360

Zwischen Kaiserpanorama und Kaufhaustür: Fernando Meirelles erliegt dem Koller des Größenwahns und macht einen marginalen Film.

360 06

In 360 kommt die Struktur zuerst, dann der Gehalt. Der Titel macht es klar, der Film buchstabiert es aus, 360 Grad also, der perfekte Kreis, eine Rotation des Lebens. Die Botschaft ist von Beginn an klar, kleidet sich im Gewand mal des Schicksals, mal des Zufalls: Unser aller Leben auf dieser einen Erde sind verbunden, auf allen Ebenen, zu jedem Zeitpunkt, und alles bleibt sich letztlich auf ewig gleich. Das war immer so (seit alters her garantiert von oben), das ist so (Internet und Infrastruktur sei dank), und das wird stets so sein (denn wir alle suchen letztlich immer nach dem einen: der Liebe).

360 04

So kommt Meirelles transkontinentaler Sightseeingtrip von Anfang an totalitär daher, die Konklusion eilt den Prämissen voraus. Der Film ist eine selbsterfüllende Prophezeiung, Auskleidung seiner grundsätzlichen These. Peter Morgans Drehbuch folgt einer slowakischen Hure (Lucia Sisposová) nach Wien, ihrem Freier (Jude Law) von dort nach London, mit Abstecher bei einem romantisch verwirrten Zahnarzt in Paris (Jamel Debbouze), dann, jenseits des Atlantiks, schickt er noch schnell Anthony Hopkins auf die Suche nach der Leiche seiner Tochter, schließt einen frisch entlassenen Sexualstraftäter (Ben Foster) mit einer liebeshungrigen Brasilianerin (Maria Flor) in einem Hotelzimmer ein, während daheim in London ihr Exfreund (Juliano Cazarré) gepeinigt wird von seiner Sehnsucht nach der hübschen Ehefrau (Rachel Weisz) des anfangs erwähnten Jude Law ...

360 05

360 bebildert das Marketingkonzept und den Mythos von Facebook. Daran ändert nichts, dass sich der Film als lose Adaption von Arthur Schnitzlers Reigen ausgibt: Hier geht es um eine zeitgenössische, technisch induzierte Verbundenheit. Man kennt das ja, über sechs Ecken sind wir alle mit allen befreundet. Doch je größer des Netz, desto weiter die Maschen. Und je totaler die Vision, desto frappierender die Auslassungen. Denn schnell wird klar, wer an Meirelles’ Liebesreigen partizipieren darf und wer nicht. Man braucht schon die notwendigen Gadgets von Apple, um wirklich stilvoll an der geheuchelten Verbundenheit unserer Zeit zu leiden, das nötige Kleingeld, um die Flieger nach Übersee zu besteigen, die Geliebte im Taxi zu verfolgen, die hübscheste Hure aufs Hotelzimmer zu bestellen. Diese Voraussetzungen sind am ehesten im europäisch-nordamerikanischen Raum erfüllt, und so bleibt der Brasilianer Meirelles auch genau dort. Asien, Afrika, Südamerika, die Milliarden technisch und finanziell Abgeschlagenen der Welt: Sie leben ihr Leben in Isolation, sind disconnected von der großen Kreisbewegung der romantischen Suche. Ach ja, und Schwule und Lesben ebenso: Die globale Liebe bleibt heteronormativ.

360 01

Diese Einschränkungsbedingungen grenzen Meirelles auf konzeptueller Ebene scharf von seinen Vorläufern und eindeutigen Inspirationsquellen ab, sei es der Iñárritu von Babel (2006) oder der Seidl von Import Export (2007). Die luden, bei aller Unterschiedlichkeit in Qualität und Techniken, ihre nicht minder strukturalistisch angelegten Filme mit klarer Kritik an den Ausbeutungszusammenhängen auf, die unsere Leben überhaupt erst in solch heillose Verstrickungen bringen.

Man sollte dabei nicht verschweigen, dass Meirelles seine inszenatorischen Fähigkeiten, vor allem seine sichere Hand bei aufeinanderprallenden Einstellungsfolgen und kontrapunktischen Sound-Bild-Montagen, hier mit teils beeindruckenden Ergebnissen zum Einsatz bringt. Das elliptische, willkürliche Element der hanebüchen zusammengeklebten Narration doppelt er effektiv auf der formalen Ebene. Seine Bilder sind Oberflächenreliefs, voller Spiegel, halbtransparenten Flächen, Flachbildschirmen und Smartphones, weiter zerstückelt durch Splitscreenmontagen und ineinander geschobene Bildfragmente.

360 10

Editor Daniele Rezende hat eine beachtliche Arbeit geleistet, und für Freunde gut und eigenständig geschnittener Filme ist 360 trotz seiner grundsätzlichen Widerwärtigkeit eine kleine Offenbarung. Es ist ein Montagefilm, ein Film der Konjunktionen und Scharniere, bei dem jeder Schnitt ein „während“, ein „weil“, ein „dennoch“, ein „oder“ bezeichnet, ein Film der offenen Brüche, der hastig vernähten Wunden und der rhythmischen Modulationen.

360 02

Aber sich durch die glänzende technische Feinarbeit von einer wesenhaft schlechten Grundidee ablenken zu lassen, darin liegt die Gefahr dieses Films. Denn während sich die ständig wandelnden Oberflächen genussvoll über unsere Augen ergießen und der Blick ins Gleiten kommt, vergisst man schnell, was für ein Blick hier überhaupt etabliert wird. Es ist der unmögliche, unmenschliche und in seinem informatorischen Overload letztlich sinnentleerte Blick von Nirgendwo, der sich von den Menschen abzulösen und auf irgendwelche unsichtbaren Strukturen zu richten trachtet. Denn die Protagonisten ahnen natürlich nichts von den zwischen ihnen gewobenen Banden, und es würde ihnen auch nichts bringen, wenn es so wäre. Und ebenso weiß ich als Zuschauer, dass die Haltung des Filmes nichts mit meiner Verfasstheit in der Welt zu tun hat und diese auch nicht maßgeblich beeinflussen wird. So ist 360 nicht mehr als ein hübsch bebilderter Ausflug durch die wohlhabenden Teile der Welt, mit Menschen, Orten und Gefühlen als Material, halb Kaiserpanorama, halb Kaufhaustür, immer mit einem Fuß in der Position des Allüberwachers und mit dem anderen in der Elektronikabteilung. 

 

Trailer zu „360“


Trailer ansehen (2)

Kommentare


sk

M.E. eine extrem präzise Kritik. Und eigentlich ist mit dem Teaser alles gesagt. Trotz allen Talents des Regisseurs, das immer wieder aufblitzt, einfach kein sehenswerter Film.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.