4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

Im diesjährigen Gewinner der Goldenen Palme versuchen zwei junge Frauen unter dem sozialistischen Ceauşescu -Regime eine Abtreibung durchzuführen.

4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

Sieht man sich einmal die Liste der Preisträger der Goldenen Palme von Cannes aus den letzten zwanzig Jahren an, liest sie sich wie ein Who’s Who international renommierter Regisseure. Umso überraschender ging die goldene Palme in diesem Jahr an einen weitgehend unbekannten und unetablierten Filmemacher. Gelungen ist dies dem Rumänen Cristian Mungiu mit seinem zweiten Spielfilm 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage (4 luni, 3 saptamani 2 zile). Ob man mit dieser Entscheidung ein Zeichen für den aufstrebenden osteuropäischen Film setzen wollte, - Mungiu befand sich auch unter den Regisseuren des osteuropäischen Kompilationsfilms Lost and Found (2005) -, ist bei näherer Betrachtung des Films unerheblich. Denn egal ob der Film wegen seinem Thema oder Herkunftsland ausgewählt wurde, besitzt er darüber hinaus ganz eigene Qualitäten.

Mungiu erzählt von den beiden Studentinnen Otilia (Anamaria Marinca) und Gabita (Laura Vasiliu) im sozialistischen Rumänien der späten achtziger Jahre. Nachdem Gabita ungewollt schwanger geworden ist, versucht sie mit Hilfe von Otilia eine unter Ceauşescu schwer geahndete Abtreibung durchzuführen.

4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

Mit einer fast dokumentarischen Beschreibung des Alltags in einem Studentenwohnheim integriert 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage den Zuschauer innerhalb weniger Minuten in die filmische Welt und weckt das Interesse für das Vorhaben der beiden Frauen. Schnell wird klar, dass es sich hier um keinen beliebigen Tag handelt. Immer wieder redet Otilia der labilen Gabita Mut zu und versichert ihr, dass der Plan funktionieren wird. Wer den Film ohne Kenntnis der Handlung sieht, wird noch eine ganze Weile darüber im Unklaren bleiben, um was für einen Plan es sich hier eigentlich handelt. Die Tragweite des Vorhabens wird spätestens dann deutlich, wenn Otilia nicht einmal ihren Freund Adi (Alexandru Potocean) einweiht und unter einem Vorwand ein Hotelzimmer bucht.

Die eigentliche Geschichte des Films ist schnell erzählt, Mungiu geht es ohnehin vor allem um eine psychologisch detaillierte Beschreibung der Vorgänge. Mit nur wenigen Schauplätzen und einem zeitlichen Rahmen, der sich über einen Tag erstreckt, entwickelt sich die dichte Atmosphäre des Films vor allem über eine nur selten von Ellipsen durchbrochene Wahrnehmung von Abläufen in Echtzeit. Am fesselndsten wirkt diese kammerspielartige Vorgehensweise in zwei längeren Szenen, die mit reduzierten filmischen Mitteln die Aufmerksamkeit ganz auf Schauspieler und Dialoge lenken. Als sich die beiden Frauen mit dem Abtreibungsarzt Bebe (Vlad Ivanov) in einem Hotelzimmer treffen, entspinnt sich ein beinahe halbstündiges dramaturgisch ausgefeiltes Wortgefecht, bei dem sich Bebe schnell als arroganter Widerling entpuppt, der die beiden Frauen einschüchtert und schließlich als Gegenleistung für die Abtreibung Sex mit Otilia fordert. Ohne seiner Protagonistin eine Verschnaufpause zu gönnen, muss Otilia direkt nach diesem Erlebnis zum Geburtstag von Adis Mutter, wo sie völlig teilnahmslos zwischen einer wohlhabenden Feiergesellschaft sitzt.

4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

Mungiu zeichnet ein Bild junger Frauen, die sich ständig behaupten müssen. In der Szene mit Bebe wird der Kontrast zwischen der naiven und unbeholfenen Gabita, die ihre Probleme auf die beste Freundin abwälzt, und der weitaus kämpferischeren Otilia deutlich, die ohnehin die eigentliche Heldin des Films ist. Stets muss sie um Anerkennung kämpfen. Sei es im Streitgespräch mit Bebe, auf der Geburtstagsparty von Adis Mutter, wo sie sich von den älteren Gästen belehren lassen muss oder im Gespräch mit ihrem Freund, der sich weigert Kondome zu benutzen, aber keine Verantwortung für die Folgen tragen will.

Neben der Behandlung der Rolle junger Frauen unter Ceauşescu schafft es 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage vor allem auf unaufdringliche Weise dem Zuschauer die repressive Stimmung des Staates zu vermitteln. Anstatt die Gefahr für die beiden Frauen durch bestimmte Personen zu konkretisieren, bleibt die Bedrohung des Staates unsichtbar und zeigt sich auf subtile Weise, etwa wenn Otilia sich auf der Straße immer wieder ängstlich umblickt. Gerade diese unscheinbare Art, ein politisches Regime spürbar zu machen, ohne es mit Hilfe von Plattitüden zu zeigen, macht den Film zu einer Besonderheit.

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Kommentare


Martin Z.

Der 1. Teil ist der Ausgangspunkt der Handlung: zwei Freundinnen haben eine Abtreibung in einem Hotelzimmer arrangiert. Die eine, die Leidtragende, die andere, Otilia, die Aktivere. Hier ziehen uns die unheimlich langen, wortlosen Szenen mit hinein in das Geschehen und setzten erste Denkanstösse.
Im 2. Teil läuft das Kontrastprogramm: eine Familienfeier. Alles quatscht sinnfrei durcheinander, singt und säuft. Mittendrin die schweigende Otilia. Der Zuschauer wird gezwungen zu erkennen, was ihr durch den Kopf geht, während die Worte an ihr vorbeirauschen - alles, nur nicht wie man Kartoffelpuré macht.
Dann im 3. Teil kommt die Auseinandersetzung mit ihrem Freund. Hier werden wenn auch nur hypothetisch die unterschiedlichsten Ansichten hinsichtlich einer möglichen Abtreibung bei ihnen deutlich und damit wächst die Distanz zwischen ihnen. Es entsteht eine Atmosphäre der klaustrophobischen Angst, besonders bei der Entsorgung des Fötus: es ist Nacht, man fühlt sich beobachtet, die Kamera ganz dicht dran, wackelt hinterher. Und wenn man dann noch die die Situation unter Chaucescu mit seiner Securitate im Hinterkopf hat, wächst sich das zu einem menschlichen Albtraum aus.






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