A Ghost Story

Karlovy Vary 2017: Irgendwo zwischen Weerasethakul und Andersen: In David Lowerys A Ghost Story verweilen die Einstellungen so lange, bis in ihnen Geister zum Leben erwachen.

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Ein weißes Bettlaken mit zwei Augenlöchern ist die wohl bekannteste wie auch kindischste Vorstellung, die wir von einem Geist haben. Und eben auch seine eingängigste Form, eine Projektionsfläche für unsere Projektion einer Seele. Als ein solcher Geist wird der junge Mann (von Casey Affleck gespielt und im Film schlicht C genannt) erwachen, nur wenige Augenblicke nachdem seine Freundin (Rooney Mara als M) ihm das Leichentuch sanft über das Gesicht zieht und ohne Regung die Aufbahrungshalle verlässt. C wird ihr in das gemeinsame Haus folgen, sie beobachten, sie verlieren, und in ferner Zeit wiederfinden.

Spuren des Daseins in der Zeit

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Es geht David Lowery dabei nicht um den Tod oder das Leben danach. Er zeigt nicht, wie C stirbt, gibt weder dem Tod noch dem Nachleben einen dramatischen Raum. Jenseits und Diesseits werden nie auf unterschiedliche Ebenen gehoben. A Ghost Story erzählt von den Spuren, die das Dasein in der Zeit hinterlässt. Dabei geht es um die Lebenden und die Toten, die der Film in ihrer Trauer verbindet. Der Geist kehrt in das Haus zurück, beobachtet, wie M den Verlust überwindet. Er versucht, sie zu berühren, sie versucht, den Schmerz aus der Erinnerung drängen, bis die Zeit die irdische Trauer langsam überdauert und nur der Geist zurückbleibt.

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Vielleicht lässt sich A Ghost Story am besten als Märchen beschreiben, irgendwo zwischen Weerasethakul und Hans Christian Andersen. Ein Film, der in den fast quadratischen 16mm-Bildern von Andrew Droz Palermos verweilt, bis in ihnen Geister erwachen. Im schönsten Moment der melancholischen Gespensterstunde sehen sich zwei Geister aus den Fenstern der Häuser an, an die sie gebunden sind. Stumm stehen sie sich gegenüber, die Untertitel erzählen für sie von der Zeit des Wartens. Zeit, die irgendwann selbst die Erinnerung an das alte Leben zerstört, einen der Geister vergessen lässt, auf wen er noch wartet, was ihn noch an sein Haus bindet, von dem sich die Kamera nun langsam entfernt. Eine Reflexion auf der Scheibe verdeckt die Erscheinung des Geistes. Er droht zu verschwinden, während die Zeit an ihm vorbeizieht.

Mehr als nur ein Bettlaken

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A Ghost Story fängt die Zeit ein wie eine Erinnerung, dehnt kleine Momente und hält in ihnen fest, woran sich der Geist klammert, bevor die Zeit auch ihn überdauert. Man kann es mit den Momenten einer Beziehung vergleichen, in die Terrence Malicks Filme hineingleiten, um nur kurz darauf wieder davon zu schweben. Man kann Lowery unterstellen, es sei prätentiös und kitschig, wenn er minutenlang ein Liebespaar zeigt, wie es ineinander verschlungen schläft, sich über einen selbst geschriebenen Song auf ganz neue Weise kennenlernt. Man kann auch darüber lachen, dass ein Bettlaken Rooney Mara beim Trauern zusieht. Doch wer nur das Bettlaken im Raum sieht, vergisst, wie albern Verzweiflung ist, wie angreifbar Liebe ist, und wie schmerzhaft der Versuch, am Leben festzuhalten, das einem durch die Finger gleitet wie Sand.

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Lowery erzählt von diesem Dasein, von Liebe und Schmerz, nicht indem er diesen Dingen nachläuft oder sie ins Sichtbare zerrt. Er formt nicht die Höhepunkte eines Lebens, er formt die Zeit selbst. In einzelnen Einstellungen vergehen Tage, sogar Wochen, mit einem Schnitt Jahre und Jahrhunderte. Dort wird das Bettlaken zum Geist, zu einem verlorenen Wesen, das durch die Jahrzehnte wandelt – und das sucht, was die Zeit transzendiert, was Diesseits und Jenseits zusammenbringt, was überdauert, wenn keine physische Verbindung mehr existiert. In Errol Morris’ Gates of Heaven heißt es einmal „There’s your dog; your dog’s dead. But where’s the thing that made it move? It had to be something, didn’t it?“. Lowery erweckt dieses Etwas zum Leben und zeigt, dass es im Kino dazu nicht mehr braucht als ein weißes Bettlaken.

Trailer zu „A Ghost Story“


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