66/67 - Fairplay war gestern

Die netten Hooligans von nebenan:  66/67 – Fairplay war gestern lockt zwar mit markigem Titel, ist aber eher Charakterdrama als Prügelorgie.

66/67 – Fairplay war gestern

Es war einmal eine Mannschaft, die deutscher Fußballmeister wurde. In der Saison 1966/67 war Eintracht Braunschweig ganz oben. Doch es sollte der einzige Titelgewinn bleiben, für die Eintracht ging es von nun an bergab. 1973 machte sie ein letztes Mal Furore, als erste Mannschaft mit Trikotwerbung. Sponsor war Jägermeister. Jahre des Auf- und Abstiegs folgten, kleine Siege, größere Niederlagen. Was bleibt, sind die Erinnerungen.

Und so beginnt auch 66/67 - Fairplay war gestern, die dritte gemeinsame Regiearbeit von Jan-Christoph Glaser und Carsten Ludwig, mit einer Geschichtsstunde. Leinwand schwarz, Diaprojektor an: Die Meistermannschaft, die Schale, der Jubel. Lange her. Jetzt spielen die Löwen gegen den Sturz in die Oberliga, nur eine Provinzmannschaft von vielen. Und dann ein Bild, das auch schon Vergangenheit ist, nur wissen wir es noch nicht: Fans, in gelb und blau. Ein gutes Dutzend. Das Foto gibt es noch einmal, in der Stammkneipe des Hooligantrupps. Dort sind die meisten der Gesichter schon mit schwarzem Filzstift übermalt, als Florian (Fabian Hinrichs) ein weiteres Mal den Edding zückt.

66/67 – Fairplay war gestern

Er ist so etwas wie der Leitwolf der Gruppe, drahtig, aufbrausend, zwanghaft loyal. Und er hat eine Mordsangst vor Veränderungen. Der Vater (Bernhard Schütz) will ihn mit der Firma nach China schicken, die Geliebte (Melika Foroutan) aus Braunschweig weglocken, die erfolgreich gemeisterte Diplomprüfung liegt zu Hause unter dem Bett versteckt. Wohin? Er entflieht Entscheidungen, indem er seine gesamte Kraft in ein Häuflein versprengter Unzufriedener kanalisiert. Und diese kanalisieren die Angst vor der Einsicht, dass sie sich eigentlich gar nicht leiden können, in Gewalt. Doch die Zeit zersetzt die Bindungskräfte solcher Schlägerfreundschaft.

In 66/67 ist Gewalt immer Ausdruck für etwas anderes. Jeder der Kumpel bündelt seine individuellen Probleme in eine aufgesetzte Identifikation mit einem Verein, der die letzten vierzig Jahre nichts erreicht hat. Und Gewalt ist der aussagelose gemeinsame Nenner. Ihr Zusammenhalt speist sich aus in Freundschaft umgedeutetem Lebensüberdruss, sei es aufgrund eines todkranken Vaters, einer biederen Polizistenlaufbahn oder problematischer homosexueller Begierden.

66/67 – Fairplay war gestern

Die Darstellerriege ist ausnahmslos großartig. Ihnen ist es zu verdanken, dass die Figuren nicht unter den manchmal arg hölzernen Dialogen leiden. Carsten Ludwigs Drehbuch spricht vieles zu direkt aus, er lässt seinen Figuren wenig Platz für Geheimnisse und feine Nuancen. Doch die Schauspieler werfen sich solchen Hindernissen mit Verve und Präsenz entgegen. Neben Fabian Hinrichs undurchschaubarem, immer unter Strom stehendem Florian überzeugt dabei vor allem Christoph Bach als wankelmütiger, aggressiver Schwuler Otto, der sich neben Fußballprügelei noch Kicks auf HIV-Ansteckungsparties und mit diversen Drogen besorgt. Ihr Aufeinandertreffen produziert die stärksten Momente des Filmes.

Florian ist wütend, weil er ein Hasenfuß ist, Otto, weil ihm auch das eigene Leben nichts bedeutet. Häufig geraten sie aneinander. Und doch sind sie wirkliche Freunde, ihre Reibung entspringt einer gleich empfundenen Mixtur aus Sehnsucht und Unvermögen. Was hält sie an Braunschweig, was zieht sie weg? Die Frage ist zentral für beide und für den Film insgesamt. Den Regisseuren gelingt es, dafür ein wunderbares Bild zu schaffen. Nachdem sie nachts in der Straßenbahn eigenartig aussehende Pillen geschluckt haben, steigen Florian und Otto unvermittelt im abendlichen Istanbul aus dem Zug. Sie spazieren durch sonnendurchströmte Gassen, ihre Unterhaltung ist ruhig und ernsthaft. Niemand spricht über den Ortswechsel, er wird überhaupt nicht thematisiert. Zurück im Zug, wieder in Braunschweig bei Nacht. Und dann erstmal den Dealer vermöbeln. Wenn Flucht aus der Heimat nur so verlustfrei und unproblematisch wäre, in Raten konsumierbar. Out of time, out of space. Ihre Sehnsucht, der Mai 1967, alles außer hier und jetzt.

66/67 – Fairplay war gestern

Wirklich tief dringt 66/67 niemals ein in die Welt der Hooligans und Fußballfanatiker. Glaser und Ludwig zündeln mit einem kontroversen Thema, nutzen es aber ausschließlich als Kulisse für eine Auseinandersetzung mit Themen wie Freundschaft, provinzieller Ratlosigkeit und Zukunftsangst. Die beiden Regisseure mögen ihre Figuren einfach zu sehr, als dass sie ihnen platte Zerstörungswut unterstellen würden. Das ist durchaus problematisch, eine kleine Vernichtungsorgie wirkt hier eher wie ein Lausbubenstreich.

Aber der Film überzeugt, nicht nur durch seine Darsteller, sondern auch durch eine stimmige Optik. Sehr undeutsch sieht das aus, ein körniges Bild, entsättigte Farben und diffuse Schatten. Die Kamera von Ngo The Chau ist mobil, ohne übertrieben wackelig zu sein, stets auf der Suche nach den Gesichtern der Figuren. Die Farbdramaturgie folgt dem zeitgenössischen amerikanischen Kino, Hautfarben werden ergänzt durch gedeckte Komplementärtöne in Blau, Grün und Grau. 66/67 rückt seine Helden in den Mittelpunkt sowohl der Inszenierung als auch der Erzählung. Und so gelingt Ludwig und Glaser trotz einiger Schnitzer ein spannendes, gut gemachtes Porträt von Männern um die dreißig, gestrandet im Leben und voller Angst vor den eigenen Wünschen.

Trailer zu „66/67 - Fairplay war gestern“


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Kommentare


Tobi

Ein großartiger deutscher Film mit einer guten Story, welche die Angst und die Flucht junger Männer vor den Herausforderungen des Lebens wiederspiegelt. Er ist kurzweilig, mit teilweise trockenen sowie humorvollen Dialogen, überzeugenden Hauptdarstellern und einem nicht vorhersehbaren Ende. Mich hat der Film überzeugt.


Dennis

der film war sehr langweilig und hat irgendwie nicht wirklich viel mit dem titel zu tun und um fussball gehts so gut wie gar nicht wären die figuren 10 jahre jünger wäre es nur ein weiteres teenie drama






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