A Bigger Splash – Kritik

Last der Eindeutigkeit: Luca Guadagnino inszeniert zur Musik der Rolling Stones eine weitere Abwärtsspirale sexueller Begierde vor pittoresker Südseekulisse.

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Nur wenigen Filmen scheint – zumindest gemessen an der schieren Anzahl von Remakes, Anlehnungen und Referenzen – eine so anhaltende Faszination eigen wie Jacques Derays Der Swimmingpool (La piscine, 1969) In lichtdurchfluteten, entschleunigten Einstellungen stellte dieser Film die makellosen Körper von Alain Delon, Romy Schneider und der jungen Jane Birkin vor luxuriöser Côte d’Azur-Kulisse aus, während sich schleichend ein Drama der sexuellen Begierde entfaltete. Die laszive Atmosphäre sowie die freizügige Darstellung von Körperlichkeit waren damals eine Provokation, machten La Piscine aber gerade deshalb auch zum Kultklassiker – weil Deray mit seinen Bildern für eine junge Generation den Nerv einer Zeit getroffen hatte, in der die sexuelle Revolution eine der großen Emanzipationsutopien war.

Hedonismus und Eifersucht

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A Bigger Splash, so bekundete Regisseur Luca Guadagnino bereits im Vorfeld, sei kein Remake des Swimmingpool im engeren Sinne, sondern eine atmosphärische und auratische Annäherung. Die berühmte Rockmusikerin Marianne (Tilda Swinton) reist hier nach einer anstrengenden Tournee, in deren Folge sie ein Sprechverbot verschrieben bekam, mit ihrem Partner Paul (Matthias Schoenaerts) in ihr pittoreskes Ferienhaus in der süditalienischen Idylle. Noch bevor wirklich Zeit zur Entspannung ist, kommt es zu einem unerwarteten Besuch ihres alten Freundes und Liebhabers Harry (Ralph Finnes), zugleich Pauls einstiger Mentor im Musikgeschäft. Harr hat zudem noch seine verführerisch schöne Tochter Penelope (Dakota Johnson) mitgebracht. Über Mariannes und Pauls neu gefundene Harmonie und ihr Bedürfnis nach Ruhe kann der impulsive Harry natürlich nur ungläubig lachen, seine Anwesenheit drängt das Paar erneut in eine Spirale aus Hedonismus und Eifersucht.

Feier oder Abgesang?

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Wenn A Bigger Splash also kein klassisches Remake ist, was ist er dann? Ganz zwangsläufig steht die Frage im Raum, wie der Film mit dem Erbe der Sechziger umgehen möchte. Denn die Patina von La piscine kann ebenso wenig reproduziert werden wie das gesellschaftliche Klima, in dem Rock ‘n‘ Roll und Gegenkultur – im Kino wie in der Musik – in den späten 1960ern stattfanden. Was der Film stattdessen tut, ist noch einmal das Spiel mit Verführung, Lust und Hedonismus zu spielen; bereits im Titel wird ja schon eine Intensivierung, eine Steigerung gegenüber etwas Vorherigem suggeriert. Entsprechend bäumt sich der Film von der ersten Szene an auf, die Marianne bei einem Stadionauftritt zeigt, um dann abrupt zu ruhigen Landschaftsaufnahmen zu schneiden. Und im Spannungsfeld zwischen Harrys Hybris und Mariannes Sehnsucht nach Bodenständigem entfaltet Guadagnino seine Dramaturgie des Begehrens.

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So ist A Bigger Splash beides: eine rauschhafte Feier der Sechziger und zugleich ein bitterer Nachruf. Die Bürde dieser Dialektik trägt Harry. Davon, dass der wilde Traum des Rock ‘n‘ Roll ausgeträumt sein soll und Pragmatiker wie Paul die Gegenkultur längst ganz nüchtern in ein kalkuliertes Geschäft umgemünzt haben, will Harry nichts wissen. Inwiefern seine großen Gesten angebracht sind, schert ihn wenig. In einer Szene tanzt er etwa oberkörperfrei herum und führt eine veritable Nachahmung patentierter Mick Jagger-Performances vor. An anderer Stelle darf er Machowitze reißen, die das plumpste Klischee nicht scheuen. Und es mag der Konzentration auf diesen von Ralph Fiennes lustvoll verkörperten Troubadour geschuldet sein, dass die übrigen Figuren der eigentlich prominenten Besetzung zum Trotz vergleichsweise blass bleiben und dem Geschehen stellenweise wie Unbeteiligte zuschauen. Einmal gehen Paul und Penelope gemeinsam auf eine Wanderung und treffen auf einem Hügel auf eine Gruppe gestrandeter Migranten. Die beiden stehen starr dort, schauen sich gegenseitig an, die Kamera verharrt einige Sekunden auf beiden Seiten, es wird kein Wort gewechselt. Dann werden die Männer nervös und laufen davon, und auch Paul und Penelope gehen weiter ihres Weges zum Baden. Es ist eine irritierende, deplatziert wirkende Szene, die eher pflichtschuldig daherkommt.

Das Ende des Rock ‘n‘ Roll?

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Auch die bitteren Niederlagen erleidet in A Bigger Splash Harry: Als Marianne bei einem spontanen, hastigen Geschlechtsakt mit Harry doch plötzlich zurückrudert, wird der stolze Adonis mit heruntergelassener Hose zurückgelassen, während in einer Parallelmontage der Sex zwischen Paul und der verführerischen Penelope an einem Bergsee angedeutet wird. Paradigmatisch ist diese Sequenz vor allem deshalb, weil sie die motivische Zuspitzung zeigt, mit der A Bigger Splash arbeitet. Denn die sukzessive Steigerung des Eifersuchtsdramas, bei dem der Schüler (Paul) seinen Mentor (Harry) demontiert, ist eine freudianische Schlachtplatte, die schließlich im symbolischen Vatermord frei nach Ödipus mündet. „The Rolling Stones had to kill their fathers in front of a million people“, hatte Harry an einer früheren Stelle noch gesagt. Und wenn dann später neben seiner Leiche auf dem Grund des Pools die Rolling-Stones-LP „Emotional Rescue“ liegt, ohne dass es eine plausible Erklärung dafür gäbe, wie diese dorthin gekommen ist, erscheint das doch eher als unnötige Überdeterminierung in einer ohnehin schon klimaktischen Szene. Wo La piscine seine brodelnde Stimmung einst über die Spannung des Angedeuteten herstellt, vertraut A Bigger Splash zu sehr auf Eindeutigkeit.

Trailer zu „A Bigger Splash“


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