'71

In der Klinkerhölle von Belfast: ’71 ist ein Film, der während der schlimmsten Jahre des Nordirlandkonflikts angesiedelt ist. Ein Film über den Nordirlandkonflikt ist es nicht.

71 02

In medias res. Mitten in die Dinge wird der Zuschauer geworfen, gemeinsam mit dem blutjungen britischen Soldaten Gary Hook (Jack O’Connell). Drill irgendwo in den englischen East Midlands: Eilmarsch, Schlammrobben, Schusstraining. In der Nacht brüllt ein Offizier die Rekruten aus den Kasernenbetten: „Ab nach Belfast!“ Abschiedskick mit dem kleinen Bruder, Ankunft in der nordirischen Hauptstadt, die Jahreszahl ’71 füllt die Leinwand: Die „Troubles“ sind in ihrer heißesten Phase. Neues Lager, Briefing, Ausrücken zur Hausdurchsuchung im katholischen Viertel Lower Falls. Von da an: Hölle.

Reduziert aufs Essentielle

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Drei Genres sind in Yann Demanges Kinodebüt ineinander gezwirbelt. Die ersten zehn Minuten boxen in Hochgeschwindigkeit durch die Standardstationen des Kriegsfilms. Aber schon hier werden gewisse Auslassungen spürbar: Die Soldaten sind keine individuellen Charaktere, die zusammengeschweißt werden müssen, keine Namen, Schicksale, Hintergründe dürfen sie preisgeben. Nur Jungsgesichter in Army-Olive. Keine Nationalhymnen werden gesungen, keine patriotischen Ansprachen gehalten, stattdessen gibt es eine vollkommen entschlackte Zurschaustellung hierarchischer Befehlswelten, physischer Pein und der chaotischen Situation in Belfasts umkämpften Straßen – wo die Heimatfront zerbricht, Front wird für die verdattert überforderten Soldaten, Heimat bleibt für die Steine werfenden und mit Mülldeckel klappernden Einwohner.

Die Razzia geht grandios schief, ein wütender Mob treibt die Armee zurück in die Lastwagen, während die Polizeieinheiten vermeintliche Terroristen vor aller Augen blutig schlagen, Öl ins Feuer gießen. Jüngling Hook wird mit einem Kameraden von der Einheit getrennt, aus der Meute taucht ein Gleichaltriger mit den Zügen eines verbitterten Veteranen auf und schießt Hooks Kumpel den Schädel weg. Demange optiert bei all dem für einen Modus vehementer Action, filmt in rauem 16mm-Blowup und mit gehetzten, verwirrten, schleudernden Blicken. In Windeseile hat er politische Verwerfungslinien und widerstreitende Motive auf reine Körperlichkeit reduziert; den adrenalinbeherrschten Pulsschlag der Eskalation. Und damit ist er im Filmgenre der panischen Überlebenssicherung, der sich kompakt ins Ich zurückziehenden Urangst angelangt – dem Horror. Soldat Hook hetzt, von den republikanischen Kämpfern verfolgt, durch die Backsteinirrgärten der fremden Stadt und fort in einen Alptraum.

Überleben im Thriller-Dickicht

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Alles Folgende ereignet sich in einer endlosen digitalen Nacht, brandorange und schwarz. Farblich gibt es keinen Unterschied zwischen dem Licht der Laternen und dem der Explosionen: eine Stadt in Flammen. Und ebenso fließen die einander bekämpfenden Fraktionen ununterscheidbar ineinander. Wie schon bei der einleitenden Straßenschlacht die beschwichtigenden Gesten der Militärs und die hemmungslose Prügelei der Polizisten kakophonisch die Signale einer Besatzungsmacht in Panik aussendeten, verknäulen sich um den flüchtenden Soldaten immer mehr immer undurchsichtigere Interessengruppen in einem Spiel aus Einfluss und Mord. Und hier kommt dann, während Hook weiter seinen Survival-Horror spielt, der Thriller in den Film. Eigenmächtig agierende Undercover-Agenten, Brandsatz schleudernde Loyalisten und verschiedene IRA-Generationen ringen da miteinander.

Demanges heißblütiges Unterhaltungskino versucht niemals ernsthaft, sich als politisch reflektiertes, historisch verbürgtes Nordirland-Pic zu präsentieren. Es arbeitet stattdessen mit erprobten Techniken und Konstellationen des Films, rührt an Affekten und lässt die spezifischen (ethnischen, religiösen, historischen, kulturellen, wirtschaftlichen) Momente der Unruhen außen vor. Ganz klassische Repertoirefiguren – Gangster, dirty cops und der unschuldig Gejagte – prügeln sich in Belfast. Das funktioniert so lange gut, wie die Action harsch, explosiv und zügellos bleibt. Und es schwächelt, wenn die generischen Konflikte einen kühl und unbeteiligt stimmen, weil man den Einsatz, die Gründe der Gewalt nicht aufgeschlüsselt bekommt. Die IRA-Recken führen keine ideologischen Debatten, sondern tragen nur interne Machtstreitigkeiten aus. Das Militär ist irgendwie fehl am Platze, aber warum genau, das bleibt vage. Und die Undercover-Cops sind gänzlich opak: Ob sie aus finanziellem Eigeninteresse oder auf Befehl von oben die Situation eskalieren lassen, ist unklar.

Ohne Kontext bleiben dumpfe Klischees

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In medias res. Aber inmitten welcher Dinge, welcher Vorgänge, welcher Strukturen wird Private Hook und mit ihm das Publikum geschleudert? Je länger der Film dauert, desto drängender werden die Fragen. Ein Grund dafür mag sein, dass die existenzielle Verwirrung des unbedarften Soldaten als perspektivische Richtschnur für die verwirrenden Machtkämpfe um ihn herum fungiert. Wenn der Film sich in der zweiten Hälfte verbreitert und in Parallelmontagen von einer der kriegführenden Gruppen zur anderen springt, scheinen die ungläubig geweiteten Augen des jungen Soldaten doch geisterhaft überall anwesend. Im Horror-Modus gelingen dem Film dabei einige hervorragende Sequenzen, wenn er die Kamera in kippenden und torkelnden Bewegungen mal ins Licht, mal in die Dunkelheit stürzen lässt, wenn Gewaltakte ebenso wie Hilfsdienste der Anwohner unvermittelt aus dem Off der Wahrnehmung herausblitzen. Im Thriller-Modus allerdings wirkt der globale shell shock fehl am Platze, wirkt gar gefährlich naiv in seiner Einsicht, dass alle Menschen brutal, alle Institutionen korrupt sind und niemand seine Unschuld wahren kann. In seiner harschen Ausgrenzung des Alltags und der spezifischen Situation der Menschen in jenen Tagen an jenen Orten füttert der Film letztlich dumpfe Klischees. Belfast, Labyrinth aus Terror und Klinker, stadtgewordene Hölle, du gibst eine gute Schreckenskulisse ab. Aber warum man um dich kämpft, bleibt weiter dein Geheimnis.

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