Jahrhundertfrauen

Genderwahn olé: Mike Mills zerrt seine Kindheit in den 1970ern vor die Kamera und erinnert sich an die letzten Tage von Punk und feministischer Umerziehung.

20th Century Women 1

Wie zieht man einen pubertätsbedrohten Jungen ohne Vater groß? Und das auch noch in den frauenbewegten 1970ern, in der das mit der Männlichkeit ein bisschen komplizierter geworden ist? Fragt Mike Mills in seinem neuen Film Jahrhundertfrauen (20th Century Women). Dorothea (Annette Bening) kommt an ihren Sohn Jamie (Lucas Jade Zumann) nicht mehr so richtig ran, sucht Unterstützung aber nicht bei ihrem männlichen Mitbewohner William (Billy Crudup) (der zwar ein echter Heimwerker ist, aber als harmoniesüchtiger, ziemlich unspannender Hippie eher ungeeignet als Role Model), sondern bei Untermieterin Abbie (Greta Gerwig als lebensweiser Punkfan mit roten Haaren) und Nachbarin Julie (Elle Fanning), zugleich Jamies Sandkastenfreundin, die dem in sie verliebten 15-Jährigen reifetechnisch mittlerweile aber nahezu uneinholbar enteilt ist.

3 Women to raise a man: Klar wird Jamie tüchtig eins auf die Nase bekommen, wenn er nach der Lektüre von Our Bodies, Ourselves auf die Weiberprahlstorys seines Kumpels nicht angemessen halbstark reagiert, sondern auf die Tatsache hinweist, dass der weibliche Orgasmus mehr über Stimulierung der Klitoris als über Vaginalsex funktioniert – und in diesem Fall möglicherweise nur vorgetäuscht war. Zu Hause muss die obligatorische Mutterfrage beim Verarzten: „Worüber habt ihr euch denn gestritten?“, gar nicht erst beantwortet werden, um ziemlich lustig zu sein.

Role Models und Gender Roles

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An sich klappt das aber ganz gut mit der weiblich induzierten Mannwerdung. Julie zeigt Jamie, wie man raucht, und zwar männlich, heißt: so tun, als würde man nicht drauf achten, ob andere auf einen achten. Und Abbie wird Jamie später klarmachen, dass Julie ihm nicht einfach so auf der Nase rumtanzen darf. Männlichkeit als Einübung von körperlichen Praktiken und romantischen Normen. Jahrhundertfrauen hat viel Freude beim Spielen mit der von Butler und Konsorten theoretisierten Performativität von Geschlecht, interessiert sich aber ebenso für den biopolitischen Pol feministischen Denkens: In diesem Film kommen Gebärmutterhalskrebs durch ein ungetestetes Fehlgeburtsverhinderungsmedikament (Abbie) ebenso vor wie Schwangerschaftsgefahr durch den männlicherseits gebrochenen Don’t-come-inside-me-Deal (Julie). Und Greta Gerwig hat eine Menge Spaß dabei, in einer Dinnertable-Szene den Anwesenden beizubringen, das Wort „menstruieren“ so beiläufig auszusprechen, wie es sich für einen derart natürlichen Vorgang eigentlich geziemte.

Biografien für zwischendurch

Aber jetzt erstmal Luft holen. Jahrhundertfrauen ist ein vollgestopfter Film, der vor Ideen nur so sprudelt, der aber geerdet wird von seinem durchweg tollen Cast und sich seine Pointen fast alle verdient. Es ist ein Film, der nicht, wie man aufgrund seines Titels vielleicht meinen könnte, ein paar „starke Frauen“ porträtiert, sondern struggelnde, sich gegen widrige Umstände behauptende Frauen begleitet, darin tatsächlich an die so raren wie eindrücklichen Heldinnen der New-Hollywood-Ära erinnert (in seinem Mutter-Sohn-Ding natürlich vor allem an Ellen Burstyn in Scorseses Alice Doesn’t Live Here Anmore (1974)). Und es ist ein Film, der darauf verzichtet, Nähe zu seinen Figuren zu behaupten, der sie lieber ausführlich erzählt als intensiv ins Close-up zu nehmen. Alle bekommen sie ihre Voice-over-Momente, dürfen resümieren und sich erklären, und allen widmet Mills in die Handlung eingestreute Kurzbiografie-Montagen, in denen wir allerhand Wissenswertes über die Figuren erfahren.

Struktur und Eigensinn

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Dass Jahrhundertfrauen also gerade nicht so subtil funktioniert, wie ein guter Film angeblich zu funktionieren hat – Backgroundinfos nicht billig zuschustern, sondern organisch in die Handlung einweben zum Beispiel –, ist nicht nur dem autobiografischen Ursprung von Mills’ Drehbuch geschuldet, sondern gehört zu seinem Programm: das Verhältnis von generationaler Prägung und individueller Gestaltung auszutarieren. Mehr als die „women“ ist das „20th Century“ in diesem Sinne Thema des Films, die entscheidenden Unterschiede zwischen einer Sozialisation während der Großen Depression (Dorothea), als Teil der sexuell revoltierenden Baby Boomer (Abbie) oder als Produkt ihrer Nachwehen (Jamie und Julie, die unter ihrer Therapeutinnen-Mutter leidet). In jedem Dialog, in jedem Verhältnis der Figuren untereinander müssen wir ihre Vergangenheit mitdenken, nicht als schicksalhafte Bestimmung, versteht sich, sondern als mitgestaltendes Element einer jeden gegenwärtigen Situation. Wenn sich Dorothea und William einmal heimlich die Platten der Jüngeren anhören, um nachzuvollziehen, warum für Fans der gerade entstehenden Hardcoremusik die Anhänger von Talking Heads hassenswerte „art fags“ sind, und daran freilich scheitern müssen, dann ist auch das nicht nur Gegensatzausbeutung zur Gagausbeute, sondern bringt die Sache auf den Punk.

So schwankt Jahrhundertfrauen stets zwischen Struktur und Eigensinn, zwischen der klaren Prägung der Figuren und ihren Idiosynkrasien, zwischen dem wilden Chaos seines vorantreibenden Plots und den diesem Plot zugrunde liegenden Ideen (die das Ganze aber niemals derart regieren, dass man das Gefühl hätte, sie seien hier bloß zu einem Drehbuch konkretisiert worden). So wie auch dieses Haus, in dem Dorothea ihre Zimmer vermietet, ziemlich rechtwinklig erscheint und man doch seinen Grundriss nie so recht zu fassen bekommt (außerdem hämmert William ständig irgendwo rum und renoviert irgendwelche Treppen). So wie auch die Kamera stets auf halber Distanz bleibt, den deutlichen Gefühlen ebenso misstraut wie visuellen Synthesen. Und so wie auch Annett Bening schwankt zwischen souveränem Auftreten und innerer Unruhe, zunehmend irritiert von der Neugier ihres naseweisen Sohnes, wie es ihr denn eigentlich so geht, so emotional und so, so ganz ohne Partner.

Mann mal ohne Funny Lines

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Wenn Bening dann in einem überraschenden Voice-over, wie einst ihr Filmpartner Kevin Spacey, auf den zukünftigen Tod ihrer Figur im Jahr 1999 hinweist, dann lässt sich dieser Film nicht nur als New-Hollywood-Genderkorrektiv, sondern auch als Kritik und Rache an American Beauty (eben: 1999) verstehen, in dem Bening noch neurotisch Hecken schneiden musste, gerade mal einen Ehebruch und ein bisschen lautes Mitsingen im Auto spendiert bekam, während Mann auf ihrem Rücken ganz unironisch seinen heroischen Ausbruch aus der Midlifecrisis zelebrieren konnte. In diesem Racheakt ist Billy Crudup als William ein hervorragender Handlanger. Sein Hippiegeschwafel nimmt niemand so richtig ernst, er ist so uncharismatisch, dass der Schnitt manchmal erst nach einer Weile bemerkt, dass er in der aktuellen Szene auch noch mit rumhängt. Und einmal fragt ihn Dorothea ganz ehrlich erstaunt: „You don’t have very many funny lines, do you?“ Da amüsiert sich dann ein Film ziemlich köstlich über sich selbst, und das irgendwie sehr zu Recht.

Trailer zu „Jahrhundertfrauen“


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