7 Jungfrauen

Zwischen Sex, Drugs & Rock´n´Roll entdeckt Alberto Rodríguez die Bilder und Klänge der Großstadt in seinem neuen Film über einen jungen Straftäter, der für achtundvierzig Stunden aus der Haftanstalt entlassen wird.

7 Jungfrauen

Eine Stadt irgendwo in Andalusien. Tano, ein junger Kleinkrimineller und schuldig am Tod eines Freundes, wird für achtundvierzig Stunden aus der Jugendstrafvollzugsanstalt entlassen, um an der Hochzeit seines Bruders Santacana teilnehmen zu können. Noch aus dem Wagen wild die Wärter beschimpfend, startet er voll pubertärem Übermut durch, in das Stückchen Leben, das ihm vorübergehend gewährt wird. Natürlich will er feiern, sein Mädchen sehen und Spaß haben, was das Zeug hält.

Ankündigung und Drehbuch klingen nach der üblichen Sex-Drugs-&-Rock´n´Roll-Geschichte, die für das spanische Kino so typisch ist. Jugendbanden, Kriminalität, Kämpfe und Freundschaft. Wieder ein Adoleszenzfilm, eine Fahrt in ein zeitlich begrenztes Leben voller Exzesse mit fast zwangsläufig tragischem Ausgang. Schon Luis Buñuel drehte mit Die Vergessenen (Los olvidados, 1950) in Mexiko ein Melodram über jugendliche Straftäter am Rande der Gesellschaft. Montxo Armendáriz schuf mit Treffpunkt Kronenbar (Historias del Kronen, 1994), seinem turbulenten Film über die Alkoholexzesse einer Freundesgruppe, einen Meilenstein in diesem Genre. Doch während es Buñuel um die Inszenierung der Chancenlosigkeit der Unterprivilegierten ging und Armendáriz den Exzess zum schier unerträglichen Rausch gestaltete, überrascht der vierte Spielfilm des jungen Filmemachers Alberto Rodríguez mit unerwartet zarten Passagen.

7 Jungfrauen

Der Regisseur aus Sevilla erzählt nicht nur die Geschichte der Drogen und Ausschweifungen, der Gewaltbereitschaft und Gruppendynamik. Er erzählt auch die Geschichte zweier Brüder. Einer, der ausbrechen will, es aber nicht kann. Und einer, der ausbricht, obwohl er es gar nicht wirklich will. Er erzählt die Geschichte zweier Freunde, die spielerisch und großspurig mit einem Grinsen auf dem Gesicht durch eine Welt der Gewalt tollen. Er erzählt die Geschichte einer jungen Liebe, die noch nicht weiß, was sie eigentlich ist und ob sie etwas werden will.

Zärtlich und liebevoll lotet die Kamera in langen Großaufnahmen die ambivalenten Gefühle der jungen Protagonisten an der Schwelle von Kindheit und Erwachsensein aus: das Zucken eines Mundwinkels, den Blick von Augen, die im Unklaren sind, ob sie lachen oder weinen sollen. Das Dilemma zwischen Zorn – man weiß nicht, gegen wen er sich richten soll, – und Angst – vor dem Unbestimmtem: der Obrigkeit, den Umständen, der eigenen Ambivalenz. Die Darsteller selbst schlendern und jagen abwechselnd durch den Film, als seien sie da nur eben irgendwie reingeraten – aber das ganz authentisch. Und genau das sind sie auch. Abgesehen von Juan José Ballesta (Tano), einem jener Wunderkinder, die schon in jüngsten Jahren ein Massenpublikum in Entzücken versetzten, und Vincente Romero (Santacana), der seit Jahren in andalusischen Serien über den Fernsehschirm flackert, rekrutierte Rodríguez die Schauspieler aus den Schulen der Barrios, in denen der Film auch spielt.

7 Jungfrauen

Trotz dieser Authentizität driftet 7 Jungfrauen nie ins Dokumentarische oder Sentimentalistische ab, sondern lebt von Rodríguez´ variantenreichem Gestaltungswillen. Zwischen Handlungssträngen voller Turbulenz mit schnellen Schnitten und rasanten Fahrten durch die Stadt zur rhythmischen Rapmusik von Haze schiebt der Regisseur sehr bewusst durchkomponierte Partien ein: großartige fotografische Ansichten aus ungewöhnlichen Blickwinkeln oder Sequenzen mit Unterwasseraufnahmen, die an Künstlervideos erinnern. Seine Ausleuchtung der Innenräume und Gesichter erinnert an Vorlagen aus der spanischen und flämischen Barockmalerei. Surreale Passagen mit abgetrennten Gliedmaßen lassen an Buñuel denken, der von dem titelgebenden Spiel mit den sieben Jungfrauen sicher begeistert gewesen wäre. Es dient der Vorhersage der Zukunft. Zwei Kerzen und ein Spiegel sowie die Fähigkeit bis sechzig zu zählen sind die weiteren Requisiten, die für den Blick auf das eigene Schicksal vonnöten sind. Das der anderen lässt sich auf der Leinwand betrachten.

 

Kommentare


Martin Z.

Die Atmosphäre stimmt, die Laiendarsteller überzeugen, die Handlung scheint nicht erfunden und das Ambiente könnte nicht passender sein. Es ist ein 48-stündiger Ausschnitt aus dem Leben von Tano, einem jugendlichen Kriminellen. Er ist auf der Suche nach seiner Zukunft zwischen Tradition und kumpelhafter Freundschaft, zwischen Verantwortung und Spaß an der Freude. Dabei bestimmen Sex und Gewalt diesen kurzenlebigen Alltag. Man erkennt die Perspektivlosigkeit in dieser Tristesse, sodass eine andere Option sich von selbst ausschließt. Zumindest sieht das Tano so. So wie die letzte Einstellung des laufenden, vielleicht flüchtenden Tano im Bild angehalten wird, so episodenhaft bleibt der ganze Film. Keine Ermahnung, vielleicht eine Warnung oder eine Aufforderung diesen Teufelskreis zu durchbrechen, bevor man in der Abwärtsspirale untergeht.


Martin Z.

Die Atmosphäre stimmt, die Laiendarsteller überzeugen, die Handlung scheint nicht erfunden und das Ambiente könnte nicht passender sein. Es ist ein 48-stündiger Ausschnitt aus dem Leben von Tano, einem jugendlichen Kriminellen. Er ist auf der Suche nach seiner Zukunft zwischen Tradition und kumpelhafter Freundschaft, zwischen Verantwortung und Spaß an der Freude. Dabei bestimmen Sex und Gewalt diesen kurzenlebigen Alltag. Man erkennt die Perspektivlosigkeit in dieser Tristesse, sodass eine andere Option sich von selbst ausschließt. Zumindest sieht das Tano so. So wie die letzte Einstellung des laufenden, vielleicht flüchtenden Tano im Bild angehalten wird, so episodenhaft bleibt der ganze Film. Keine Ermahnung, vielleicht eine Warnung oder eine Aufforderung diesen Teufelskreis zu durchbrechen, bevor man in der Abwärtsspirale untergeht.






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