2046

Während er in seinem Hotelzimmer an einem Science-Fiction-Roman schreibt, verliert sich der Schriftsteller Chow (Tony Leung) zunehmend in einem Strudel von Erinnerungen an verflossene Affären. Der neue Film des Kultregisseurs Wong Kar Wai ist ein hoch stilisiertes Meisterwerk über die Neurosen der Liebe, das filmästhetisch radikal, wie subtil die Innenwelt seiner Hauptfigur erforscht. Dabei zeichnet er ein düsteres Bild der Vereinsamung des modernen Menschen und reflektiert gleichzeitig die politisch-kulturelle Situation Hongkongs.

2046

Die Filme Wong Kar Wais weisen selten direkte politische Referenzen auf, in seinem neuen Werk 2046 spielt jedoch der Titel auf ein Versprechen Deng Xiao Pings an. Als Hongkong 1997 von Großbritannien an China zurückgegeben wurde, ließ die chinesische Regierung verlauten, die ehemalige Kolonie hätte innerhalb der nächsten 50 Jahre keine Veränderungen zu befürchten. 2046 stellt das letzte Jahr dieses utopischen Vorhabens dar, die politische und kulturelle Situation Hongkongs zu erhalten. Die instabile Lage seines Herkunftslandes indirekt reflektierend, geht es auch in Wongs Film um das Dilemma, Vergangenes bewahren zu wollen, gleichzeitig aber aufgrund des Laufs der Zeit einen ungewissen Neuanfang in die Zukunft wagen zu müssen.

Hongkong 1966: Der Schriftsteller Chow (Tony Leung) träumt den alten Traum der Menschheit von Unvergänglichkeit. Er versucht sich in ein Hotelzimmer mit der Nummer 2046 einzuquartieren - ein Zimmer, das er mit Erinnerungen an eine alte Liebe verbindet. Doch aufgrund unglücklicher Umstände muss Chow das angrenzende Zimmer 2047 beziehen. Der Raum der Beständigkeit, in dem er hofft, die vergangene Affäre wiederbeleben zu können, bleibt ihm verschlossen; die Vergänglichkeit klopft, wie stets in Wongs Filmen, schicksalhaft an die Tür. Während er in seinem Zimmer an einem Science Fiction-Roman schreibt, erträumt sich Chow einen Ort der Zukunft, ein fiktives Hongkong, wo sich die Dinge niemals ändern. Doch diese Utopie wird von peinigenden, die Fantasie durchkreuzenden Erinnerungen an vergangene Liebesaffären Chows zerschlagen und ad absurdum geführt.

Episodenhaft lernen wir jene für Chow prägenden Frauen kennen, zu denen er Beziehungen aufbaute, die sich vor allem durch eines auszeichneten: Flüchtigkeit. Der vom französischen Existentialismus beeinflusste Wong interpretiert Liebe als Sisyphusarbeit. Immer wieder gehen die Figuren Beziehungen ein, nur um jedes Mal auf tragische Weise zu scheitern und das Spiel erneut von vorn beginnen zu lassen.

2046

Während der Film somit einen melancholischen Reigen über die Vergänglichkeit der Liebe, wie über die Zeitlichkeit der Dinge im allgemeinen zeichnet, entwickelt er eine soghafte Wirkung, die den Zuschauer in den Kopf, in die Innenwelt des Protagonisten hineinzieht. Selten gab es eine filmische Inszenierung, die so konsequent das Äußere, die reale Umwelt der Figuren, ausklammert und eine Bewegung nach Innen vollzieht. Auch in der seit längerem anhaltenden Flutwelle von Erinnerungs- und Innenwelt-Filmen wie etwa Memento (2000), Vanilla Sky (2001), Vergiß mein nicht (Eternal Sunshine of the Spotless Mind, 2004) oder Der Maschinist (El maquinista / The Machinist, 2004) gibt es kein Werk, das eine solch radikale, gleichzeitig subtile filmästhetische Sprache findet, um die Abkehr von der Wirklichkeit greifbar zu machen.

Mit 2046 betreten wir einen mentalen Raum. Mittels einer Inszenierung des Fragmentarischen zerschlägt Wongs Film die konventionellen Kategorien von Raum und Zeit. Die Geschichte zerfällt in die erinnerten Liebes-Episoden des Protagonisten, welche sich wiederum mit dessen fiktiver Sci-Fi-Romanwelt mischen. Bar jeder Chronologie erzählt Wong seinen Film in Flashbacks und Ellipsen. Die von Wongs langjährigem Kameramann Christopher Doyle fotografierte Bildebene entspricht dieser Fragmentarisierung der narrativen Ebene: Groß- und Nahaufnahmen sind die dominanten Einstellungsgrößen, wohingegen der Gebrauch von Totalen verschwindend gering ist. Wenn letztere dennoch zum Einsatz kommen, verkleinert Wong den Bildkader, indem er diverse Objekte innerhalb des Bildes derart arrangiert, dass sie die Sicht auf einen Großteil der Räumlichkeiten verhindern. Die Einheit des Raums wird in einzelne Bestandteile zerlegt und die Figuren darin, meist in 1er-Einstellungen mit wenig Tiefenschärfe gefilmt, voneinander isoliert. Die Wirklichkeit wird verzerrt und umgeformt in eben jenen mentalen Raum Chows.

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Die Fragmentarisierung der filmischen Perspektive entspricht auch der Wahrnehmung des Protagonisten: er empfindet die Welt als isolierend und einsam, Kontakte zwischen Menschen sind zum Scheitern verurteilt und währen nur einen Augenblick. Zunehmend verliert Chow in seiner Desorientierung den Bezug zur Realität, flieht in sein Inneres und wird Gefangener seiner Vergangenheit, wie seiner Utopie der Zukunft. Es scheint, als wäre dieser Rückzug vom Leben Folge von Verlusterfahrungen, insbesondere der gescheiterten Affäre mit der verheirateten Su Li Zhen (Maggie Cheung). Wong erzählt ihre gemeinsame Geschichte, ihr Kennenlernen, ihr sanftes Einandernäherkommen, sowie ihr Auseinandergehen bereits in seinem vorigen Film In the Mood for Love (2000). Sein neuer Film schließt daran an, als eine Fortsetzung der Liebesgeschichte mit nur einem der Partner, welcher allein mit seinen Erinnerungen zurückbleibt. Während Mood die Genese einer Liebe erzählt, zeigt 2046 nun die das Subjekt zersetzenden, neurotischen Folgen der Liebe.

Mit in jedem Moment stilsicherer Hand zeichnet Wong in diesem meisterhaften Dyptichon, wie im Rest seines Oeuvres, das düstere Bild des Menschen der modernen Gesellschaft, der als Individuum zunehmend vereinsamt. Die Rückkehr in die Gemeinschaft, nach der sich Wongs Figuren allesamt sehnen, bleibt eine Utopie - so fern wie Chows fiktive, unerreichbare Stadt der Zukunft, in der sich die Dinge niemals ändern, so unwirklich wie das Versprechen Deng Xiao Pings.

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Kommentare


Martin Zopick

Die Zahlensymbolik des Titels ist schon etwas übertrieben (Jahreszahl, Name des Hotels, Zimmernummer, Romantitel). Das kann man allerdings vernachlässigen. Die Längen in der Handlung sind gewöhnungsbedürftig und sie werden durch Wiederholungen (wie Geheimnis im Baum verstecken) und Untermalung mit Opernarien zusätzlich gedehnt. Die Handlung selbst ist mit anspruchsvoller Optik so versteckbuchselt, dass Konzentration erforderlich ist. Und die Kernaussage – mal abgesehen von der buddhistischen Rechtfertigung – betritt auch nicht gerade Neuland: jeder Mensch sucht Zuneigung und Liebe, kann sie aber nicht finden, weil er oder sie in seinem/ihrem eigenen Universum aus der Vergangenheit gefangen ist. So ist es letztlich ein Anti-Liebesfilm. Und wenn man wie die männliche Hauptfigur Chow (Tony Leung Chiu-wai) unendlich viel Zeit hat, kann man sie sich mit neckischen Spielchen zwischen Verlockung und Verführung vertreiben. Aus der Galerie der Schönen ragen zwei Promis heraus: Gong Li, die Ikone aus Fernost bildet den Rahmen als verhärmte und tränenreiche Falschspielerin und Zhang Ziyi, die Tiger-Drachen-Lilly, macht hier ihrem Namen nicht nur auf der Matratze alle Ehre.
Wong Kar-wai hat das Ganze auf ein melodramatisches Liebeskarussel gesetzt, bei dessen Rundfahrt es einem schwindelig werden kann. Gut gemacht, aber anstrengend.






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