4 Schlüssel

1966 – Papas Kino bebt (9): Fast wie ein norddeutscher Jean-Pierre Melville. Mit einem elegant inszenierten Hamburg-Krimi über einen geplanten Banküberfall bringt Jürgen Roland internationale Eleganz ins deutsche Genrekino.

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4 Schlüssel beginnt, wie viele Krimis, mit einem Toten. Ungewöhnlich ist jedoch, dass es weniger darum geht, die Identität des Mörders zu enthüllen als die des Opfers. Die Beerdigungsfeier, die den Auftakt bildet, wird dementsprechend als eine Abfolge verwehrter Blicke inszeniert. Die Kamera (Richard Schüler und Wolfgang Treu) vermittelt dabei keine Allwissenheit, sondern reiht Details mit nur begrenztem Informationsgehalt aneinander: gefaltete Hände, wippende Schuhe, starre Hinterköpfe und ein Trauerkranz, dessen Aufschrift aber so allgemein gehalten ist, dass er nicht viel verrät. Dazu ein kräftig onkelndes Voice-over, das in die Handlung einführt und eine Prise bundesdeutscher Piefigkeit versprüht. Doch all das ist bald nicht mehr relevant, denn schon kurz darauf verstummt nicht nur die Stimme aus dem Off, auch die Frage nach Täter und Opfer wird zweitrangig. Was von nun an im Rampenlicht steht, ist nicht der kurze Thrill solcher Enthüllungen, sondern eine konzentrierte Genre-Erzählung, der man gespannt dabei zusehen kann, wie sie sich sorgfältig und kunstvoll entfaltet.

Gefangen in einer spießbürgerlichen Parallelwelt

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Wie elegant die Inszenierung des auf einem Kriminalroman von Max Pierre Schaeffer basierenden 4 Schlüssel ist, offenbart sich bereits wenig später. Da genügen Regisseur Jürgen Roland einige Minuten – genauer gesagt, der anbrechende Feierabend in einer stattlichen Hamburger Bank –, um beiläufig einen Großteil der Nebenfiguren des Films einzuführen. Doch bevor es zu den diversen pay offs kommt, interessiert uns vor allem der würdevoll autoritäre Bankdirektor Rose (Walter Rilla), der in seiner Villa von einer ausgefuchsten Verbrecherbande festgehalten wird – keinen schmierigen Unterwelt-Typen, sondern gewissermaßen deren vornehmer und umsichtig handelnder Konkurrenz: Mastermind Alexander Ford (Günther Ungeheuer, der seinem schönen Nachnamen hier mit dämonischem Charme alle Ehre macht) sowie seiner Entourage, unter der sich etwa ein ungestümer Jungspund (Jürgen Draeger, späterer Maler, Freund von Helga Anders und Hans Dampf in allen Gassen) befindet oder eine biestige Wienerin (Silvana Sansoni), deren biederer Trachtenhut in Missklang zu ihrem mädchenhaften Gesicht steht. Ziel der Bande ist es, jene vier Schlüssel zu bekommen, mit denen sich der der Haupttresor der Bank öffnen lässt. Doch dafür müssen erst einmal die vier Schlüsselträger gefunden werden, was Roland zum willkommenen Anlass nimmt, um in die unterschiedlichsten Ecken Hamburgs auszuschwirren.

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Wie der Film mit seinen Schauplätzen arbeitet, ist beeindruckend. Handlung und Stadt scheinen untrennbar miteinander verzahnt zu sein. Mal nutzt Roland die charakteristische Atmosphäre der Stadt als Kulisse – das hanseatische Flair des Alsterpavillons oder das hektische Treiben auf der Pferderennbahn Bahrenfeld –, dann dienen die Besonderheiten der Schauplätze wieder ganz dem Plot. So ermöglichen es etwa erst die Gezeiten, eine verloren geglaubte Schmuckkassette in der Speicherstadt wiederzufinden. Doch diese Funktionalität kommt manchmal auch subtiler daher. Als Roses Tochter Silvia (Monika Peitsch) mit demselben Flieger wie die Rolling Stones ankommt, sehen wir aufgebracht kreischende Fans mit Transparenten und, natürlich, auch die Band selbst. Nicht nur aus heutiger Sicht wäre es ein großes Versäumnis gewesen, auf solche vermutlich spontan entstandenen Bilder zu verzichten. Doch Roland behandelt sie nicht nur als autonomes Ereignis, sondern setzt sie auch zur Figurenzeichnung ein. Silvia ist zwar jung, ja sogar eine Studentin, zugleich aber in einer spießbürgerlichen Parallelwelt gefangen. Als sie ihr Chauffeur auf den Trubel anspricht, macht sie nur eine abfällige Handbewegung, die auf die langen Haare der Musiker anspielt, und entgegnet: „Ah, Sie meinen diese Beatles.“

Eine panische Angst vor dem übermächtigen Chef

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Rose und seine Tochter, die schließlich zum Druckmittel für die Gangster wird, sind sorgenfreie, etwas weltfremde Großbürger, für die sich der Film letztlich nicht besonders interessiert. Sie repräsentieren jedoch ein Ideal von Wohlstand und wirtschaftlicher Macht, das wie ein Fixstern am Firmament der Stadt steht. Eine unterschwellige soziale Spannung zieht sich durch den gesamten Film – und schlägt sich nicht zuletzt darin nieder, dass am Rande der Geschichte gerade ein Wahlkampf zwischen CDU und SPD ausgetragen wird. Die „Bösen“ sind zwar keine wirklichen Underdogs, doch das Wirtschaftswunder ist nach eigenem Bekunden an ihnen vorübergezogen. Die interessantesten Figuren sind jedoch die Schlüsselträger, deren emotionale Verwundbarkeit eine dankbare Angriffsfläche für die Gangster bietet. Einer der Trägerinnen wird etwa ein Blind Date zum Verhängnis, einem anderen seine Spielsucht und wieder einem anderen seine Affäre mit Roses Sekretärin. Was sie vereint, ist ihre hysterische Geheimnistuerei, ihr innerer Zwang, die Fassade zu wahren, und ihre panische Angst, vor dem übermächtigen Chef schlecht dazustehen. Es mag sein, dass es sich dabei nur um das Zeugnis einer Zeit handelt, in der flache Hierarchien in der Arbeitswelt eher die Ausnahme als die Regel darstellten. Doch es prägt sich unweigerlich ein, wenn die angsterfülltesten Gesichter im Film nicht den Verbrechern, sondern dem Bankdirektor gelten.

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Thematisch steht 4 Schlüssel der Kolportage zwar durchaus nahe, setzt dafür aber überraschend wenig auf seine Schauwerte. Dass er sich in seinen Szenen ungewöhnlich viel Zeit lässt, wirkt manchmal ein wenig trocken, verleiht dem Film aber auch eine faszinierende internationale Eleganz. Mitunter wirkt Roland gar wie ein norddeutscher Verwandter des Genre-Stilisten Jean-Pierre Melville. Bei Roland wird zwar deutlich mehr geredet, doch die Ruhe und Klarheit in der Erzählung, das reduzierte Ausdrucksrepertoire einiger Figuren und das präzise Ausmessen von Räumen finden sich auch bei dem französischen Regisseur. Dieser Vergleich soll Roland nicht als Epigonen ausweisen – er soll nur zeigen, dass man im deutschen Genre-Kino der 1960er Jahre nicht unbedingt mit einem solchen Formwillen gerechnet hätte.

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