#9

Tim Burton und Timur Bekmambetow spielten Geburtshelfer bei Shane Ackers düsterem, abgründigem Endzeitdrama – ein computeranimiertes Puppenspiel aus einer menschenleeren Welt.

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„Our world is ending”, verkündet eine Stimme aus dem Off, „but life must go on“. Mit so düsteren Tönen beginnt #9 (9), das Langfilmdebüt von Shane Acker, das doch mit seinen niedlichen Protagonisten aus rauem, gewebtem Stoff so harmlos daherzukommen scheint – in ihrer plumpen, leicht hüftlastigen Körperform sehen diese Puppen Kartoffelsäcken ähnlich.

Aber düster geht es weiter. Denn die computeranimierte Welt, in die die Hauptfigur „9“ (im Original gesprochen von Elijah Wood) ohne Erinnerung an irgendeine Vergangenheit erwacht, ist offenbar die Welt der Menschen, zerstört durch einen furchtbaren und endgültigen Krieg – Häuser stehen da mit geborstenen Wänden, in den Trümmern findet „9“ später einmal eine Gewehrpatrone; sie ist fast so groß wie er selbst. Alles biologische Leben scheint verschwunden zu sein, Grau- und Brauntöne sind die bestimmenden Farben, aber durch eine dichte Wolkendecke dringt ohnehin nur wenig Licht.

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Acker ruft in Setting und Farbwahl ein klassisches postapokalyptisches Szenario auf, das sich von den üblichen Verdächtigen (die Mad Max-Filme etwa oder auch der jüngste Beitrag zum Terminator-Franchise, Terminator – Die Erlösung, Terminator: Salvation, 2009) vor allem durch seine pessimistische Konsequenz unterscheidet: Die Welt in #9 ist wirklich und endgültig menschenleer. Darin unterscheidet sich #9 auch von dem gleichnamigen Kurzfilm (2005), der in Sujet und Farbwahl lange nicht so düster geraten war. Acker hat alle wesentlichen Elemente aus dem Streifen übernommen, der 2006 für den Oscar als bester Kurzfilm nominiert war, und die Handlung um die Hintergrundgeschichte und einige Figuren erweitert.

So gibt es hier neben „9“ noch seine von eins bis acht nummerierten Freunde, die er alsbald im Trümmerfeld trifft: Er ist offenbar der Letzte von ihnen, der noch aufgewacht ist. Und dann gibt es noch „The Beast“, eine (auch schon im Kurzfilm angelegte) katzen- oder vielleicht hundeartige Maschine mit rot glühenden Augen, die die kleinen Puppen einzufangen sucht.

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Dem Steampunk entlehnt wirken diese Maschine und ihr Meister, allerdings durch die Augen von Tim Burton gesehen (der #9 in der Tat als Produzent begleitet hat): mit langen, metallenen Spinnenbeinen versehen, bewehrt mit scharfen Klingen und Harpunen. Und damit platziert sich der Film in einer seltsam historisch patinierten Zukunft, in der künstliches Licht aus richtigen Glühbirnen und die Maschinenwesen noch mit knirschenden Gelenken herumstaksen. Hier wird die Mechanik, mit Gelenken, Dampf und Kurbeln, noch einmal so richtig gefeiert, wie überhaupt die kulturelle Bewegung zurück zu Ursprüngen zu führen scheint: Informationen bezieht man noch aus Büchern, und die Puppen beginnen gar antik anmutende Begräbnisrituale zu pflegen. Dass das in einer komplett digital geschaffenen Welt geschieht, ist einer der in der Handlung nicht weiter thematisierten ironischen Brüche dieses Films.

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Womöglich erlaubt sich #9 genau darin eine kleine Weltflucht – oder: macht die Handlung nur dadurch gerade noch genießbar –, dass es den Ursprung seiner Katastrophe in einer irrealen, vermeintlich historisch gewordenen Welt ansiedelt. Allerdings entleiht Shane Acker seine Monstren durchaus Filmen, die solcher Ausflüchte unverdächtig sind: In ihnen stecken der rotäugige Terminator so sehr wie die Alien-Mutter aus den gleichnamigen Filmen, und natürlich darf auch eine Anspielung auf Matrix (The Matrix, 1999) nicht fehlen.

#9 ist meilenweit entfernt von Ästhetik wie Botschaft, von emotionaler Tiefe oder quirliger Glückseligkeit solcher Animationsfilme wie Pixars Oben (Up, 2009) und Sonys Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen (Cloudy with a Chance of Meatballs, 2009). Das liegt nicht allein daran, dass die Figuren dieses Films Freude fast ausschließlich als Abwesenheit von Schmerz kennen – das einzige echte Glück ist das Wiedersehen verloren geglaubter Freunde.

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Und es hat seine Ursache auch nicht allein in der reduzierten Farbpalette, auch wenn diese natürlich den erzählerischen Ton unterstreicht. Schon die Darstellung der Figuren jedoch, ihre Physiognomie und ihre Bewegungen, machen hier den großen Unterschied. Die Stoffpuppen ebenso wie ihre maschinellen Antagonisten lassen in ihrer Darstellung immer schon den Charakter ahnen. Ähnlich gilt dies zwar auch für die Figuren in Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen. Doch dienen diese subtilen Überzeichnungen in #9 nicht dazu, Unterschiede gewissermaßen karikaturistisch zu bändigen, sondern lassen sie, ganz im Gegenteil, besonders schroff hervorstechen.

Dass die Kampfmaschinen und die Puppen – die, das sei nicht vergessen, hier ja als Ersatz für die verlorene Menschheit stehen – nicht gemeinsam in einer Welt existieren können, wird so schon in den radikalen Unterschieden ihres Aussehens angelegt. Denn die Welt von #9 ist eine Welt des Überlebenskampfes und der Gegensätze, von rotem Auge gegen grün leuchtende Seelen, von scharfen Klingen gegen verletzlichen Stoff.

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Dass es dennoch nicht zu simpel wird, dafür sorgen die Konflikte zwischen den Puppen – vor allem zwischen „1“, der eine Führungsposition für sich beansprucht, und dem naiven, aber entschlossenen Frischling „9“. Wirklich komplexe Charaktere und Emotionen formt das Drehbuch von Pamela Pettler, die auch am Buch zu Tim Burton’s Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche (Tim Burton’s Corpse Bride, 2005) beteiligt war, aber dennoch nicht aus diesem Material. Zu platt sind die Dialoge, zu wenig nachvollziehbar motiviert die Handlungen vor allem des Protagonisten. 

Das ist auch die einzige Schwäche dieses Films: Dass er bei aller Düsterkeit, bei aller Ernsthaftigkeit, mit der er sein Thema in einer nur vermeintlich niedlichen Oberfläche anbietet, keine wirklich „erwachsenen“, komplexen Figuren bieten kann, die diesem abgründigen Drama auch emotionale Tiefe hätten geben können.

Trailer zu „#9“


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Kommentare


NineSource

Also los gehts :

Da für mich Englisch kein großes Problem darstellt
hab ich mir die UK-version auf DVD zukommen lassen und muss sagen ich war sehr begesitert von dem Film.

Früher hat mich auch Shane Ackers Kurzfilm immer sehr angesprochen und ich hoffte ständig, das daraus mal ein Kinofilm gemacht wird damit die Zuschauer mehr über die Maschinen, deren Ursprung und die Stitchpunks erfahren.

Und ich muss sagen : Meine Träume, und sicherlich die vieler Fans,
gingen mit diesem Meisterwerk in erfüllung.

Vor allem die 9 Stitchpunks, die sich in ihrer Natur und ihrem Character sehr voneinander unterscheiden obwohl sie ja derselbe Erschaffer verbindet, macht den Film äusserst sehenswert.

Da wäre zu einem der Herrschsüchtige & Sture 1, der schlaue Tüftler 2, die Zwillinge 3 & 4, die als eine Art Lexikon dienen, der allseits besorgte 5, deiser eng mit seinem Mentor 2 befreundet ist.
Der etwas merkwürdige 6, der andauernd das selbe Bild vom sogenannten ‘Source’, der Quelle, zeichnet. Die taffe und aufritchtige Kämpferin 7, der etwas beschränkte jedoch sehr starke 8, der unter 1s Befehl steht und zu guter letzt der Hoffnungsträger 9, der alles daran setzt hinter das Geheimniss der Maschinen zu kommen.

Zumal gefällt mir der innere Konflikt jedes einzelnen Characters und auch zwischen 1 & 9 fliegen ab und zu die Fetzen, sind die Zwei ja auch die eigentlichen Hauptakteure in diesem Postapokalyptischen Szenario. Wer von ihnen ist wohl der bessere Anführer ? Wer weiß, was richtig ist und was nicht ?
Werden sie sich gegen die scheinbar unbesiegbaren Maschinen zu wehr setzen können ? Wer hat die Stitchpunks erschaffen, und was ist ihr Zweck ?
Mehr möchte ich dazu nichts sagen~ ;)

Man merkt, dass Tim Burton seine Hände mit im Spiel hatte, spürt man doch die düstere Atmosphäre, die man von all seinen Werken bestens kennt.
Ausserdem ist der Film mit super Stimmen besetzt.
Unter Anderem :
1 : Christian Plummer
7 : Jeniffer Conelly
6 : Crispin Glover
9 : Elijah Wood

Soviel zum Film.
Leider muss ich jetzt auch mit einer traurigen Nachricht hereinplatzen. Der Kinostart von 9 (hier bei uns #9) wurde
abgebrochen. Nur ein einziges Kino in Berlin strahlt diesen Film zurzeit aus und es scheint KEINE deutsche DVD-Veröffentlichung
gepalnt zu sein. Das find ich sehr Schade, weil mir auch die deutschen Stimmen sehr gefallen. (hab sie im Trailer gehört)
Und auch schade, weil mein Vater diesen Film ebenfalls gern gesehn hätte. Ich hab zwar das Original aber er versteht kein
Englisch.

Hier ist der Artikel zum geplatzten Kinostart von 9
http://feenfeuer.wordpress.com/2010/02/25/kinostart-burtons-9/


Mark

Eine ausführliche Kritik zu einem zugegebenermaßen düsteren und nicht gerade vor Witz sprühenden, ja eher trockenen Film, den ich aber dennoch für sehr sehenswert halte.

Zum einen, weil er dennoch zugleich anrührend und actionreich ist, zum anderen, weil man Tim Burtons Einfluss in allem sehr deutlich spürt, so dass es schon deswegen für jeden Burton-Fan ein Muss ist.

Der Vorwurf, die Figuren seien keine komplexen Erwachsenen, verkennt meines Erachtens, dass dieses gewollt ist.

Jede der 9 Figuren ist eben nur ein Teil der Seele ihres Erschaffers, sie sind seine Charaktereigenschaften je für sich - und so merkt man auch deutlich ihre jeweiligen Beschränktheiten. Nur zusammen sind sie stark.

Weniger ist hier mehr, um das Wesen der einzelnen Figuren überzeichnet zu Tage treten zu lassen. Der Zuschauer kann in jeder dieser Figuren einen Teil seines Selbst wiederfinden.

Angst, kindliche Naivität, Neugier, Impulsivität bis hin zur Aggression, Freiheitsdrang und Kampfgeist, Forschergeist, Kreativität und was wir sonst noch in uns tragen, hier ist es aufgespalten auf diese einzelnen kleinen Wesen, die trotz ihrer Unvollkommenheit je für sich doch liebenswert bleiben und letztlich zur Zusammenarbeit genötigt sind.


Timerobber

Ganz klar stand die Kunst des Animierens im Vordergrund. Das muß man akzeptieren. Dennoch ist die Handlung sehr mitreißend, wie ein modernes Märchen arangiert.
Ich halte den Film für sehr sehenswert, selbst Kindern kann ihn ohne Bedenken zeigen.






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