88 - Pilgern auf japanisch

Lost without translation: Ein Deutscher erwandert sich in Japan den ältesten Pilgerweg der Welt.

88 - Pilgern auf japanisch

Ich bin dann mal weg: Monate lang führte Hape Kerkeling mit seinem Pilgertagebuch die deutschen Bestsellerlisten an. Das Pilgern auf dem Jakobsweg ist so hip wie nie zuvor, gerade hat Constantin Film angekündigt, Kerkelings Reisebericht in die Kinos zu bringen. Die Faszination, die das wochenlange Wandern mit religiöser Motivation ausübt, versucht Gerald Koll in seinem Doku-Essay im Selbstversuch zu ergründen. Doch der Jakobsweg ist weder das erste noch das letzte Wort in Sachen Pilgerreise, und so macht sich Koll auf zum ältesten Pilgerweg der Welt.

88 Tempel gilt es auf der japanischen Insel Shikoku zu besuchen und dabei auf 1300 Kilometern das Eiland einmal zu umrunden. Regisseur Koll will sich dort auf die Suche machen nach „henro boke“, einem mystischen Trancezustand, den der „henro“ – so heißen Pilger im Japanischen – während der Wanderschaft erlangen soll. Dass er bis zuletzt nicht herausfinden wird, was „henro boke“ nun wirklich ist – Koll behilft sich am Ende erfolglos mit aufgepropftem Geisterbahn-Suspense, um der Ergebnislosigkeit seiner Suche beizukommen –, kann getrost verraten werden. Denn eigentlich geht es viel sprichwörtlicher ums Pilgern. Nicht zufällig gibt eine Texttafel zu Beginn des Films Auskunft über die griechische Herkunft des Wortes „Pilger“, das vom Begriff für „fremd, Fremder“ abgeleitet ist. Und dass Koll ein Fremder ist auf diesem Pilgerweg, daran lässt der Film keinen Zweifel.

88 - Pilgern auf japanisch

Jede Interviewsituation scheitert konsequent an der Sprachbarriere. Und auch Kolls Off-Kommentar widmet sich fast ebenso häufig den seltsamen Essgewohnheiten der Japaner wie dem tieferen Sinn des Pilgerns. Der Film ist eine One-Man-Show. Immer wieder zeigt Koll sich zunächst beim Weggehen von der Kamera, um dann, nach einem harten Schnitt, wieder auf das am Wegrand zurückgelassene Aufnahmegerät zuzugehen – er selbst ist der Kameramann, so bezahlt er die leidlich elegischen Bilder vom Wandern in Richtung Sonnenuntergang mit der Verdopplung des zurückgelegten Weges. In den improvisierten Interviews ist Koll der etwas gehetzt wirkende Ausländer, der sich wünscht, dass die Japaner mit Untertiteln reden – woraufhin animierte Subtexte auf der Leinwand erscheinen. Aus dem Off gibt er sich mal als einfühlsamer, kritischer Denker, der über die Bedeutung des Pilgerrituals reflektiert, mal als zeternder Tourist, der das Essen eklig findet. Dann wieder hadert er mit seiner eigenen Pauschaltourismus-Mentalität.

Das ist nicht immer ohne Witz, und jeder, der schon einmal als Tourist in Japan war, wird die eine oder andere Situation wiedererkennen. Überwiegend aber werden Klischees in Wort und Bild aneinandergereiht. Koll gefällt sich zu sehr in der Rolle des Außenseiters und Nicht-Verstehers, so dass der Film im mal belustigten, mal aufrichtig beeindruckten Staunen über die Seltsamkeiten Japans im Allgemeinen und das Pilgern in Japan im Besonderen steckenbleibt. Weder der japanischen Kultur noch dem Pilgern nähert sich 88 – Pilgern auf Japanisch nennenswert an.

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