22nd of May

Post-mortem-Kino: Ein stilles, trauriges Mindgame Movie über die Verwüstungen, die ein Terroranschlag hinterlässt – in den Köpfen der Überlebenden und der Getöteten.

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In wenigen Tagen wird sich zum zehnten Mal der 11. September 2001 jähren, und neben Trauer und Gedenken an die Opfer der Terroranschläge, neben die Erinnerung an die überlebensgroßen Bilder, die diese produzierten und die sich in das kollektive Gedächtnis der Welt eingebrannt haben, wird auch das erneut zu singende Lied der Helden treten, die die Ereignisse dieses Tages hervorgebracht haben: die Feuerwehrleute New Yorks, die ihre eigenen Leben riskierten und opferten, um andere Leben zu retten. Wie aber könnte es denen ergehen, die dieses Opfer nicht über sich brachten, die angesichts der Gefahr die Flucht ergriffen, um – nur zu menschlich – das eigene Leben zu retten, die die Augen vor dem Schrecken um sie herum verschlossen?

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Diese Frage bildet, so könnte man mutmaßen, den Ausgangspunkt von 22 Mei (22. Mai), dem zweiten Spielfilm des belgischen Regisseurs Koen Mortier, der mit dessen etwas sehr provokationsverliebtem, aber immerhin durchweg individualistischem Debüt Ex Drummer (2007) höchstens den Hang zur extremen Stilisierung gemeinsam hat. Ansonsten wirkt 22 Mei, durchweg als stilles, trauriges Mindgame Movie inszeniert, fast wie ein Spiegelfilm zum lauten, punkig-rüpelhaften Vorgänger. Der größte Teil der zirkelhaft arrangierten Erzählung von 22 Mei nämlich spielt sich in leeren, gespenstisch anmutenden Seelenräumen ab, die der vor der Last seiner Verantwortung davongelaufene Wachmann Sam rastlos durchquert, nachdem ein Selbstmordattentäter sich selbst und etliche Besucher der ihm anvertrauten Shopping-Mall in die Luft sprengte, vor deren Nachbildern sich Sam nun zu rechtfertigen hat.

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In eine essenzielle Einsamkeit getaucht mutet jedes einzelne Bild von 22 Mei an, von der Melancholie des grundsätzlich immer schon zu spät Seienden durchtränkt. Strukturell an Duncan Jones’ jüngst sträflich unterbewerteten Source Code erinnernd, aber ohne den Trost von dessen unbedingt humanistischer, die Fesseln der Wirklichkeit mutig durchstoßender Öffnung auf ein unmögliches Happy End hin, gelingt es Mortier, sein hochkonstruiertes Plotkonstrukt mit einer schwebenden Leichtigkeit zu unterlegen, die das tieftraurige Los seiner Figuren nur noch nachdrücklicher spürbar macht. Hat man sich auf seinen eigentümlichen, jenseitigen Duktus erst einmal eingelassen, wird 22 Mei, mit jeder neuen Schleife seiner redundanten Erzählhaltung das Unvermeidliche, Unerklärliche, auch: Undarstellbare umkreisend, immer komplexer, immer tiefgreifender. Schade allerdings, dass Mortier hier das letzte Stück des Weges nicht mehr geht und seinem Attentäter ein handfestes, vielleicht politisches Motiv zugesteht, mit dem es sich dann auseinanderzusetzen gälte. Damit verpasst 22 Mei die Chance, den terroristischen Akt über seine Bedeutung als privatistische (soziopathische) Kriegserklärung an die Gesellschaft hinaus auch als soziales und politisches Phänomen der Gegenwart zu thematisieren.

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