesetzt, als Hommage an ein Kino des diskreten Blicks, dieses Moments des Ab- oder Zuwendens, der in der Undurchdringlichkeit endet. In deutlichen Worten hat es Chris. Marker in Sans Soleil (1983) auf den Punkt gebracht: „Frankly, have you ever heard of anything stupider than to say to people as they teach in film schools, not to look at the camera?“ Oder, unmissverständlich banal als Kinowahrheit: Ein Gesicht sagt mehr als tausend Worte.

Schwarzweißer Heiligenschein

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Inmitten von Ölraffinerien, jämmerlichen Siedlungen und Kakteen treibt sich ein verhuschtes Wesen herum. Versteckt unter einem pechschwarzen Tschador zelebriert es seine nächtliche Einsamkeit, parkouriert die postindustrielle Brache. Die menschliche Gesellschaft dagegen ist nur noch ein Fragment: ruppige Drogendealer, Kampfhunde und Prostituierte. Ihre gemeinsame Szene ist der Bordstein. Die Ästhetik der endlosen Betonwüste lässt den Film vor unseren Augen als ein stillstehendes Roadmovie entstehen, wie ein monochromes Diagramm nächtlicher Spaziergänge mit höchst ungewissem Ausgang. Nur Blut wird fließen, so viel ist klar. Und wenn es fließt, dann meist in sturzbachähnlichen Symphonien, begleitet von Goa-Beats oder iranischem Undergroundrock. Dazwischen wechseln sich elegische Stille und exzessive Gewalt ebenmäßig ab, vielleicht kommt einem beim Sehen dieses Films deshalb das Wort „Kult“ so häufig in den Kopf? A Girl Walks Home Alone At Night lebt von diesen Kontrasten, dieser unbarmherzigen und schweigsamen Stärke seiner Protagonistin: Sie ist eine Heilige auf dem Skateboard. Die Erde ist eine Hölle aus Pflastersteinen. Das „I prefer not to“ ist alternativlos – so sieht zivilvampirischer Ungehorsam aus.

„Ja, das und nur das will ich!

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Die restriktive Außenwelt, dieses Szenario der ständigen Bedrohung, es wurzelt in der Männlichkeit, dem stählernen Machostahl, der alles zugrunde richtet und entwertet. Nach Einbruch der Dunkelheit lauert Wer-Weiß-Was hinter den schattigen Straßenecken, und eine gehörige Prise Paranoia reichert die expressionistischen Nachtwanderungen an. Amirpour spielt mit toten Winkeln, Wahrnehmungskanälen und visuellen Genderklischees. Der Titel des Films ist mehr als wörtlich zu nehmen. Eine durch und durch opake Protagonistin schält sich dabei heraus, eine unzugängliche Heldin voller unfassbarer – es lässt sich nicht anders sagen – Coolness. Eine wahrhaftige Künstlerin des Eigensinns, doch auch sie sehnt sich stillen Herzens nach einem Vampir an ihrer Seite. Dass deren Beziehungen recht kompliziert sein können, wissen wir spätestens seit Jim Jarmuschs Fernbeziehungsvampirdrama Only Lovers Left Alive (2013). Nur leider wird der Seelenverwandte diesmal noch nicht mal ein Vertreter der eigenen Art sein. Was die Dinge natürlich relativ aussichtslos macht und die moralische Frage um Bartleby neu aufwirft. Wann und unter welchen Bedingungen kann man ja sagen zu einer Welt, die das Leben verneint? Es ist die Schönheit, wenigstens einmal mit Gewissheit sagen zu können: „Ja, das und nur das will ich!“ Eine Liebesgeschichte deutet sich an, und Amirpour inszeniert diese Mutprobe mit einer Schüchternheit, die den Film großartig macht. Sich trauen, zulassen, diese Momente des Vertrauens sprengen die Welt auf und signalisieren die Möglichkeit einer scheuen Hoffnung auf Verbündete. Doch hat diese angesichts der allumfassenden Degeneration eine Perspektive? Diese Spannung flackert durch A Girl Walks Home Alone At Night.

Begeistert befremdliches Zusehen

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Es gibt wenige Filme, die in ihrem unbedingten Willen zum Obskuren eine ganz eigene Welt erschaffen. Oft sind es Erstlingswerke, verworrene Kopfgeburten zwischen Dystopie und visueller Idylle, unermesslich und mysteriös in ihrem Stil. Und sie spielen natürlich ausschließlich nachts: Eraserhead (1977) von David Lynch ist so einer, oder auch Lars von Triers The Element of Crime (1984). A Girl Walks Home Alone At Night dürfen wir hier getrost einreihen: Der Film ist auf Farsi gedreht, aber in der heruntergekommenen kalifornischen Einöde angesiedelt. Allein diese zwei der zahllosen Clashs dieses Films sorgen schon für ein begeisternd befremdliches Zusehen von Sekunde eins bis zum Abspann. A Girl Walks Home Alone At Night ist ein Midnight Movie im besten Sinne, einerseits vollkommen neu, andererseits getränkt in Referenzen, irgendwie Retro also, aber gleichzeitig ein Film, der etwas undeutlich Zukünftiges in sich hat.

Trailer zu „A Girl Walks Home Alone at Night“


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Kommentare


Jan

Eine wunderschöne Kritik für einen atemberaubenden Film. Du hast es Alles auf den Punkt gebracht. Danke!






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