4 Tage im Mai

Achim von Borries kehrt nach langer Pause mit einem ungewöhnlichen Drama über die letzten Kriegstage ins Kino zurück.

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8. Mai 1945: Stille liegt über der deutschen Ostseeküste. Kein Lüftchen regt sich. Schwerfällig schwappt Wasser an den Strand. Hinter einem kleinen Wäldchen steigt kerzengerade eine Rauchsäule auf. Verdreckte Menschen auf einem Boot schauen ein letztes Mal auf diesen Küstenstreifen, bevor das Schiff sie fortbringen wird. Für sie ist der Krieg vorbei. Und für einen kurzen Moment steht die Zeit still.

Achim von Borries hat keinen Film „über“ das Kriegsende gedreht. Erst recht stellt er keine „wahre“ Geschichte mit realistischen Mitteln nach – auch wenn das Geschehen  tatsächlich auf einem historischen Vorfall beruht, der erst mit der Öffnung russischer Archive bekannt wurde. Von solcher Behauptungsdramaturgie hält sich Vier Tage im Mai fern. Von Borries erzählt in seinem ersten Kinofilm seit sieben Jahren vielmehr vom Werden dieses Stillstands. Die oben beschriebene, sehr kurze Exposition ist deshalb kein billiger dramaturgischer Kniff – kein raunendes „Was-davor-geschah“ –, sondern bildet den Kulminationspunkt einer Stimmung ab, die den ganzen Film durchwirkt und sich immer weiter aufbaut.

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4. Mai 1945: Deutschland hat den Krieg verloren. Allerdings war davon bisher an der einsamen Ostseeküste nicht viel zu spüren gewesen. Erst jetzt marschiert die Rote Armee ein. Ein ehemaliger Gutshof, der zum Mädchenheim umfunktioniert wurde, dient einem sowjetischen Hauptmann (Aleksei Guskov) und seinen sieben Männern als Stützpunkt. Die Soldaten sind alles andere als siegessicher. Sie haben kaum Munition, können auf keine Verstärkung hoffen und sollen dennoch die Küste bewachen und deutsche Soldaten gefangen nehmen. Tatsächlich taucht bald ein deutscher Trupp mit einem Oberstleutnant (Alexander Held) auf. Die Männer sind jedoch ebenso kriegsmüde wie ihre russischen Gegner und warten nur auf die Gelegenheit, sich nach Dänemark abzusetzen. Lediglich Peter (Pavel Wenzel) will noch kämpfen – ein elfjähriger Junge, dessen Tante das Heim leitet. Er will seinen Vater rächen, der im Krieg fiel, und ein Mädchen beschützen, das er auf dem Heuboden versteckt. Aber Peter muss erkennen, dass die Grenzen zwischen Freund und Feind in diesen letzten Kriegstagen nicht mehr eindeutig zu ziehen sind – und dass ausgerechnet der russische Hauptmann sich als Menschenfreund entpuppt, der ihn respektvoll behandelt.

Es wäre ein Leichtes gewesen, aus dieser Konstellation eine Geschichte mit Spannungs- und Betroffenheitspotenzial zu entwickeln, die die Sinnlosigkeit des Kriegs anprangert und dennoch Raum lässt für Helden und Bösewichte. Von Borries macht daraus aber etwas ganz anderes. Seine Filme funktionieren über Stimmungen. Was nützt die Liebe in Gedanken (2004), sein letzter Kinofilm, erzählte die Geschichte junger Menschen in der Weimarer Republik als ein in Bilder übersetztes Sehnen und Verlangen, das sich in Gesten, Kleidung, Frisuren und Musik ausdrückt. Selbst sein erster Tatort-Beitrag Wie einst Lilly (2010) ließ den Kriminalfall in den Hintergrund treten und interessierte sich umso mehr für die Figur des von Ulrich Tukur gespielten Kommissars, der mit seinem Hirntumor Zwiesprache hält.

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In 4 Tage im Mai schildert von Borries daran anknüpfend ein  außerordentliches historisches Ereignis, indem er den Schwerpunkt nicht auf das äußere Geschehen legt, sondern dieses durch das innere Erleben der handelnden Figuren zeigt. So wirkt der Film exakt und unwirklich zugleich. Der zeitliche Ablauf ist zwar schon im Titel genau vorgegeben, dennoch entwickelt sich das Geschehen außerhalb herkömmlichen Zeitempfindens. Denn die deutschen und russischen Soldaten können sich vor Müdigkeit kaum noch auf den Beinen halten. Sie sind abgekämpft im Wortsinn; der Horror der vergangenen fünf Jahre hat sich ihnen tief in die Gesichter gegraben. Von Borries bildet diese überreizte und übermüdete Wahrnehmung filmisch mit schwebenden Steadycam-Aufnahmen und einem hypnotischem Streicher-Score ab. Er dehnt dabei die Erzählung fast unmerklich. Man hat den Eindruck, als würden die Minuten und Stunden dieser vier Tage sich auflösen und zerfließen.

Dann kommt der 8. Mai – aber nicht der ersehnte Frieden. Die angestaute Spannung entlädt sich noch einmal in Gewalt, allerdings in einer unerwarteten Konstellation: Das eigene Panzerbataillon greift die Einheit des russischen Hauptmanns an. Die Soldaten werden zu Beschützern der deutschen Mädchen. Von Borries interessiert aber auch jetzt nicht die Action und auch nicht das Pathos. Er zeigt das Gefecht einmal nur kurz und ohne Ton; dann aus der Perspektive des im Keller eingesperrten Jungen, der vom herbeigesehnten Kampf lediglich Mündungsfeuer und Detonationen hört. Während oben ein letztes Mal die Gewalt explodiert, ist Peter unten endgültig zur Untätigkeit verdammt. Im Gegensatz zu den Erwachsenen ist er nicht müde, für ihn zerfließt die Zeit nicht. Er will sie vielmehr zu seinen Gunsten nutzen. Immer wieder zeigt der Film, wie der schmächtige Junge kämpft, schreit, boxt und flucht. Seine Wut bleibt aber in jeder Hinsicht ohnmächtig, die ungeheuren Ereignisse rollen einfach über ihn hinweg. Und erst dann bleibt die Zeit stehen, wenn auch nur für einen kurzen Moment.

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Kommentare


Elisabeth Inselsperger-Stadler

Ein wunderbar gemachter Film - eine traurige Geschichte, vor allem im Bewußtsein, daß sie wahr ist. Was mich besonders berührt hat, war die persönliche Geschichte des
Jungen, seine Wut, seine Enttäuschungen, seine Verliebtheit, sein Versuch, ein Held zu sein, seine Suche nach Anerkennung durch eine "Vater-Figur" - das alles hätte er auch abgekoppelt, unabhängig vom Krieg erleben können, das war so nachfühlbar. Ganz besonders schön die Bilder von ihm als er allein auf dem Dachboden steht und die Licht- und Schattenspiele beobachtet, die die Sonne durch die Dachsparren fallen läßt.


Martin Zopick

Kriegsende 1945: Acht russische Soldaten werden von 80 deutschen eingekesselt. Sie belauern sich in dieser Patt-Situation. Zwischen den Fronten agiert Peter (Pawel Wenzel). Er dolmetscht, meldet. und kämpft vor allem für seine etwas ältere Freundin Anna (Angelina Häntsch). Doch er ist noch kein richtiger Mann. Seine Übersetzungen grenzen an die von ‘Das Leben ist schön‘. Erstaunlich gute Einstellungen (Sonnenstrahlen durchs Dach) erleichtern optisch die tragische Lage der beiden Parteien. Doch dann entwickelt sich der Film zu einer Antikriegs-Parabel: die Fronten werden aufgeweicht, Russen kämpfen gegen Russen, die feindlichen Deutschen mittendrin. Das geht ohne Ton, nur mit Musik. Zahllose Tote von allen Parteien liegen umher. Alle zahlen diesen Blutzoll. Sinnlos. Die Kamera streicht über Lebende und Tote, manche erkennt man wieder, manche nicht. Es gibt keine Sieger, keine Verlierer. Ein dumpf, deprimierender Schluss, ohne Kommentar, ohne O-Ton und irgendwie offen.
Die Sinnlosigkeit des Krieges wird deutlich, das Sterben wegen Nichtigkeiten, Geilheit, oder verletztem Stolz. Hier wird von der Hochrechnung der großen Strategien auf das Individuum, das dafür mit seinem Leben bezahlt, runtertransformiert und das manchmal ohne es zu wollen zum Helden wird, wie Hauptmann Kalmykov (Aleksey Guskov). Vier Tage sind eine kleine Zeitspanne, die für den Einzelnen die Welt verändert haben.






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