39,90

Werber sind koksende Hedonisten ohne Rückgrat, und wir sind alle käuflich. Jan Kounens Adaption des französischen Bestseller-Romans von Frédéric Beigbeder bleibt der Botschaft ihrer Vorlage treu.

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Octave Parango (Jean Dujardin) hat eine weiße Ratte in seinem Pariser Büro, die er liebevoll füttert. Während er mit seinem Kollegen Charlie (Jocelyn Quivrin) Ideen-Ping-Pong für einen neuen Werbeslogan spielt, strampelt die sich im Hintergrund in ihrem Laufrad ab. Pardon, „Slogan“ ist ja „total has been“, wie Frédéric Beigbeder in seiner Insider-Abrechnung mit der Werbewelt aufklärt. „Die Texter, die am meisten von sich halten“ und damit einer Gehaltserhöhung näherrücken, sagen heute „Claim“, „warum auch immer“.

Beigbeders Alter Ego Octave möchte allerdings keinen höheren Lohn, sondern Arbeitslosengeld kassieren und setzt folglich alles daran, gekündigt zu werden. Buchstäblich zum Kotzen bringen ihn zynische Vorgesetzte und rassistische Kunden, die eigene Unterwürfigkeit und Abstumpfung. Also lernen wir unseren angewiderten Protagonisten kennen, wie er nach einer durchkoksten Nacht und dem morgendlichen Blick in den Spiegel seinen Mageninhalt auf eine nackte Partymaus entleert. Seine schwangere Freundin (Vahina Giocante) hat ihn verlassen und amüsiert sich jetzt in schicken Hotelbetten mit seinem Chef, während er in seiner versifften, aber immerhin perfekt designten Wohnung zu Pornos masturbiert und der großen Liebe nachtrauert. Und weil der Kapitalismus und die Medien Schuld am persönlichen Totalschaden des selbsternannten „Weltverschmutzers“ sind, beschließt Octave, es seiner Branche mit einem ganz speziellen Joghurt-Fernsehspot heimzuzahlen.

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Ratten- und Kotz-Metaphorik entstammen zwar nicht Beigbeders Buch, ihre wenig originelle Eindeutigkeit wird aber durchaus dem literarischen Brachialton des Autors und ehemaligen Topwerbers gerecht. Gleichzeitig kennzeichnen sie die selten subtile Handschrift des gebürtigen Niederländers Jan Kounen, dessen Anfänge als Werberegisseur in 39,90 (99 francs) wie in den meisten seiner frühen Werke unverkennbar sind. In Kounens Kurzfilmen und dem ersten Langfilm Dobermann (1997) dominiert die teils fantasievolle, aber vor allem angestrengt durchgestylte Verpackung. Die unbedingt hippe Form schlägt in vielen Sequenzen den Inhalt mit einem grellen und hektischen Effektspektakel k.o. und mündet vorzugsweise in einem finalen ästhetischen Amoklauf.

Einen deutlich entspannteren Erzählrhythmus weist der psychedelische Western Blueberry und der Fluch der Dämonen (Blueberry, 2004) auf. Manche postgartengleiche Landschaftstotale wirkt jedoch so, als würde gleich der Marlboro-Mann durchs Bild galoppieren. Der Werbeästhet Kounen ist demnach die stimmige Besetzung für die Adaption von Beigbeders Roman. Den konnte sein Verfasser äußerst medienwirksam und lukrativ als angeblichen Skandal verkaufen, obwohl er darin lediglich Klischees zu Karikaturen verzerrt und mit einer Prise Provokation würzt, indem er die Marketingstrategien des Chefs eines Milchprodukt-Konzerns namens „Madone“ mit der Propaganda des „Dritten Reichs“ vergleicht – „Danone“ war not amused.

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Kounens aggressiver Stil passt perfekt zu 39,90. Der Regisseur kann sich mit tricktechnischen Spielereien und dramatischen Kamerafahrten, exzessiv eingesetzten Großaufnahmen und Einstellungen aus der Froschperspektive, (Alb-)Traum-, Drogenrausch- und Animationsszenen sowie mit Verweisen auf Fight Club (1999) und 2001: Odyssee im Weltraum (2001: A Space Odyssey, 1968) wunderbar austoben. Dazu ertönt wechselweise Techno oder Klassik, die Melodien von Spiel mir das Lied vom Tod (C’era una volta il West, 1968) und In the Mood for Love (Fa yeung nin wa, 2000). Kounens überdrehte Satire ist Werbespot und Videoclip, Referenzhagel und Sinnenattacke. Wir erledigen den Feind mit seinen eigenen Waffen, scheint hier die Ansage zu lauten oder eher zu kreischen.

Das Problem ist nur, dass der Zuschauer dabei mit auf der Strecke bleibt. Kounens rauschhafter Ästhetik-Overkill bringt hier und da ein paar hübsche Ideen hervor, ernüchtert aber auf Dauer und ist ähnlich komplex und stimulierend wie eine Joghurt-Reklame. Der Hauptdarsteller Jean Dujardin mimt das charismatische Ekel sehr überzeugend, kann aber auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es dem Film wie schon dem Buch an einer einnehmenden Geschichte mangelt und an Charakteren, die mehr als Stereotypen sind.

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Sowohl Humor als auch Bildsprache orientieren sich zu stark am Abgegriffenen und Naheliegenden: Der verwöhnte Stadtmensch Octave steigt (vielleicht) aus der allgegenwärtigen Diktatur des Konsums aus und haust als Robinson-Crusoe-Verschnitt auf einer einsamen Insel, wo er mit Lendenschutz und selbst gebasteltem Speer wilde Tiere erlegen will, aber bereits durch einen winzigen Mückenstich zur Memme mutiert; der Antiheld versinkt immer tiefer in seiner Kokainsucht, und der Regisseur lässt eine gewaltige Schneelawine heraneilen.

Überraschen oder gar schockieren kann 39,90 erst recht nicht. Auch nicht mit dem Nachsatz, dass jährlich 500 Milliarden US-Dollar für Kommunikationsmittel ausgegeben werden und zehn Prozent davon reichen würden, um den Welthunger zu stoppen. Dafür hätte er eine Branche ins Visier nehmen müssen, die überhaupt noch ein sauberes Image zu verlieren hat.

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