A Gang Story - Eine Frage der Ehre

Once upon a time in Lyon: Olivier Marchal, bekannt für seine harten Polizeidramen, schlägt sich diesmal auf die Seite der Gangster – und wird zugleich zuschauerfreundlicher.

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Etwas ist anders in A Gang Story (Les Lyonnais), dem neuen Film von Olivier Marchal. Mit dem ersten Bild scheint noch alles wie gewohnt. Die Credits erscheinen vor trist grau-braunem, von kleinen Rissen durchzogenem Hintergrund, vielleicht einer Gefängnismauer. Doch nach einigen Sekunden springt die Szenerie. Wir sehen den Protagonisten Edmond Vidal (Gérard Lanvin), genannt Momon, auf dem Dach seiner Villa. Trotz seines Alters ist er noch von beachtlich kräftiger Statur. Das Bild ist hell, sonnenerleuchtet. Momon ist keiner der üblichen gebrochenen Charaktere, die Marchals Filme sonst bevölkern. Wenn die Kamera auf sein Gesicht zoomt, unterscheidet sich seine Mimik vom trostlosen, resignierten Gesichtsausdruck Louis Schneiders, mit dem Marchal seinen vorhergehenden Film MR 73 (2008) beginnen ließ. Momon wirkt nachdenklich, aber nicht verloren. Er heckt einen Plan aus, wie wir später im Film, wenn direkt an diese Szene angeknüpft wird, erfahren werden.

Es folgen die restlichen Credits, unterlegt von einer schnell montierten Bildercollage, die ein wildes Gangstertreiben in den 1970ern zeigt. Bank- und Transporterüberfälle werden mit Siegesfeiermomenten zwischengeschnitten, alles begleitet von einem energischen, positive Stimmung vermittelnden Soundtrack. Dass es sich bei den gezeigten Personen um eine ganz bestimmte Gang handelt, Les Lyonnais, angeführt von Momon, werden wir erst später erfahren, aber eines können wir jetzt schon festhalten: Gangster sein ist ziemlich cool.

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Schon dieser beschwingte Auftakt scheint recht untypisch für die Höllenszenerien, die die bisherigen Polizeidramen des Regisseurs kennzeichnen. Marchal ist einer der wichtigsten Filmemacher des aktuellen französischen Kinos, zumindest im Hinblick auf ein bestimmtes Genre: den Policier oder auch Polar (eine Wortneuschöpfung aus „Police“ und „Argot“, der Umgangssprache französischer Krimineller). Dieses Genre wiederum ist ein wesentlicher Teil der französischen Filmgeschichte überhaupt. Ein weiterer Unterschied von A Gang Story zu Marchals vorangegangenen Filmen ist der Perspektivenwechsel. Während die Hauptfiguren bis zu seinem letzten Film immer Polizisten waren, steht hier eine Gangsterbande im Fokus. Doch die daraus resultierende Differenz ist nur eine scheinbare. Ein Polar handelt immer auch vom Verwischen der Grenzlinie zwischen Kriminellen und Gesetzeshütern. Die Polizei ist hier eine Institution, die von Korruption und internen Grabenkämpfen zerfressen ist. Die Methoden der Beamten sind meist kaum legaler als die Verbrechen, die sie aufklären sollen, und das Gehalt wird gerne mit eigenen gesetzwidrigen Aktivitäten aufgebessert. Bezeichnenderweise nannte Marchal, selbst ein ehemaliger Kriminalbeamter, sein Langfilmdebüt über eine Polizeieinheit Gangsters (2002).

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Die neue Hauptfigur Momon unterscheidet sich letztlich wenig von ihren Vorgängern auf der anderen Seite des Gesetzes. Er muss teilweise wie ein Detektiv vorgehen, um herauszufinden, wer ihn verraten hat, und da er auf seine alten Tage seiner Frau zuliebe seinem brutalen Vorgehen vergangener Zeiten abgeschworen hat, kommt er nicht selten in eine moralische Zwickmühle. Wenn es hart auf hart kommt, werden die guten Vorsätze schnell über Bord geworfen. Nach der Eingangssequenz springt A Gang Story einige Wochen in der Zeit zurück. Der in der Gegenwart spielende Plot, in dem Momom wieder aktiv wird, um seinem Jugendfreund und früheren Partner Serge Suttel (Tcheky Karyo) aus der Klemme zu helfen, geht immer wieder nahtlos in Rückblenden über, die in leicht ausgeblichenen, nostalgiebehafteten Bildern die Verbrecherkarriere des jungen Vidal (Dimitri Storoge) und seiner berüchtigten Gang nachzeichnen.

Auch wenn es Rückschläge gibt, ist es eine Erfolgsgeschichte, die hier erzählt wird, in der der kleine Momon, der Sohn eines mittellosen Zigeuners, zu einem der mächtigsten und wohlhabendsten Männer Lyons aufsteigt. Wenn er schließlich von einer Hundertschaft von Polizisten verhaftet wird und für einige Jahre ins Gefängnis muss, ist das nicht das Ende, sondern nur eine unvermeidliche Episode im Gangsterleben. Die Erzählstruktur, die Figurenkonstellation und deren mythische Erhöhung erinnern somit teilweise an Sergio Leones Es war einmal in Amerika (Once Upon a Time in America, 1984).

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Die Gegengesellschaft der Kriminellen, die ihrerseits auch auf bestimmten Werten wie Ehre, Familie, Männerfreundschaften und auf ungeschriebenen Gesetzen wie Verschwiegenheit und Blutrache ruht, ist letztlich nicht weniger fragil und pathologisch veranlagt als der in Marchals anderen Filmen fokussierte Polizeiapparat. Momons in den Rückblenden erzählte Erfolgsgeschichte wird schließlich durch die Geschehnisse des Plots auf der Gegenwartsebene konterkariert, wenn er feststellen muss, dass er sich in bestimmten Vertrauten getäuscht hat. Aber A Gang Story ist – ganz besonders im Vergleich zum infernalischen, direkten Vorgänger MR 73 – doch einen Tick freundlicher und unsperriger gehalten. Die Protagonisten wandeln nicht so permanent verloren am Abgrund entlang wie sonst, wie die deutlich weniger düstere Atmosphäre vermittelt. Lediglich eine einzige, sehr kurze Szene ereignet sich im sonst so charakteristischen Regen, und nicht nur die Eingangssequenz, sondern der Großteil des restlichen Films spielt bei angenehm hellem Tageslicht.

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Ausgerechnet der Verbrecher Momon, der sowohl von Storoge als auch besonders von Lanvin überzeugend und trotz seiner Neigung zur Gewalt sympathisch rübergebracht wird, erscheint als eine der menschlichsten und zugänglichsten Figuren überhaupt im Marchal’schen Filmkosmos. Das aktuellste Werk ist damit wesentlich mehr auf Zuschauerunterhaltung denn auf -konfrontation ausgelegt, ohne dabei zu viele Kompromisse einzugehen. Durchgängig spannend und vereinnahmend bleibt es auf jeden Fall. In Deutschland, wo in der Regel kaum ein Vertreter seines Genres eine Kinoauswertung bekommt, kann man A Gang Story zumindest kurzzeitig auf der großen Leinwand erleben, wenn er beim Fantasy Filmfest 2012 als der obligatorische Polar im Programm vertreten ist.

Trailer zu „A Gang Story - Eine Frage der Ehre“


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