35 Rum

Das schmerzliche Loslassen eines allein erziehenden Vaters von seiner erwachsen gewordenen Tochter erzählt die französische Regisseurin Claire Denis in leisen und poetischen Bildern.

35 Rum

„Danke, lieber Gott, für alles, was die Natur uns geschenkt hat“, singt eine Radiostimme im ersten Teil des Films. Was die Kamera jedoch bis dahin gezeigt hat – und im weiteren Verlauf mit Ausnahme einer einzigen Szene zeigen wird –, hat mit der Natur reichlich wenig zu tun: Gleise, Hochspannungsleitungen, Nahverkehrszüge, Tunnel, Hochhäuser des sozialen Wohnungsbaus. Bei einem anderen Regisseur wäre diese Liedzeile schnell zum zynischen Kommentar über die elenden Lebensbedingungen der Pariser Unterschichten geworden. Bei Claire Denis hingegen bleibt dieser musikalische Moment, bleibt der gesamte Film in all seiner Sozialkritik poetisch.

35 Rum

Ein bescheidenes Dasein führt der U-Bahn-Fahrer Lionel (Alex Descas). Sein Lebensglück ist seine Tochter Joséphine (Mati Diop), die er alleine großgezogen hat und mit der er eine Wohnung in einem tristen Pariser Vorstadthochhaus teilt. In ihren alltäglichen Gesten sind die beiden ein eingespieltes Team, in ihrer tiefen gegenseitigen Zuneigung eine Geborgenheit stiftende Familie für den jeweils anderen. Doch Lionel und Joséphine spüren, dass sie ihre Zweisamkeit bald aufgeben werden, weil die Tochter flügge wird und der Vater sie in die Selbständigkeit entlassen muss. Auch andere Figuren in ihrem Umfeld müssen im Laufe des Films lernen, loszulassen: Die Taxifahrerin Gabrielle (Nicole Dogué), die gerne den Platz der Mutter in dieser Familie eingenommen hätte, ringt mit ihrer unerwiderten Liebe zu Lionel. Der junge Nachbar Noé (Grégoire Colin) vereinsamt in den vererbten Möbeln seiner verstorbenen Eltern, anstatt sich von seiner Vergangenheit zu trennen und einen neuen Lebensabschnitt zu wagen. Und Lionels pensioniertem Arbeitskollegen René (Julieth Mars-Toussaint) macht das Ende seines wenig geliebten Berufslebens zu schaffen.

35 Rum

Die männlichen Hauptrollen hat Claire Denis mit zwei „üblichen Verdächtigen“ besetzt, die bereits in früheren Filmen mit ihr zusammengearbeitet haben. Nach Nénette et Boni (1996), Der Fremdenlegionär (Beau Travail, 1999), Vendredi Soir (2002) und Der Eindringling (L’intrus, 2004) spielt der beeindruckende Grégoire Colin auch in 35 Rum eine der Hauptrollen. Im großartigen Schauspielerensemble sticht jedoch vor allem das intensive und doch unaufdringliche Spiel von Alex Descas hervor, der mit einer minimalistischen Gesichtsmimik das ganze emotionale Dilemma des Vaters zum Ausdruck bringt. Die Gesichter der Schauspieler und die urbane Kulisse filmt Agnès Godard in ruhigen Bildern, die atmosphärisch von einer träumerischen Musik gestützt werden. Godard ist übrigens eine weitere treue Filmpartnerin von Denis, die die Kamera auch in allen anderen ihrer Kinowerke verantwortete.

35 Rum

Claire Denis’ große Kunst liegt aber in der Methode des Weglassens. Vieles in den Beziehungen der Figuren wird nur in kleinen visuellen Details angedeutet und erst recht nicht durch die Dialoge verbalisiert. Die elliptische Erzählweise zeigt die Momente vor und nach den wichtigen Entscheidungen und Handlungen der Figuren, wenn sich die emotionale Bedeutung dieser Situationen in ihren Gesichtern niederschlägt: Man könnte sagen, Denis’ filmischer Stil verzichtet auf das Epische zugunsten des Poetischen.

Unaufgeregt und geradezu en passant übt 35 Rum auch Kritik an den sozialen Missständen. Fast alle Figuren, ob im Hochhausviertel oder unter Lionels Arbeitskollegen, sind dunkler Hautfarbe. Ihr Leben ist hart und ihre Entwicklungsmöglichkeiten sind, darauf spielt ein Dialog zwischen Lionel und René an, gesellschaftlich stark begrenzt. Kommentiert wird die Kondition dieser französischen Unterschicht durch die Theorie eines schwarzen Kolonialismuskritikers und eines Vertreters des IWF, mit der Joséphine und ihre Kommilitonen in einer Unterrichtsstunde ihre rhetorischen Fähigkeiten schärfen.

35 Rum

Dabei vermeidet 35 Rum jedoch jegliches Klischee vom Elend einer bemitleidenswerten Unterschicht. Vielmehr zeigt der Film auf wohltuende Weise, dass auch in einem schwierigen Lebensumfeld emotionale Bindungen und Verbindlichkeiten existieren und Dankbarkeit entstehen kann. Trotz aller sozialen Härten des Alltags gesteht er seinen Figuren ein würdiges und liebevolles Leben zu. „Eigentlich gibt es hier alles. Warum woanders danach suchen?“, fragt sich Lionel. Das ist sicher nicht als Liebeserklärung an die triste Aussicht aus seinem Wohnzimmerfenster gemeint. Aber es ist die erhebende Erkenntnis des kleinen Glücks im eigenen Leben.

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Kommentare


Martin Z.

Regisseurin Claire Denis hat schon öfter den Alltag von farbigen Immigranten in Frankreich thematisiert. Es sind die kleinen und großen Dramen der ’kleinen Leute’, die sie interessieren. Hier geht es um eine innige Vater-Tochter Beziehung (Lionel und Josephine), die sehr einfühlsam und mit wenigen Worten geschildert wird. Hier gibt es jede Menge Gesten, die genauso viel Aussagekraft besitzen wie Worte: eine Umarmung, ein Händedruck, ein Blickkontakt. Und weil die Figuren so schweigsam sind, erfahren wir auch nicht im Voraus, was sie vorhaben. Die langen Einstellungen überbrücken die Lücken in der Handlungsführung. Man braucht sie allerdings, um sich zurecht zu finden, die handelnden Personen und die örtlichen Gegebenheiten einzuordnen. Oder Szenen werden ohne die Antwort auf eine Frage abzuwarten, plötzlich abgebrochen. Lionel verschwindet nach dem Tanz in einer Bar. Jeder weiß, wie er die Nacht verbringt. Gegen Ende werden die Handlungstupfer immer häufiger, immer öfter werden wir zu gedanklichen Kombinationen gezwungen: eine Frau (die einzige Weiße!), die über die Familie philosophiert, ein Grab, Josephine in weiß etc.
Man muss sich viel Zeit nehmen. Lange Zugfahrten verdeutlichen Lionels Job. Und wenn das Motorrad mal durch ein Pferd ersetzt wird, erinnert der Ritt vielleicht an die afrikanische Herkunft der Reiter?! Die ungewöhnliche Machart fällt aus dem Rahmen, ein Wink mit dem Arthouse-Zaunspfahl ist nicht zu übersehen, trotz des trinkfesten Titels. Selten, aber gut!






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