A Dragon Arrives! – Kritik

Mani Haghighi verirrt sich in der Wüste des kryptischen Surrealismus, verrät dabei aber möglicherweise etwas über das iranische Zensursystem.

Ejhdeha Vared Mishavad 01

„Wenn du einen Körper begräbst, öffnet die Erde ihren Schlund“, warnt ein Einheimischer. Doch Kommissar Hafizi (Amir Jadidi) glaubt nicht an Hokuspokus und bleibt deshalb über Nacht dort, wo er einen von Unbekannten ermordeten politischen Flüchtling begraben hat: auf einem uralten Friedhof inmitten einer iranischen Felsenwüste. Dort steht neben verfallenen Grabsteinen auch ein riesiges Schiff. Nachts wird Hafizi darin von einem Erdbeben erschüttert, das mysteriöserweise exakt auf das Friedhofsgelände begrenzt bleibt – was geologisch unmöglich sei, wie ihm ein Kollege versichert.

Um dem Rätsel des Erdbebens und des erhängten Flüchtlings auf die Spur zu kommen, beschließt Hafizi, eine zweite Leiche zu vergraben, auf dass die Erde ihren Schlund erneut öffne – diese zweite Leiche muss aber erst einmal beschafft werden. Wie er und seine exzentrisch gekleideten Assistenten das anstellen, bei den Ermittlungen ein Neugeborenes finden und auf einen unterirdischen Drachen stoßen, davon erzählt A Dragon Arrives! (Ejhdeha Vared Mishavad!).

Überbetonte Rätselhaftigkeit

Der iranische Regisseur Mani Haghighi vermischt in seinem neuen Film reale Ereignisse aus der Geschichte seines Landes mit übernatürlichen Sagen und dokumentarischen Interviews. Das Märchenhafte daran überrascht, denn bislang war Haghighi für zwar absurde, aber letztlich doch sehr naturalistische Filme wie Men at Work (Kargaran mashghoole karand, 2006) oder Modest Reception (Paziraie sadeh, 2012) bekannt. Als wäre diese Mischung aus Realität, realistischer Fiktion und Mythen nicht schon verwirrend genug, splittet er A Dragon Arrives! auch noch in drei Zeitebenen auf: die 1965 stattfindenden Ermittlungen Hafizis auf dem verwunschenen Wüstenfriedhof, die sich anschließenden Verhöre durch den Geheimdienst und die aktuellen Interviews mit Haghighi und einigen seiner Bekannten. Zwischendurch werden noch Ausschnitte aus einem iranischen Film der Schah-Zeit (The Brick and the Mirror (Khesht va Ayeneh), 1965) und die Re-Inszenierung eines Theaterstücks aus derselben Epoche eingeflochten.

Ejhdeha Vared Mishavad 02

Haghighi weiß nicht, wie er all diese Wollknäuel wieder aufrollen soll. Der Zuschauer weiß noch nicht mal, wie viele Knäuel es gibt, welche Farbe die haben und ob einige vielleicht rein imaginär sind. Kurzum: Als narrativer Film scheitert A Dragon Arrives! komplett. Man kann sich ihm daher nur auf anderen Ebenen nähern.

Da ist zum Beispiel die reine Sinneserfahrung, die das Werk bietet: Löst man sich vom Verstehenwollen, so lassen sich die surrealen Bilder des auf dem Friedhof stehenden Wüstenschiffs oder einer frühen Filmdrohne in Form einer von Luftballons getragenen Kamera durchaus genießen. Die überbetonte Rätselhaftigkeit des Films mag erzählerisch ein Hindernis sein, atmosphärisch passt sie aber zu den teils bizarren Bildideen und grotesken kleinen Randgeschichten. Ähnliches gilt für den Soundtrack: So kryptisch der Plot auch ist, langweilig wird der Film nie, was unter anderem an den gewaltigen Pauken- und Trommeleinsätzen liegt, die A Dragon Arrives! vorwärtspeitschen.

Eine aufschlussreiche Leerstelle

Die vielleicht interessanteste Deutungsebene findet sich allerdings ausgerechnet in einer Leerstelle, einer Nicht-Präsenz: Obwohl der Film größtenteils im Jahr 1965 spielt – also 14 Jahre vor der islamischen Revolution –, sind nie unverschleierte Frauen zu sehen. Die einzigen Frauen, die in den Flashbacks überhaupt vorkommen, sind Angehörige eines Wüstenstamms, die – was sicherlich historisch zutrifft – auch damals schon Schleier trugen. Die völlige Abwesenheit anderer Frauen ist zumindest bemerkenswert, wenn nicht merkwürdig. Vielleicht lässt sie sich aber durch Zensurvorschriften erklären. Anders als Regierebellen wie Jafar Panahi oder Mohammad Rasoulof arbeitet Mani Haghighi bereitwillig mit den Zensurbehörden zusammen. Und da die iranische Politik keine unverschleierten Frauen duldet, mag er sich dafür entschieden haben, gar nicht erst Figuren zu entwerfen, die ihn in die Bredouille bringen könnten, entweder gegen Zensurvorgaben zu verstoßen oder die thematisierte historische Epoche verfälscht darzustellen. Das wäre dann die Schere im Kopf – eingeladen von der Berlinale, die sich seit Jahren für die Freiheit iranischer Filmemacher einsetzt.

Trailer zu „A Dragon Arrives!“


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