Die Sanfte

Einfach mal nichts sagen und sich treiben lassen, in den Abgrund, vors Schloss von Kafka, durch die sibirischen Straßen von Marx und Hegel bis zum Jüngsten Gericht. Sergei Loznitsa geht aufs Ganze.

A Gentle Creature  4

Die Allegorien sind deutlich, das Schicksal hart, und die Frau, die Sanfte aus dem Titel, bleibt zurück mit einer versteinerten Miene. Sie will etwas, braucht etwas, hofft etwas, und der Film folgt ihr. Stellt sie in die Mitte, sowohl wörtlich, in einer Reihe an symmetrischen Kompositionen just ins Bildzentrum, als auch im übertragenen Sinn, da fast alle Erfahrung des Films auf sie zuläuft, aus ihrer Perspektive erzählt wird. Und doch zeigt Die Sanfte (Une femme douce) nicht so sehr ihre Erfahrungen, das wäre zu viel gesagt. Eher ist diese Frau ein sonderbarer Fluchtpunkt als ein Zentrum der Erzählung, weil es so wirkt, als würde weder sie die Erfahrungen machen, noch die Erfahrungen sie machen. Sie, die Sanfte ohne Namen, wird durch die Welt geschoben, lässt sich schieben, ziehen, zerren, mental und physisch, und probt doch ganz sachte und unentschieden den Widerstand. Wenn es mit rechten Dingen zuginge in dieser Welt, dann würde sie sich ändern, würde sie sich entwickeln, würde sie etwas erfahren. Doch weder offenbart sie eine Psychologie, noch will sie Körper sein.

Eine Sogkraft namens Menschlichkeit

A Gentle Creature  1

Vasilina Makovtseva, es ist ihre erste Kinorolle, spielt eine russische Frau mittleren Alters, schön und schlank, unscheinbar und in sich gekehrt, die nur sichtbar wird, weil sie muss. Wir wissen: Sie erhält ein Paket zurück, das sie ihrem Mann ins Gefängnis geschickt hatte, und macht sich daraufhin auf den Weg in den sibirischen Norden, um es ihm persönlich zu überbringen. Weil auf dem Weg alles kontrolliert wird, wissen wir auch, was in diesem Paket ist, bis auf den letzten Gegenstand. Wir wissen von der kondensierten Milch, vom Fisch in Dosen, von den Zigaretten. Und wir sehen, wie diese Gegenstände diese Frau in Bewegung bringen, wie sie ihr ein Klotz am Bein sind und wie sie sich ihnen verschreibt. Die Sogkraft aber, die diesen Film der großen Ruhe, der äußerlichen Aufregung und des stillen Zentrums antreibt, ist eine andere, eine, die der Protagonistin völlig äußerlich scheint, es ist die der Menschlichkeit.

Menschlichkeit, das klingt falsch im Zusammenhang mit einem Film, der das Kaleidoskop eines unmenschlichen Staatsapparats entwirft, der zu Korruption, Prostitution, Gewalt und Angst anstachelt. Just das ist das Paradox, um das herum Die Sanfte gebaut ist. Es fängt beim Titel an, den Loznitsa von Dostojewski entliehen hat, ohne dass es zwischen Film und Erzählung viele Bezüge gäbe. Der Titel steht im Widerspruch zur stoischen Mine und der Kälte, die die Frau ausstrahlt, genauso wie anders herum unhöfliche oder rüpelhafte Begegnungen stets eingefangen werden: von anderen Begegnungen, die freundlicher sind, von offenen Ausgängen und von mildgestimmten Kompositionen.

Organisches und Orgiastisches

A Gentle Creature  3

Im Bus, auf dem Postamt, im Zug, im Gefängnis, in der Unterkunft: Überall Massen von Menschen, die alle etwas wollen und es nur selten kriegen, die Ersatzbefriedigungen suchen und eine Geselligkeit, die die eigene Einsamkeit höchstens kurzzeitig verdrängt. Loznitsa hat ein besonderes Talent für solche Konstellationen, für das Verschieben der Aufmerksamkeit, für die organischen (und manchmal orgiastischen) Bewegungen eines misstrauischen, opportunistischen, sich aus der Hilflosigkeit irgendwie herauslavierenden Volkes. Es sind Momente, die zu lange dauern, die den erzählerischen Fluss aufhalten, die nicht zweckgerichtet sind, die den Film an sich heranziehen. Oft ist das komisch, wenn sich im überfüllten Bus eine ältere Frau von der Sanften und deren Paket bedrängt fühlt und es lautstark zum Ausdruck bringt. Erst mischen sich vereinzelt andere Passagiere ein, beschweren sich über das Beschweren, schließlich erzählt eine Frau eine Anekdote davon, wie einmal Menschen im vollen Bus einen Sarg mit Leiche transportierten und alle gemeinsam anpacken mussten, um ihn sitzend über ihren Köpfen zu halten.

Verheißungsvolle Abgründe

Abschweifungen sind das Mittel der Wahl für Die Sanfte. Abschweifungen ins Absurde, ins Körperliche und ins Spiel. Der alltägliche, beiläufige Fluss, der die Protagonistin ins Labyrinth führt, ist ein zweifellos fiktionaler, der Spaß am Gebauten hat, am Erfundenen, am Witz und an Skurrilitäten – was, warum nicht, an Straßen vorbeiführt, die nach Marx und Hegel benannt sind und so einige Kabinettstückchen bereit hält, wie etwa eine Menschenrechtsaktivistin, die unbedingt helfen will und völlig hilflos erscheint. Passend dazu schenkt Oleg Mutu, der auch die vorherigen Spielfilme von Loznitsa fotografiert hat, den Bildern etwas Majestätisches (oder Zarisches), auch dann, wenn sie intime und bedrängende Ausschnitte der Szenerien einfangen.

Es sind die schleichenden Bewegungen und das geschliffene Licht, die den Abgrund, der sich den Figuren öffnet, beinahe verheißungsvoll erscheinen lassen. Das führt soweit, dass eine sehr gewaltsame, perverse Szene gegen Ende vom Bildregime her zwischen Albtraum und Wunschtraum nur so hin und her pendelt. Es ist die Konsequenz eines Films, der auf offene Ausgänge, auf Episoden ohne Abschluss hin konzipiert ist, ja dessen Lebenselixier es ist, eine Frustration zu vermitteln, die den Widerstand beim Zusehen plastisch werden lässt, wenn er schon auf der Leinwand keine Chance hat.

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