A Floresta De Jonathas – Im dunklen Grün

Dieser beachtlich versierte Debütfilm ist so gegensätzlich und geheimnisvoll wie sein eigentlicher Protagonist – der brasilianische Regenwald.

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Es beginnt mit Geräuschen, bevor ein Bild erscheint. Zirpen und Vogelzwitschern lassen vermuten, dass wir uns in einem Wald befinden. Die erste Einstellung zeigt das Gesicht eines Mannes, der direkt in die Kamera blickt, uns direkt ansieht, als wolle er uns etwas mitteilen. Er sagt nichts, doch der Ausdruck seiner Augen erzählt etwas Trauriges. Dann ist ein Flugzeug zu hören und anschließend der Fall von Regen. Als der Regen einsetzt, blickt der Mann nach oben, und seine Mimik verändert sich, sie wirkt munterer, als würde der Regen, der natürliche Lauf der Dinge, seine trüben Gedanken vertreiben.

Kuriose Indios und merkwürdige Gringos

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Das Bild von der Natur, das Sérgio Andrade in seinem Spielfilmdebüt A Floresta De JonathasIm dunklen Grün (A Floresta de Jonathas) zeichnet, ist ein komplexes und ambivalentes, kein einseitig verklärendes. Der Regen im brasilianischen Amazonas-Gebiet kann ebenso beleben wie bedrohen. In einer späten Szene stellt er für den jungen Indio Jonathas (Begê Muniz), der sich im Regenwald verirrt hat und nachts erschöpft an einem Baum lehnt, eine körperliche Belastung dar. Die Großaufnahme von Stacheln an einem Baumstamm deutet bereits in der Exposition die Gefahren an, die der Dschungel neben all seinen Schönheiten in sich birgt. Gleichzeitig dient er Jonathas und seiner Familie als Quelle ihres Lebensunterhaltes, wenn sie Früchte aus dem Wald an einem Obststand an der Straße an Vorbeifahrende verkaufen. Hier posiert Jonathas für Touristen als indigene „Kuriosität“ auch schon mal für ein Foto mit Früchten und Familie und amüsiert sich seinerseits mit seinem Vater über die merkwürdigen Verhaltensweisen der „Gringos“.

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Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder Juliano (Ítalo Castro), der sich gerne herumtreibt, mit Frauen amüsiert und gegen den Vater (Francisco Mendes) rebelliert, ist Jonathas gewissenhaft, sensibel und strahlt etwas Unschuldiges aus. Der Originaltitel des Films bedeutet wörtlich übersetzt „Im Wald des Jonathas“ und beschreibt damit vielleicht auch die Gefühlswelt eines Teenagers, der sich zum ersten Mal verliebt und dabei buchstäblich im Dschungel seiner Emotionen verirrt. Jonathas’ Zuneigung gilt Milly (Viktoryia Vinyarska), die mit einem indigenen Begleiter (Alex Lima) das Amazonas-Gebiet bereist, sonst in den USA lebt und ursprünglich aus der Ukraine stammt. Die Ukraine ist Jonathas genauso unbekannt wie Leonard Cohen oder Bob Dylan, und das, obwohl er gerne Gitarre spielt. Sein entlegenes Dorf empfindet er nicht als Teil von Brasilien. Das Porträt der Frau, das Milly als Abdruck auf ihrem T-Shirt trägt, ist ihm dagegen vertraut. Es zeigt die katholische Ordensschwester Dorothy Stang – die „Nonne von Para“ -, die sich als Umweltaktivistin gegen die illegale Regenwaldabholzung und für die indigene Bevölkerung eingesetzt hatte und deshalb im Februar 2005 im Bundesstaat Para erschossen wurde. Der Mord an der damals 73-Jährigen wurde wegen der Landkonflikte in Amazonien von einem Großgrundbesitzer in Auftrag gegeben.

Bedrohliche Blätter und übermächtige Bäume

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Der Autor und Regisseur von Im dunklen Grün stammt selbst aus Manaus, der Hauptstadt des Bundesstaates Amazonas, und er bindet die aktuellen Probleme seiner Heimat beiläufig und ohne zu predigen ins Geschehen ein. Indigene Jugendliche auf Skateboards gehören ebenso zum vielfältigen Bild der Region wie traditionelle Rituale, wenn sich etwa Jonathas’ Vater mit dem Fleisch einer Avocado einreibt, um seinem verschollenen Sohn damit Schutz zu verleihen. Manche „Errungenschaften“ der Moderne sind im Regenwald schlichtweg nutzlos: Ohne Erfolg versucht Jonathas mit dem Handy seine Familie zu kontaktieren, als er sich während eines Camping-Trips mit Milly, ihrem Begleiter und Juliano allein im Dschungel verläuft und dort vergeblich um einen Empfang bemüht. Andrade und sein Kameramann Yure César betonen mit ihren Aufnahmen die Koexistenz von Leben und Tod, Blüte und Verfall, Harmonie und Gefahr. Von der Schönheit eines Sees schwenkt die Kamera zu den verrosteten Überresten eines verfallenen Bootes. Während sattgrüne Blätter in einer Szene noch Abenteuer und Ausgelassenheit verheißen, erhalten sie in einer späteren, ans Horrorgenre erinnernden Nahaufnahme aus Jonathas’ Perspektive einen bedrohlichen Charakter. Bäume können Schutz vor wilden Tieren gewähren, wenn sich Jonathas einen Hochsitz in ihnen baut, wiederholte Einstellungen aus der Untersicht lassen sie dagegen übermächtig und Ehrfurcht erregend erscheinen.

Eindringliche Töne und sprechende Augen

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Statische, impressionistische Aufnahmen wechseln sich mit dynamischen Handkamerabildern ab. Die dominanten Geräusche des Dschungels sind allgegenwärtig, treten aber vor allem nachts in den Vordergrund, wenn der panische und zunehmend halluzinierende Jonathas mit einem Messer um sich schlägt und auf unsichtbare Angreifer einsticht. Hunger, Durst und Einsamkeit rufen bei dem Jungen symbolisch aufgeladene Erscheinungen hervor, in denen er unter anderem einen Gitarrenspieler, eine aufblühende Pflanze und eine Frau sieht, die ihm Maracujas zur Stärkung reicht. Kurz auftauchende Detailaufnahmen zeigen die sorgenvollen Augen seines Vaters und Julianos nach ihm rufenden Mund. Eine Szene von Milly mit einem Tattoo von Jonathas’ Gesicht auf ihrem Oberarm lässt die Handlung für einen Moment in die Zukunft springen. Wiederholt blicken die Protagonisten wie der Mann in der Exposition direkt in die Kamera.

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Andrades Inszenierung spielt sowohl auf der Bild- als auf der Tonebene unaufdringlich und spannungsreich mit verschiedenen Darstellungsformen und Erzählperspektiven und erzeugt im Verlauf die unterschiedlichsten Stimmungen, die von nüchtern und bodenständig zu fantastisch und märchenhaft reichen. Sein Drama schneidet eine Reihe großer Themen an – persönliche und nationale Identität, Tradition und Moderne, Liebe und Tod –, ohne dabei überladen zu wirken. Vieles wird angedeutet und lässt Raum für Interpretationen, wenig wird ausbuchstabiert oder erklärt. Was uns die Protagonisten mit ihren direkten Blicken mitteilen wollen, müssen wir uns ebenso eigenständig zusammenreimen wie das, was uns der Mann aus der Exposition in einer der letzten Szenen erzählt. Diesmal spricht er, wir können nicht hören, was er sagt, aber wir ahnen, dass er von Jonathas erzählt und der Ausdruck seiner Augen deshalb traurig ist.

Trailer zu „A Floresta De Jonathas – Im dunklen Grün“


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