9 Leben

Maria Speth dreht eine Dokumentation über Berliner Straßenkinder und wählt für ihr Thema einen ungewöhnlichen Zugang.

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Die Porträtierten in Maria Speths (Madonnen, 2007, In den Tag hinein 2001) erstem Dokumentarfilm haben alle etwas gemeinsam: Sie haben einmal auf der Straße gelebt oder tun es immer noch. Es gibt viele Parallelen unter ihnen, die das Klischee jugendlicher Ausreißer bestätigen: Kaputte Familien, Außenseiterdasein, Drogenprobleme. Obwohl diese Gemeinsamkeiten angesprochen werden, geht es Speth in 9 Leben vor allem darum, das Individuelle einer Person herauszuarbeiten. Die neun Gesprächspartner stehen für unterschiedliche Biografien – von eher harmlos bis erschütternd – und schließlich je nach Persönlichkeit auch für verschiedene Ansätze, mit Tiefpunkten im Leben umzugehen.

9 Leben interessiert sich nicht für das soziale Umfeld oder den Ort der Straße, um den es immer wieder in den Gesprächen geht. Der Film besteht fast ausschließlich aus Gesprächen, geführt in einem weißen Studio. Diese räumliche Abstraktion ist gerade dem Authentizitätswahn vieler Fernsehdokumentationen, die sich mit diesem Thema beschäftigen, entgegengesetzt. Neben dem stilisierten Setting finden sich noch weitere verfremdende Mittel: Schwarzweiße Bilder (Kamera: Reinhold Vorschneider) und eine leichte ästhetische Überhöhung – einen ähnlichen Ansatz verfolgte die Regisseurin Eleni Ampelakiotou in Teenage Response (2009) mit videoclipartig in Szene gesetzten Interviews mit Berliner Jugendlichen. Durch diese Vorgehensweise verlagert sich der Blick vor allem auf die Gespräche. Dazwischen posieren die Interviewten mit ausdrucksloser Miene und Blick in die Kamera. Ulrich Seidl greift in seinen stark inszenierten Dokumentarfilmen auf eine ähnliche Vorgehensweise zurück. Doch während Seidls Blick ein mitleidloser und nüchterner ist, der auch Ambivalenz zulässt, bleibt Speths Perspektive stets von einer tiefen Empathie gegenüber den Figuren geprägt.

Anders wären solche intimen Gespräche wohl auch nicht möglich gewesen. Dass sich die jungen Leute so schonungslos vor der Kamera öffnen, hat sicher mit einem guten Casting zu tun. Speth scheint den Menschen vor der Kamera aber auch eine gewisse Sicherheit vermitteln zu können, die sie zum Erzählen animiert. Und so hört die Regisseurin vor allem zu. Wenn die Jugendlichen von ihren Ängsten, ihrem Selbsthass und traumatischen Ereignissen aus der Vergangenheit erzählen, kann das einem mitunter sehr nahe gehen. Die Augenblicke, in denen vorsichtig aus dem Off nachgefragt wird, lassen sich an einer Hand abzählen.

Die Sympathie gegenüber ihren Gesprächspartnern zeigt sich auch an anderer Stelle. Speth legt Wert darauf, die Jugendlichen nicht auf ihre Rolle als Straßenkinder zu reduzieren, sondern sie auch als kreative und talentierte Menschen darzustellen. Ein Mädchen stellt zum Beispiel ihre Fotografien von Hunden vor, andere musizieren. Hinter dieser Entscheidung steckt eine gute Absicht, und doch will dieses Konzept in der Umsetzung nicht ganz überzeugen. Im schlimmsten Fall verleiht das melancholische Cellospiel eines Mädchens dem Film einen unangenehm pathetischen Beigeschmack.

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Ein grundsätzliches Problem von 9 Leben ist, dass er sein meistes Pulver schon in der ersten halben Stunde verschießt. Das zeigt sich daran, dass die Gespräche gegen Ende zunehmend auf Allgemeinplätzen landen, aber auch an der dramaturgischen Anordnung. Zunächst schafft Speth noch ein gewisses Spannungsverhältnis, indem  sie die Gespräche keinem klassischen Verlauf folgen lässt. Den Einstieg in den Film bilden etwa detaillierte Schilderungen von der Drogensucht und der Schwierigkeit, sich als Junkie zu resozialisieren. Erst viel später, wenn man die einzelnen Personen bereits kennengelernt hat, stellen sie sich mit Namen vor. Gegen Ende wird die Anordnung aber dann doch sehr schematisch. Themen werden nacheinander abgehackt, und am Schluss steht die Erkenntnis, dass sich auch Straßenkinder insgeheim nach einem bürgerlichen Dasein sehnen.

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