33 Szenen aus dem Leben
Überleben im Transitraum: Der Tod ihrer Eltern lässt die junge Julia innehalten. Von einem Moment auf den nächsten wird sie durch die Ereignisse von einer feiernden Jugendlichen zur erwachsenen Frau.
Julia lebt ein behütetes Leben in einer Künstlerfamilie in Polen. Ihre Mutter (Malgorzata Hajweska) ist Autorin von Kriminalromanen, ihr Vater (Andrzej Hudziak) ein angesehener Dokumentarfilmer, dessen Ruhm jedoch langsam verblasst. Auf den ersten Blick scheint sie in einer heilen Umgebung aufzuwachsen, doch die plötzliche Krebserkrankung der Mutter und ihr Dahinsiechen im Krankenhaus lässt alte Konflikte wieder aufbrechen. Nach dem Tod der Mutter und dem kurz darauf folgenden Tod des Vaters, verliert Julia ihre Haltepunkte im Leben. Die Familie ist zersplittert und die Ehe zu ihrem Mann Piotrek (Maciej Stuhr), die unter seiner ständigen arbeitsbedingten Abwesenheit leidet, droht ebenfalls zu zerbrechen. Auch in ihrer Arbeit, der Kunst, findet sie keine Zuflucht mehr. Nur Adrian (Peter Gantzler), der wortkarge Assistent der Familie, scheint Julia in allen Situationen zu begleiten und sie ohne große Worte zu verstehen.
Der Titel beschwört zwar Erinnerungen an Michael Hanekes 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls (1994) herauf, an einen Film also, dessen Titel die Form bestimmte. Die Assoziation führt hier aber in die Irre. Die 33 Szenen dieses Films werden nur in Einzelfällen durch einen tiefen Schnitt unterbrochen, durch ein Schwarzbild, das mit klassischer Orchestermusik unterlegt ist. Die Zeit, die hier elliptisch ausgeblendet wird, ist dabei kaum von Bedeutung, die Narration wird stringent fortgesetzt. Fast schon zu stringent, so dass man den Sinn dieser Abblendungen durchaus hinterfragen kann. Der Zuschauer sucht nach einer Aufteilung des Films, die nicht vorhanden ist. Der Titel erklärt sich vielmehr aus der Lebensgeschichte der Regisseurin, die selbst recht schnell hintereinander ihre Eltern verloren hat und an ihrem 33. Geburtstag begann, die Idee für den Film zu entwickeln. Das Ergebnis waren 33 Szenen, die stark und eindrucksvoll genug waren, einen Film zu tragen.
Ungewöhnlich ist der offene Umgang mit und die Bebilderung von Tod und Sterben in dieser deutsch-polnischen Koproduktion, in der Julia Jentsch nach Die Fetten Jahre sind vorbei (2004) und Sophie Scholl (2005) wieder in einer Hauptrolle brilliert. Ohne dass der Film sein Zentrum um diese Themen herum aufbauen will, scheinen sie doch nach den ersten dreißig Minuten den Plot und den Dialog zu bestimmen. Dabei rutscht 33 Szenen aus dem Leben aber nicht in eine simple Tragödie ab, sondern bricht diese Momente der Trauer und des Leids immer wieder. So als Julias Schwester beim Anblick der sterbenden Mutter das Krankenhaus verlassen will und die Fahrstuhltür sich nicht schließen möchte. Immer wieder geht sie vor der flehenden Julia auf, um erneut mittels Knopfdruck geschlossen zu werden und verzögert somit deren Flucht deutlich. Oder aber auch, als auf dem Friedhof der Sarg des Vaters in eine falsche Richtung gefahren wird und die Trauergemeinde kurz konsterniert inne hält. Diese Brüche werden im Zuge des Films schnell zum Grotesken, zum Unerwarteten, das zu einem Lachen verführt, das droht im Halse stecken zu bleiben. Diese Momente wirken weder aufgesetzt noch willkürlich, sondern schlicht natürlich und zuweilen auch erwartbar. Tod und Sterben werden hier als Bestandteile des Lebens normalisiert, die, wenn sie den Menschen auch auf eine Probe stellen, Teil des Ganzen sind. Zweifelsfrei bleiben die Bilder an manchen Stellen unerbittlich, so wenn wegen der Chemotherapie die Haare der Mutter in der Bürste hängen bleiben. Auf der anderen Seite aber auch nachsichtig: Die direkten Auswirkungen einer derartigen Therapie, das Übergeben, das Winden auf dem Bett, werden ausgeklammert.
Eine ähnliche Ausklammerung oder Ellipsenform mag man beim Dialog erwarten, und in der Tat scheint der Film aufzeigen zu wollen, dass hier eine gestörte, weil nicht vorhandene oder völlig in die falsche Richtung laufende Form der Kommunikation stattfindet: Der Mutter wird der Befund ihrer Krankheit nicht mitgeteilt, der Sohn der Familie spricht seit einem Jahr nicht mehr mit seinen Eltern, die erwachsene Tochter geht lieber, als die Aussprache zu suchen. Und auch Julia und ihr Mann können über die Probleme, die sie als Individuum bedrücken und die sie als Paar betreffen, nicht reden. Das Schweigen füllt die so entstehende Leerstelle. Dass Schweigen aber nicht heißt, nicht zu kommunizieren und keine funktionierende Beziehung zu haben, könnte die Affäre widerlegen, die Julia mit Adrian beginnt, der in vielen Sequenzen des Films wie ein stummer Beobachter der Szenerie einfach nur im Bild sitzt. Die bloße Anwesenheit ist die Verlässlichkeit, die Julia braucht. Es scheint jene Art von Beziehung zu sein, die keiner Worte bedarf und durch ein Zuviel derselben nur zerstört werden würde.
Szumowska präsentiert in diesem familiären Kammerspiel Bilder eines Landes, das dem Zuschauer noch deutlich aus Krzysztof Kieslowskis Dekalog (1989) in Erinnerung geblieben ist, auch wenn das Polen von 33 Szenen aus dem Leben meist mehr durch Räume, als durch Außenaufnahmen in Erscheinung tritt. Dunkle, ungastliche Zimmer, die schnell jene anfänglich warme und familiäre Atmosphäre des Films brechen. Als die Familie zu Beginn der Handlung noch bei einer abendlichen Runde zusammensitzt, über Vergangenheit und Zukunft spricht, schafft das Licht des Sonnenuntergangs und der aufgestellten Kerzen eine heimelige Stimmung. Mit Ausbruch der Krankheit wechseln diese Farbgebungen ins Dunkle. Wenn Licht die Szene beherrscht, handelt es sich meist um das grelle Neonlicht des Krankenhauses, das erhellt, aber nicht wärmt, oder um gebrochenes Licht, welches durch zugezogene Vorhänge in ein Zimmer fällt. Erst gegen Ende brechen erneut helle und warme Töne den Stil des Films, ohne aber darauf hinzudeuten, dass dies gleichzusetzen sei mit einem positiven Ausgang der Geschichte.
Der Film bleibt Fragment. Julia steht vor einem neuen Lebensabschnitt, der für sie – erneut, möchte man sagen – mit einer Reise beginnt. Wohin diese sie führt, bleibt dabei vollkommen offen: zurück zu ihrem Mann, zurück in das alte Leben oder zum Beginn von etwas völlig Neuem. Der Zuschauer möchte gar nicht spekulieren, wichtig ist nur, dass es weiter geht. Die Szene wird abgeblendet.
Filmkritik von Tobias Haupts
Veröffentlicht am 07.11.2008
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Film-Angaben
Titel: 33 Szenen aus dem Leben
Originaltitel: 33 sceny z zycia
Deutschland, Polen 2008
Laufzeit: 96 Minuten
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Regie: Malgoska Szumowska
Drehbuch: Malgoska Szumowska
Produktion: Raimond Goebel, Karl Baumgartner
Bildgestaltung: Michal Englert
Montage: Jacek Drosio
Musik: Pawel Mykietyn
Darsteller: Julia Jentsch, Rafal Mackowiak, Maciej Stuhr, Peter Gantzler, Malgorzata Hajweska, Iza Kuna
Kinostart: 13.11.2008
Copyright 33 Szenen aus dem Leben
Fotos: © Real Fiction
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