20.000 Days on Earth

Zwischen Dokumentation und Selbstinszenierung: 20.000 Days on Earth bietet einen Einblick in das Leben des Nick Cave.

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Vermutlich hätte es vor 10 oder 20 Jahren niemand vermutet, aber Nick Cave erlebt im Herbst seiner Karriere einen künstlerischen Höhenflug und eine wohl kaum mehr für möglich gehaltene Popularität – mit größerer Breitenwirkung als je zuvor. Nachdem im letzten Jahr mit „Push the Sky Away“ ein zurückgenommenes und schwärmerisches Alterswerk von einem Album erschien, kommt jetzt ein Film in die Kinos, der den Versuch unternimmt, sich dem Menschen, dem Künstler und dem Mythos anzunähern, die in der Person dieses adrett gekleideten Endfünfzigers mit dem dunklen Blick unzertrennlich verschmolzen sind. Dass Nick Cave ein Meister des Theatralischen und der Stilisierung ist, wird bereits in den ersten Minuten von 20.000 Days on Earth subtil und doch überdeutlich ausgestellt.

A Portrait of the Artist as an Old Men

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Nachdem der Film mit einer atemlosen Zeitraffermontage wichtige Lebensstationen zu einem einzigen Bildrausch verdichtet hat, wird Cave als der subjektive Erzähler etabliert, als der er den Zuschauer von nun an durch seine Welt führen wird. Es ist 7 Uhr morgens im Schlafzimmer. In höchst stilisierten, langsamen Einstellungen wird der beginnende Tag inszeniert, Caves Stimme erzählt dazu aus dem Off, dass er am Ende des 20. Jahrhunderts aufgehört habe, ein Mensch zu sein. Let the legend begin. In lyrischen Monologen, die eher an Songzeilen erinnern denn an biografische Erinnerungen, erzählt Cave im Folgenden von seinem kreativen Schaffensprozess und seinem Leben als etablierter Künstler, der in der englischen Küstenstadt Brighton sein Exilzuhause gefunden hat. Parallel dazu sind Sequenzen montiert, in denen wir Cave bei der Interaktion mit seinem Umfeld sehen. Trotz der scheinbaren Trennung der objektiven und der subjektiven Passagen verschwimmen beide im Film fortan bis zur Unkenntlichkeit.

Inszenierte Privatsphäre

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Etwa in der Mitte des Films findet sich eine Szene, die das ästhetische und perspektivische Prinzip von 20.000 Days on Earth auf den Punkt bringt. Nick Cave sitzt bei seinem Therapeuten, man bekommt als Zuschauer Zugang zu einem ähnlich privaten Raum, wie es schon zu Beginn das Schlafzimmer gewesen ist. Die Themen, um die das Gespräch kreist, sind plakativ kondensierte Gemeinplätze der Psychoanalyse: Erinnern Sie sich an Ihre ersten sexuellen Erfahrungen? Wie würden Sie das Verhältnis zu Ihrem Vater beschreiben? Wovor fürchten Sie sich am meisten? Das Gespräch ist in verhaltenem Schuss-Gegenschuss inszeniert, was in seinem etwas sterilen Formbewusstsein einen auffälligen Kontrapunkt zu Caves Entblößungen bildet. Ähnlich wie diese Szene funktioniert der Film als Ganzes: Man bekommt Einblicke in das (Innen-)Leben Nick Caves, jedoch wird hier nichts zufällig eingefangen – alles ist ästhetisch bedachte, sorgfältige Inszenierung. Auch eine nächtliche Autofahrt mit Kylie Minogue ist eher stilisierter Akt denn ergebnisoffene Begegnung. Gängige Verfahren des Dokumentarfilms sucht man vergebens, seien es Interviews mit Weggefährten oder ruckelige Handkameraaufnahmen.

Metamorphosen eines Egos

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Wo etwa Martin Scorsese in No Direction Home – Bob Dylan (2005) oder George Harrison: Living in the Material World (2011) noch die multiperspektivische Annäherung an Dylan oder Harrison gesucht hat, hat man es bei 20.000 Days on Earth eher mit einer streng gebündelten Subjektive zu tun. So vergisst man zu keiner Sekunde, dass Cave hier der alle Fäden in der Hand haltende Choreograf ist. Die eigentlichen Regisseure Iain Forsyth und Jane Pollard sind keine bohrenden Nachforscher, sondern die willigen Erfüllungsgehilfen der Cave’schen Vision. Hier wird zielgerichtet umgesetzt, was Cave – der auch das Drehbuch mitverfasst hat – vorgibt. Ein durchaus diskutabler Ansatz, der auch in unangenehmer Selbstbeweihräucherung hätte enden können. Zum einen aber lockern viele durchaus humorvolle Szenen – etwa wenn Cave mit seinen beiden Söhnen und Popcorn in der Hand auf der Couch sitzt und Scarface (1983) schaut – die durchkomponierte Atmosphäre auf. Zum anderen erstickt die subjektive Inszenierung zu keiner Zeit die faszinierenden Elemente des Films: Der Erkenntnisgewinn funktioniert eben weniger über den unvermittelten Blick in den Künstleralltag als über einen Einblick darin, wie Cave sich selbst sieht, darstellt und gesehen werden möchte. Dass 20.000 Days on Earth nicht versucht, dem Künstler detektivisch auf den Grund zu gehen, sondern gleich weiter an dessen Stilisierung mitarbeitet, ist nur konsequent.

Trailer zu „20.000 Days on Earth“


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