2 Tage Paris

In dem Regiedebüt der Schauspielerin Julie Delpy trägt ein leicht neurotisches Paar - er Amerikaner, sie Französin - rasante Wortgefechte aus, die zunehmend schärfer werden und ihre Beziehung gefährden.

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Jack (Adam Goldberg) ist geschockt. Aus der Bibel von Marion (Julie Delpy), mit der er seit zwei Jahren zusammen ist, fällt das Bild eines Mannes, der grinsend in einem Türrahmen steht und bis auf einen großen Strauß bunter Luftballons unbekleidet ist. Jack stellt seine Freundin zur Rede, sie tut überrascht und behauptet, sie hätte es schlicht vergessen, es wäre ewig her und heute ohne jede Bedeutung. Ihn stört allerdings weniger die Tatsache, dass sie das Nacktfoto eines Vorgängers aufbewahrt, als dass eines in genau der gleichen Pose und Montur auch von ihm existiert - dabei dachte er doch, er sei für sie etwas Besonderes.

Der Ballon-Nudist ist nicht der einzige Ex-Freund, den der Amerikaner Jack während eines kurzen, aber intensiven Aufenthalts in der Heimatstadt seiner Partnerin verkraften muss, mit der er ansonsten in New York lebt. Es scheint, als würde in jedem Viertel von Paris ein ehemaliger Liebhaber lauern, allzeit bereit, Marion in seinem Beisein und ohne jegliche Hemmung anzuflirten, in einer Sprache, die er kaum versteht. Dazu gesellen sich noch ihre offenherzigen Spät-Hippie-Eltern, bei denen die beiden einquartiert sind, die lautstarken Taxifahrer und der Umstand, dass sämtliche Franzosen dem Klischee zu entsprechen scheinen, dauernd und detailliert über Sex zu reden.

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So wie Jack und Marion durch die Straßen von Paris streifen, Party, Restaurant und Kunstausstellung besuchen, währenddessen ohne Unterlass geistreich und wortwitzig plaudern, diskutieren und zunehmend streiten, haben es einst Woody Allens und Diane Keatons Figuren in Der Stadtneurotiker (Annie Hall, 1977) und Manhattan (1979) in New York vorgemacht. Dabei neigen die zynischen Männer zur Hypochondrie und Paranoia, die nervösen Frauen zu heftigen Gefühlsausbrüchen und merkwürdiger Kleidung und die Mütter zur Dominanz. Das Leben im Allgemeinen und zwischenmenschliche Beziehungen im Besonderen werden ständig betrachtet und kommentiert, hinterfragt und schließlich doch, mangels Alternative, für der Mühe wert befunden.

Die französische Schauspielerin Julie Delpy (Broken Flowers, 2005) hat bereits als Oscar-nominierte Co-Autorin von Richard Linklaters Before Sunset (2004) demonstriert, dass sie Dialoge schreiben kann. Während die Sprache von Linklaters Vorläufer Before Sunrise (1995) oft gekünstelt und insgesamt eher brav erscheint, weist die Fortsetzung weniger reflektierte und vielfach bissigere Unterhaltungen auf, was vermuten lässt, dass diese auf Delpys Konto gehen. Ihr Langfilmdebüt als Autorin und Regisseurin, für das sie außerdem Musik und Schnitt, Casting und Co-Produktion in die eigene Hand genommen hat, besticht dann auch in erster Linie durch die gepfefferten und pointierten Schlagabtausche eines Paares, das die romantischen Zeiten von Sonnenauf- und Sonnenuntergang schon eine Weile hinter sich gelassen hat.

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Sobald es über das Persönliche hinausgeht, Soziales oder Politisches ins Spiel kommt, übernimmt sich Delpy allerdings an einigen Stellen und will zuviel auf einmal. Auch der sporadische Voice-Over-Kommentar Marions zur eigenen Beziehung ist eher störend, als dass er Wissenswertes hinzufügt. Er soll das Geschehen in eine höhere, fast philosophische Bedeutungsebene heben, erreicht mit seinen größtenteils überflüssigen und banalen Betrachtungen aber im Gegenteil eine Herabsetzung. Das ist dann so, als würde man einen guten Witz erklären.

Ihre weniger romantische als sarkastische Tragikomödie hat Delpy überwiegend mit Familie und Freunden (einer davon Daniel Brühl) besetzt und während der Dreharbeiten laut eigener Aussage viel improvisieren lassen. Die Lebendig- und Unmittelbarkeit einer Reihe von Szenen erklärt sich somit wohl mit der tatsächlichen und nicht nur gespielten Vertrautheit der Darsteller. Diese ist deutlich spürbar und trägt zur Überzeugungskraft und Treffsicherheit der Situationen bei. Wenn Marion ihrer Mutter (Marie Pillet) vorwirft, sie würde die Katze verfetten lassen oder ihrem Vater (Albert Delpy), der als Zeitvertreib falsch geparkte Autos mit dem Hausschlüssel zerkratzt, rät, seinem Hobby doch lieber im Dunkeln nachzugehen und vor allem nicht in Anwesenheit des entsetzten Jacks, dann sind das keine weltbewegenden Momente. Sie unterhalten gerade aufgrund ihres privaten, manchmal trivialen Charakters, der charmant und punktgenau, mit Sinn für Humor und Timing, eingefangen wird und die den Debütfilm von Delpy auszeichnen.

 

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