9to5 - Days in Porn

„Ich war jung und brauchte das Geld“ ist eine Motivation, in Pornofilmen mitzuspielen. Dass es auch noch viele andere gibt, zeigt Jens Hoffmann in einem sensiblen und unterhaltsamen Porträt einer milliardenschweren Branche.

9to5 - Days in Porn

18 Monate lang hat Jens Hoffmann für seinen ersten abendfüllenden Dokumentarfilm gedreht. Das ist eine lange Zeit, vielleicht zu lang. 9 to 5 – Days in Porn krankt ein wenig an der Materialfülle, die offenbar nur schwer in eine Form zu bringen war. So geraten manche Szenen zu hektischen Clips und Soundbites, und so mancher Interviewpartner, der Regisseur Andrew Blake zum Beispiel, taucht nur einmal kurz auf, um dem großen Reigen der Protagonisten noch eine weitere Verästelung hinzuzufügen. Die Erzählung, die hinter dem Material liegt, bekommt so leider etwas zu wenig Möglichkeiten, sich zu entfalten.

Aber das ist auch das Einzige, was man dem Film vorwerfen kann. Jens Hoffmann, ein gelernter Journalist, beherzigt die alten Reportertugenden: hingehen, zusehen, zuhören, genau beobachten. Und: niemals langweilen. Eine so umfassende Reportage über die Branche hat es selten gegeben. Sex: The Annabelle Chong Story und The Girl Next Door (beide 1999) waren Porträts einzelner Darstellerinnen, und Inside Deep Throat (2005) war die nostalgische Rekonstruktion einer vergangenen Ära. Hoffmann versucht einen generellen Einblick, lässt zahlreiche Darsteller, Produzenten, Regisseure zu Wort kommen, darunter den Agenten Mark Spiegler, einen der großen Player, der sich als Vaterfigur für seine Mädchen sieht, dem aber auch gewisse Luden-Qualitäten nicht abgehen. Er reiht sich ein in ein Kaleidoskop aus bauernschlauen Geschäftemachern, sexuell abenteuerlustigen Lebenskünstlern und mal naiven, mal mit beiden Beinen auf dem Boden stehenden Starlets.

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Während der zahlreichen Beobachtungen von Porno-Dreharbeiten hält die Kamera nicht unbedingt drauf, wenn es zur Sache geht, aber sie wendet sich auch nicht verschämt ab (der Film hat keine Jugendfreigabe). Man kann sich eine ziemlich gute Vorstellung davon machen, wie extrem die Filme mittlerweile geworden sind und in welche Richtung der Publikumsgeschmack sich entwickelt. „Das war der ekelhafteste Tag meines Lebens“, sagt ein Regisseur nach einer Aufnahme, in der besonders viele Körpersäfte flossen.

Solche Szenen, und manch andere seltsame Dinge aus der Welt des Schmuddels, werden aber nicht entrüstet zur Schau gestellt oder als frauenfeindlich interpretiert. Der Film hat zunächst einmal gar keine Haltung, sondern versucht, sich ein Bild zu machen.

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Anders als ein Film wie Not a Love Story: A Film About Pornography (1981), der im Wesentlichen eine feministische Verteufelung der Pornografie ist, eine Art bebilderte These, lässt 9 to 5 – Days in Porn seinen Gegenstand in Ruhe. In Bonnie Sherr Kleins Dokumentation, damals die erste über Pornografie überhaupt, drängt die Regisseurin vor der Kamera einen Verleger von Sexheftchen verbal in die Enge, und ein männlicher Pornodarsteller erklärt, aus dem Geschäft aussteigen zu wollen, weil man ihn zwinge, seine Partnerinnen zu erniedrigen. 

Jens Hoffmann dagegen zeigt durchaus positive Figuren wie die Veteraninnen Sharon Mitchell, die heute einen Gesundheitsdienst für die Beschäftigten der Pornoindustrie betreibt, und Nina Hartley. Beide reden realistisch und kritisch über ihre Karrieren und über die aktuellen Entwicklungen. Dann gibt es Figuren wie Belladonna, einer der derzeit größten weiblichen Stars, die über ihre Motivation sagt: „Mir gefiel die Aufmerksamkeit.“ Die eloquente Geschäftsfrau und Mutter wird inmitten eines offenbar stabilen Familienlebens gezeigt, zugleich sind Dreharbeiten zu sehen, in denen sie Dinge tut, die all dies nach herkömmlichen Moralvorstellungen negieren müssten. Ob Belladonna ihr Leben tatsächlich als die ausgeglichene Person führt, die sie hier darstellt, ist natürlich schwer zu sagen. Aber es wird auch nicht als Unmöglichkeit gewertet.

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Eine andere Darstellerin beschreibt ihren Beruf lachend als „exciting, filthy and fun“, und die blutjunge Sasha Grey bezeichnet sich auf ihrer MySpace-Seite gleich als „Existentialistin, Pornostar und Künstlerin“ – die Diskrepanz zwischen diesem Anspruch und der komplett un-künstlerischen Produktion ihrer Filme empfindet sie nicht als Widerspruch. Männerfantasie? Frauenfeindlichkeit? Grey, die sich kurz nach ihrem 18. Geburtstag mit einer E-Mail voller sexueller Vorlieben bei dem Agenten Mark Spiegler bewarb, sagt kühl: „Ich sehe meine männlichen Co-Stars als Requisiten.“ Einen Schritt näher an die Kunst ist Sasha Grey immerhin gekommen: Ein Jahr nach den Dreharbeiten für 9 to 5 bekam sie die Hauptrolle in Steven Soderberghs neuem Film The Girlfriend Experience (2009).

In der Pornoindustrie, so heißt es an einer Stelle, wird mehr Geld verdient als im Musikgeschäft; ein Satz übrigens, der interessanterweise auch schon 1981 in Not a Love Story vorkommt. Weshalb es – natürlich – dann doch nicht um Kunst geht. Sondern unter anderem um deutsche Tugenden. „Du wirst nicht glauben, wie weit man im Pornogeschäft kommen kann hier in Amerika, einfach weil man pünktlich ist und weil man organisiert ist“, sagt die Leipzigerin Katja Kassin, die seit Jahren in den USA arbeitet.

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Erst gegen Ende, und fast unmerklich, machen sich Veränderungen bemerkbar, werden die Selbstdarstellungen einiger Protagonisten behutsam unterlaufen, nicht aber denunziert. Das ist der Moment, in dem die Dreharbeiten über einen so langen Zeitraum sich auszahlen. Da lässt sich Katja Kassin auf das Escort-Business ein, und das coole Porno-Ehepaar Audrey Hollander und Otto Bauer filmt in der heimischen Küche einen deprimierend unglamourösen Geschlechtsakt, bei dem Zuschauer und Techniker mit der Bierflasche in der Hand daneben stehen. Und der spaßige Lebensentwurf irgendwo zwischen Pragmatismus und Außenseitertum spiegelt sich schließlich im müden Blick einer nackten Darstellerin, die wie vergessen auf einem Bett im Studio liegt.

Trailer zu „9to5 - Days in Porn“


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