9 Songs

Der Klimaforscher Matt (Kieran O’Brien) lernt in London die amerikanische Austauschstudentin Lisa (Margo Stilley) kennen und lieben. In seinem neuen Film versucht Michael Winterbottom, die Grenzen expliziter Sexualitätsdarstellung im Kino auszuweiten, vermag dabei aber nicht zu überzeugen.

9 Songs

Fasziniert von den „facettenreichen Schilderungen“ expliziter Sexualität in Michel Houellebecqs Roman Plattform, sah sich Regisseur Michael Winterbottom zu einer filmischen Adaption herausgefordert. Doch das Vorhaben scheiterte, als der französische Autor äußerte, er habe bereits selbst Pläne für die Verfilmung seines Stoffes. Inspiriert von Houellebecqs Text entwarf Winterbottom daraufhin eine eigene Geschichte und formte sie zu seinem Film 9 Songs, dessen Haupthandlung als Flashback erzählt wird: Klimaforscher Matt (Kieran O’Brien) erinnert sich auf einer Expedition in der Antarktis an seine vergangene Liebesbeziehung mit der amerikanischen Austauschstudentin Lisa (Margo Stilley) in London, wobei er vor allem ihre sexuellen Erfahrungen miteinander als auch gemeinsame Konzertbesuche von britischen Independent-Bands rekapituliert.

Winterbottom inszeniert einen „Sex and Rock’n’Roll“-Film (wobei auch die obligatorischen „Drugs“ in einer Szene Erwähnung finden), der zu selten über seine beiden Hauptinhalte hinausgeht. Mechanisch werden Kopulations- und Musikakte in Szenenblöcken aneinandergereiht, ohne glaubwürdig zu einer einheitlichen Narration verbunden zu werden. Von einem Beischlaf der Protagonisten springt der Film zu einem Konzertbesuch beider, um anschließend einen weiteren Beischlaf zu zeigen – dies ist schon fast das ganze, alsbald frustrierende Erzählprinzip.

9 Songs

Laut Winterbottom soll 9 Songs die Grenzen der Darstellung von Sexualität im Kino ausweiten. Seine Darsteller vollziehen vor der Kamera tatsächlich den Geschlechtsverkehr miteinander, von Cunnilingus und Fellatio bis zur Penetration und Ejakulation bleibt dem Zuschauer nichts verborgen. Dabei ist diese Explizität sexueller Darstellung im Art House-Kino längst keine Neuerung mehr. Bereits 1976 scheute sich Nagisa Ōshima nicht davor, in seinem damals kontroversen Film Im Reich der Sinne (Ai no Corrida) menschliche Sexualität direkt zu präsentieren, zeitgleich brach auch Catherine Breillat in ihren Filmen immer wieder dieses Tabu, etwa in Ein Mädchen (Une vraie jeune fille, 1976). Ende der 1990er häufte sich die explizite Sexualitätsdarstellung innerhalb des europäischen Kinos, vor allem im französischen (Baise-moi; Romance; Intimacy), aber auch im dänischen Film (Idioten, Idioterne). Auch wenn diese Werke Sexualität in einen jeweils anderen Bedeutungszusammenhang setzen, so weisen die besseren unter ihnen dennoch eine Gemeinsamkeit auf: sie alle nutzen die Darstellung expliziter Sexualität als integralen Bestandteil ihrer Erzählung. 9 Songs gelingt dies nicht; die betreffenden Momente sind dramaturgisch unmotiviert und wirken somit lediglich prätentiös. Winterbottom hat seinen Film, der sich durch Stagnation in Handlungsführung und Figurenentwicklung auszeichnet, ohne Drehbuch inszeniert. Allein durch Improvisation vermag er der Darstellung einer komplexen, sexuellen Beziehung jedoch nicht gerecht zu werden.

Die Methode des Improvisierens setzt sich auf der bildlichen Ebene fort. Mit DV-Kameras ausgerüstet und auf Stativ sowie künstliches Licht verzichtend, hat Kameramann Michael Zyskind den Film im Dogma-Stil gedreht. Während der Live-Konzerte wurde eine kleine Crew mit drei Handkameras unauffällig unter das Publikum gemischt, um die Auftritte von einigen Vertretern der aktuellen Rock-Szene wie The Von Bondies, Black Rebel Motorcycle Club, Primal Scream, The Dandy Warhols oder Franz Ferdinand festzuhalten. Die Qualität der Konzert-Aufnahmen, die neben den Sex-Szenen einen wesentlichen Teil des Films bilden, kommt dabei jedoch nicht über das Niveau von Amateurmitschnitten hinaus. Lieb- und wahllos wird einfach alles abgefilmt, was sich auf der Bühne bewegt, wobei die jeweiligen Musikstücke als platte Untermalung der Befindlichkeiten des Paares fungieren.

9 Songs

Wesentlich stimmungsvoller wirken hingegen jene Aufnahmen, welche das alltägliche Leben des Liebespaares porträtieren. Zyskind nutzt seine spartanischen Kamera-Mittel, um zum Teil poetische Bilder einzufangen, denen die Flüchtigkeit des Augenblicks eingeschrieben ist. Es sind dabei weniger die expliziten Sexszenen, als vielmehr die seltenen Momente der Zärtlichkeit zwischen den Hauptfiguren, vor oder nach ihrem gemeinsamen Geschlechtsverkehr, die in ihrer Darstellung des Beziehungsalltags beeindrucken und eine Ahnung jener Liebesgeschichte vermitteln, die Winterbottom versucht zu erzählen. Das entspannende Bad in der Wanne, das Zubereiten des Frühstücks oder ein Ausflug des Paares ans Meer vermitteln mehr Intimität und emotionale Nähe als jeder Geschlechtsverkehr.

In diesen Momenten vermag der Film durch seine spontane, unmittelbare Beobachtung eines Liebespaares sogar Erinnerungen an Jean-Luc Godards Außer Atem (A bout de souffle, 1960) wachzurufen. Während Kieran O’Briens Äußeres bereits an Belmondo erinnert, verkörpert Margo Stilley wie einst Jean Seberg eine Amerikanerin in Europa. Beide Werke halten mittels eines realistisch-improvisatorischen Stils das Momenthafte der Liebe fest und verstehen es, die prickelnde Atmosphäre der Intimität zwischen zwei Liebenden glaubhaft zu vermitteln. Leider sind Szenen solcher Art in Winterbottoms Film jedoch viel zu selten, so dass die Liebesgeschichte in Ansätzen stecken bleibt und nicht zu überzeugen vermag. Insofern stellt 9 Songs ein unbefriedigendes Werk dar, einen filmischen coitus interruptus, bei dem man phasenweise Schönheit verspürt, doch letzten Endes bitter enttäuscht wird.

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.