Six Bullets

Sechs Kugeln für eine Kinderseele: Ernie Barbarash konfrontiert den verletzlichsten aller Actionhelden Jean-Claude Van Damme mit einer neuen Unübersichtlichkeit der Welt.

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»Ich sah einmal, wie ein Kind verkauft wurde – für sechs Kugeln.« Der ehemalige Söldner Samson Gaul (Jean-Claude Van Damme) arbeitet als eine Art Privatermittler, der im Auftrag verzweifelter Eltern und mithilfe schwerster Bewaffnung gekidnappte Kinder aufspürt und befreit. Samson könnte also durchaus, in einer einfacheren Kinowelt, einer von den unzweideutig Guten sein, und auch sein erster Auftritt legt dies sehr nahe: Als solventer Pädophiler getarnt, verschafft er sich da Zugang zu den geheimen Hinterzimmern eines Luxusbordells, wo ihm im Austausch gegen ein dickes Bündel Geldscheine ein verstörter Junge zugeführt wird. Anstatt das Kind jedoch zu vergewaltigen – was, das Verhalten des Jungen legt dies nahe, wohl zuvor durch andere Kunden bereits geschehen sein mag – schießt, schlägt und sprengt er eine Schneise durch die Armee der Kinderhändler hindurch, in die Freiheit.

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Die Welt aber von Six Bullets ist nicht so simpel, und eine vermeintliche Heldentat wie diese hat immer eine dunkle Rückseite. Actions have consequences – dieser so schlichten wie folgenschweren Kernphilosophie des Aktionskinos kann auch ein B-Picture-Heros wie Samson nicht entrinnen, und diese Erkenntnis ist es, an der er, jedenfalls vorläufig, zerbrechen wird. Die Granaten, die ihm und dem gepeinigten Jungen den Fluchtweg freisprengen, setzen die Villa der Zuhälter in Brand – was vier minderjährige Zwangsprostituierte, in den Hohlwänden des Hauses eingesperrt, das Leben kostet. Die Kamera kennt hier kein Erbarmen: Die grausam verstümmelten Leichen der toten Mädchen setzt sie, nach einem abrupten Schnitt, im Close-up ins Bild. Ein Schock, für Samson ebenso wie für uns, und gleichzeitig mit seinem Selbstverständnis wird auch unser Bild vom Heldentum nachhaltig zerschmettert.

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»Sie sind kein Polizist – Sie sind ein Soldat, und das ist nicht Afrika oder Afghanistan«, das wirft der Polizist Kvitko dem ob der durch die eigene Hand ausgelöste Katastrophe entsetzten Samson an den Kopf: »Sie sind Kollateralschäden gewohnt.« Wie eine eiskalte Dusche nach der buchstäblich lodernden Hitze der Eröffnungssequenz kommt dieser Vorwurf über den designierten Helden der Filmerzählung und den Zuschauer, und wie ein Riss in der Welt wird er die Erzählweise von Six Bullets fortan entscheidend prägen. Gewohnt ist man diese Differenziertheit ja vom B-Actionfilm nicht immer und unbedingt: das Polizeiliche, das Militärische und das Vigilantische werden auf diesem Schlachtfeld schließlich nicht selten verstörend enggeführt. (Womit nicht gesagt sein soll, dass diese Engführung stets als per se problematisches politisches Statement bewertet werden müsste – schließlich sind auch Kinohelden, wie Georg Seeßlen ganz korrekt anmerkt, nicht nur dazu da, dass ihnen der Zuschauer in allem und jedem recht gibt.)

Jean-Claude Van Damme, der spätestens in seinem im Grunde bereits mit Philippe Martinez’ Wake of Death (2004) eingeleiteten Alterswerk ohnehin zum verletzlichsten aller Actionhelden avancierte, findet sich also einmal mehr als zerbrochener Kämpfer in einer komplexen Welt wieder, auf deren Herausforderungen die alten, einfachen Antworten des Bewegungskinos nicht mehr genügen. An die Stelle des Reiz-Reaktions-Schemas, auf dessen Fundament das Actionkino erbaut wurde, tritt unter der Regie von Ernie Barbarash eine zwar nicht nachhaltig in ihrer Geradlinigkeit erschütterte, aber doch merklich aus der Bahn geworfene, mäandernde Erzählweise.

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Barbarash, der mit Van Damme zuvor bereits den schönen und deutlich näher an der ökonomischen Strukturierung des DTV-Kinos angelegten Profikiller-Film Assassination Games (2011) inszeniert hat, orientiert sich in seiner Regie für Six Bullets an einem spürbar anderen, epischeren Format. Beinahe zwei Stunden lang ist der Film – was in Anbetracht des relativ dogmatischen 90-Minuten-Profils des DTV-Actionfilms deutlich aus dem Rahmen fällt –, und knapp die Hälfte seiner Laufzeit ist bereits verstrichen, wenn Gaul sich seinen Dämonen erneut stellt und die Aktion zur Befreiung der entführten Tochter des Mixed-Martial-Arts-Fighters Andrew Fayden (Joe Flanigan) einleitet. Bei diesem betont langsamen, manchmal geradezu ausgebremst wirkenden Aufbau handelt es sich jedoch gerade nicht um jene tote Zeit, die besonders im Bewegungskino häufig in den Zwischenräumen der einzelnen set pieces auftritt, sondern im Gegenteil um die Basis eines im Filmverlauf immer straffer gespannten Spannungsbogens.

Gerade im zweiten, aktionsorientierteren Teil von Six Bullets gibt es dann durchaus eine Reihe von Sequenzen, die an die Erfolgsrezepte jüngerer Genrearbeiten – die ihrerseits ebenfalls historisch bewusst Grundkonstellationen aus der Bewegungskinogeschichte verdichten – anknüpfen. Die Rückholung der Tochter aus den Fängen (ost-)europäischer Mädchenhändler gelang bereits Liam Neeson in Pierre Morels 96 Hours (Taken, 2008) mit Bravour, und die im postsowjetischen Kino-Ostblock an allen Flughäfen und auf allen Hotelfluren lauernden Menschenfänger scheinen direkt aus Eli Roths grandios subversiven Hostel-Filmen (2005/2007) importiert.

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Six Bullets geht aber doch einen ganz eigenen Weg, jenseits von Morels Minimalismus und weit jenseits der grellen Groteske in Roths Disneyland-Osteuropa, eher grüblerisch als ohne Rücksicht auf Verluste voranpreschend und im Tonfall durchweg dunkel gehalten. Actions have (many) consequences, und für Samson Gaul – den Söldner, den Actionhelden in nuce, der zum Showdown hin späte Konsequenzen zieht und infolge einer weiteren Katastrophe, die er durch sein blindwütiges Agieren provoziert, vom Einzelkämpfer zum Teamplayer wird – wird es immer schwerer, auch nur die wesentlichsten Folgen (s)einer Tatkraft zu antizipieren.

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