72 Stunden - The next three days

Russell Crowe als biederer Jedermann, der zum zwielichtigen Helden wird: Er will seine wegen Mordes einsitzende Frau aus dem Gefängnis befreien. Regisseur Paul Haggis versucht sich an der Neuverfilmung eines französischen Thrillers.

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Auf unseren Leinwänden häufen sich aktuell die Remakes europäischer Filme durch amerikanische Autorenfilmer. Jim Sheridan verfilmte Susanne Biers Brothers – Zwischen Brüdern (Brødre, 2004) neu, Atom Egoyan machte aus Nathalie (2003) Chloe (2009), und Florian Henckel von Donnersmarck scheiterte jüngst mit The Tourist (2010), dem Remake des französischen Thrillers Anthony Zimmer (2005). Und nun gesellt sich mit Paul Haggis der nächste große Name zu dieser illustren Runde. Sein neuer Film 72 Stunden basiert auf dem französischen Thriller-Drama Ohne Schuld (Pour Elle, 2008).

Haggis verlegt die Handlung nach Pittsburgh: Das Familien-Idyll von Lehrer John Brennan, seiner Frau Lara und dem kleinen Sohn wird jäh zerstört, als Lara verhaftet wird. Sie soll ihre Chefin ermordet haben. Alle Indizien sprechen gegen sie, Lara wird zu einer jahrzehntelangen Haftstrafe verurteilt. Dennoch verliert John nie den Glauben an ihre Unschuld. Als Lara in ein weit entferntes Gefängnis verlegt werden soll, ist John zum Äußersten entschlossen: Er will seine Frau befreien. Mithilfe der Ratschläge eines ehemaligen Häftlings und diverser YouTube-Videos entwickelt er einen riskanten Plan.

Der geradlinige Thriller ist Haggis‘ Sache nicht. Schon in der Exposition macht er klar, dass er den Genrebegriff dehnt und mit seinen Regeln spielt. Ein Beispiel: Haggis lässt nach Laras Verhaftung mit einem Schnitt drei Jahre vergehen, ohne diesen Sprung durch einen Zwischentitel („Drei Jahre später…“) kenntlich zu machen. Die verstrichene Zeit lässt sich lediglich an dem herangewachsenen Kind der Brennans ablesen. Ein Spiel mit Erzählkonventionen, undenkbar in einem herkömmlichen Thriller.

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Und so verweist der Film in der ersten Hälfte auch eher auf Sozialdramen wie L.A. Crash (Crash, 2004) und Im Tal von Elah (In the Valley of Elah, 2006), Haggis‘ erste zwei Regiearbeiten. Er zeigt sehr genau, was es heißt, im Gefängnis zu sitzen: Die Strafe bedeutet für Lara nicht nur die räumliche Abschottung von ihrer Familie, sondern auch die totale Entmündigung. Berührungen der Eheleute sind im Besuchsraum nicht gestattet, intime Gespräche unter den Augen der Staatsmacht unmöglich. Die unerträgliche Situation führt zu einem Selbstmordversuch Laras.

Haggis motiviert Johns weiteres Verhalten also sehr sorgfältig, und das muss er auch. Denn nun gerät die Hauptfigur in immer haarsträubendere Situationen. Johns tastende Versuche im kriminellen Milieu ziehen Drohungen, Diebstahl und Prügel nach sich. Dennoch gibt er nicht auf, besorgt falsche Papiere, wird gar zum Mörder – in Notwehr selbstverständlich. Erst jetzt spielt Haggis die Mechanismen des Spannungskinos voll aus. Dass er auch sie beherrscht, zeigte er bereits als Mitautor der Drehbücher für den Neustart der James-Bond-Reihe mit Daniel Craig.

Über weite Strecken bleibt die innere Glaubwürdigkeit der Geschichte auch jetzt noch erhalten, obwohl das äußere Geschehen immer unglaubwürdiger wird. Solange John seine Tat nur plant, behält auch der Film eine Überzeugungskraft, die er aus seiner emotionalen Tiefe schöpft. Wenn er aber im Finale kaltblütig seinen Plan ausführt, dann geht diese Plausibilität verloren. Viel zu routiniert spult Haggis hier Action-Szenarien ab, hinter denen die Figur und Motivation von John verloren gehen. Je mehr das Augenmerk auf der bloßen Oberfläche der Attraktionen liegt, desto stärker fällt die Unwahrscheinlichkeit der Handlung ins Auge. Hinzu kommt, dass Haggis dem Finale recht plump die Auflösung des Mordfalles nachstellt. Nachdem er zunächst einen mitdenkenden Zuschauer gefordert hat, scheint er ihm nun kein Ende zumuten zu wollen, das sich eine Offenheit bewahrt und so zu weiterer Reibung herausgefordert hätte.

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Diese Glätte lässt 72 Stunden nach einer starken ersten Hälfte letztlich scheitern. Die zweite ist konstruiert und verlässt sich ganz auf Genre-Konventionen, mit denen der Film zuvor noch gespielt hat. Hier zeigt sich eine Ideenlosigkeit, die mit der derzeitigen Remake-Mania in den USA zusammenhängt. Sie geht über die Tatsache hinaus, dass die amerikanische Unterhaltungsmaschine schon immer Talente und Stoffe aus dem Ausland verwertete. Nach der Finanzkrise gehen nicht nur Blockbuster-Produzenten mit immer neuen Sequels und Comicverfilmungen auf Nummer Sicher. Auch Regisseure des sogenannten Independent-Kinos greifen auf Stoffe zurück, die schon bewiesen haben, dass sie Zuschauer anziehen. Nach seinem Totalflop mit Im Tal von Elah wollte Paul Haggis scheinbar mit einer erprobten Geschichte ganz einfach wieder einen Hit landen. Eine Strategie, die auf die allgemeine Tendenz verweist, auch Independent-Produktionen der Finanzmarktlogik zu überlassen. Wo die Risiken scheinbar gering sind, ist nur meistens der Ertrag ebenfalls kleiner.

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