37 Uses for a Dead Sheep

Alles andere als eine trockene Geschichtsstunde stellt 37 Uses for a Dead Sheep dar, eine Dokumentation über die Völkerwanderung der Pamir-Kirgisen, die erst in den 80er Jahren ihren Endpunkt fand.

37 Uses for a Dead Sheep

Die Geschichte der Pamir-Kirgisen ist die eines Exodus’ „biblischen“ Ausmaßes, der sich von der Gebirgsregion im russischen Teil des heutigen Kirgisistan über China, Afghanistan, Pakistan und der Türkei vollzog. Diese Völkerwanderung fand innerhalb weniger Jahrzehnte im 20. Jahrhundert statt. So folgte nach Kämpfen mit der roten Armee, die eine Eingliederung in das Sowjetsystem forcierte, 1926 der Auszug auf Eseln aus der Region und endete 1982, als die Pamir-Kirgisen mit einer Passagiermaschine in die Türkei einflogen, um in Ulupamir, einem eigens für sie errichteten Dorf, ihr endgültiges Domizil zu beziehen.

Der Spiel- und Dokumentarfilmregisseur Ben Hopkins nähert sich dieser faszinierenden Geschichte, die, wenn auch fernab der beiden Weltkriege angesiedelt, dennoch ganz im Zeichen der Wirren des 20. Jahrhunderts steht, mit einer Collage aus nachgestellten Spielszenen und Interviews an. Hopkins ist dabei stets bemüht, dem ethnografischen Porträt den Lehrfilmscharakter zu entziehen, in dem er die Bewohner Ulupamirs aktiv an der Entstehung von 37 Uses for a Dead Sheep beteiligt. So trug etwa die konzeptionelle Zusammenarbeit mit Ekber Kutlu, einem Bildhauer in Ulupamir, dazu bei, dass die Dokumentation über weite Strecken mehr einem kulturellen Selbstporträt, denn einer ethnologischen Studie gleicht. Auch im Gespräch mit Hopkins übernehmen die mitteilungsfreudigen Dorfbewohner immer wieder die Leitung, indem sie Themen vorgeben und genau zu wissen scheinen, was sie von sich selbst preisgeben möchten und was nicht.

37 Uses for a Dead Sheep

Die Sichtbarmachung der filmischen Konstruktion ist Hopkins’ erklärtes Anliegen. So legt der Regisseur gleich zu Beginn aus dem Off die Vorgehensweise des Projekts dar, wie er auch im Verlauf des Films unerwartete Entwicklungen bei den Dreharbeiten kommentiert. Hopkins’ Kombination von der historischen Aufarbeitung durch Spielszenen mit der Einstreuung eines begleitenden Making Ofs zur Entstehung dieser Reenactments ist bei der selbstreflexiven Herangehensweise nur konsequent. Er erreicht durch diese Transparenz, dass das Bewusstsein um den subjektiven Standpunkt des Filmemachers beim Zuschauer bestärkt wird und thematisiert damit einen grundlegenden Konflikt in Dokumentarfilmen: den Anschein von Faktizität im Mantel eines höchst artifiziellen Mediums.

37 Uses for a Dead Sheep profitiert vor allem vom Humor der Pamir-Kirgisen, der sich vor der Kamera immer wieder bemerkbar macht. So gelingt es dem Film durch die geschickte Einbettung der Interviewszenen in den geschichtlichen Kontext, fast beiläufig, die Skizzierung der historischen Ereignisse mit einer menschlichen Dimension zu versehen.

 

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